Albrecht Abraham Schuch
&
Detlev Buck

Merken Sie sich diesen Namen: Albrecht! Abraham! Schuch! Denn dieser junge Mann spielt im Herbst den letzten großen deutschen Gelehrten (Alexander von Humboldt) in der Verfilmung des vorläufig letzten großen deutschen Bestsellers ("Die Vermessung der Welt") von Daniel Kehlmann.

(Foto: Sebastian Mader, Styling: Klaus Stockhausen, Jacke: Dior Homme, Shirt: Maison Martin Margiela)

Darf man hier rauchen? Albrecht Abraham Schuch ist gerade aus dem Schwedenurlaub zurück, war praktisch eben noch auf einer Fähre und steht jetzt braun gebrannt und barfuß in Shorts und T-Shirt in der Suite eines Berliner Hotels und sucht nach dem Aschenbecher, den es offenbar nicht gibt. Rauchen wäre schon gut, gibt er zu bedenken. Schließlich soll er gleich über seine erste Hauptrolle sprechen, die er nicht etwa in irgendeinem Film übernommen hat, sondern in "Die Vermessung der Welt", der Verfilmung eines der erfolgreichsten deutschen Romane überhaupt. Bislang konnte man den 27-Jährigen aus Jena vor allem in einer Handvoll TV-Produktionen sowie auf der Bühne des Berliner "Maxim Gorki Theaters" erleben. Doch dann wählte Regisseur Detlev Buck ihn aus, den Naturforscher Alexander von Humboldt zu spielen, was seiner Karriere einen ordentlichen Schub verpassen sollte. Aber wo ist Buck überhaupt? Er werde sich ein wenig verspäten, weil er noch letzte Hand an seinen Film anlegen muss, heißt es. Dann steht er plötzlich im Raum, einen Aschenbecher gibt es inzwischen auch, das Gespräch kann beginnen.

DETLEV BUCK: Schuch, wenn du die Fotos hier in dieser Zeitschrift siehst (hält das Augustheft von "Interview" in der Hand), hast du da ein bisschen Angst?

ALBRECHT ABRAHAM SCHUCH: Lustigerweise ist dies ja mein erstes Interview, das wir hier gerade führen. Und so eine Öffentlichkeit birgt natürlich erst mal auch …

BUCK: … Vorteile?

SCHUCH: Ja, Vorteile auch.

BUCK: Alle wollen in die Öffentlichkeit, jeder will PR machen. PR IST ALLES.

SCHUCH: Ja, PR gehört dazu, aber ob das alles ist, weiß ich jetzt nicht.

BUCK: Doch. Wenn du nichts verkaufst, bist du nicht da.

SCHUCH: Ist das so? Da hab ich doch schon mal was gelernt.

BUCK: Na ja.

SCHUCH: Man muss natürlich aufpassen, dass man sich die Dinge nicht irgendwie für die Öffentlichkeit zurechtlegt und sich als eine Person verkauft, die man eigentlich gar nicht ist. Ich versuche jedenfalls, mich nicht zu verstellen und mich zu etwas anderem zu machen. Ich will …

BUCK: … authentisch …

SCHUCH: … ja, authentisch bleiben. Aber dann will man ja auch nicht die kleinsten Details verraten. Wer weiß, wer das alles liest.

BUCK: Und was wären das für Details?

SCHUCH: Da würdest du jetzt gerne weiterbohren, nicht?

BUCK: Nö, will ich gar nicht wissen. Geheimnisse müssen bleiben. Eine Welt, die keine Geheimnisse hat, ist langweilig.

SCHUCH: Aber Angst vor Öffentlichkeit, nein, die hab ich nicht. Respekt habe ich, ja, Respekt ist wahrscheinlich das richtige Wort.

Making-Of: Albrecht Abraham Buch

BUCK: Du wusstest ja auch, worauf du dich einlässt. Ich habe übrigens noch nie jemanden erlebt, der sich so auf eine Rolle vorbereitet. Du hast mir erzählt, dass du in der Nacht vor dem Casting zu der Statue von Alexander von Humboldt gepilgert bist, um dessen Energie zu schöpfen. Und dort hattest du dann ja auch eine interessante Begegnung.

SCHUCH: Definitiv, mit einem zwei Meter großen Finanzberater, der schon sehr betrunken war und Humboldts Energie offenbar jeden Abend und jeden Morgen sucht.

BUCK: Sie ist das Mekka für Menschen, die Energie suchen, diese Statue von Alexander von Humboldt.

SCHUCH: Und tatsächlich ist der Funke übergesprungen. Ich habe ja auch noch eine Einladung bekommen von diesem Herrn in dieser Nacht, eine sehr vorsichtige und charmante Einladung. Da passte thematisch sozusagen alles zusammen. Eigentlich wollte ich mit ihm über Humboldt sprechen. Er wusste da auch ein bisschen was, aber dann hatte ich irgendwann seine Hand auf meiner Schulter. Und immer auf seine Hand schauend, meinte ich: „Der Alexander von Humboldt, der war ja auch homosexuell.“ Und er meinte: „Ich bin nicht schwul … Ich mag beides.“

BUCK: Im Film haben wir auf Humboldts Homosexualität ja ein bisschen über seinen Reisegefährten angespielt, aber nicht wirklich zum Ereignis werden lassen. Denn Humboldts Antriebskraft hatte damit nichts zu tun, die war einfach in ihm drin. Übrigens kann ich mir vorstellen, dass jemand, der alle seine Energien in Sexualität steckt, kaum noch Energie für etwas anderes hat. Wie siehst du das?

SCHUCH: Ich denke, dass unterdrückte sexuelle Energien zu etwas führen können. Die müssen ja auf irgendeine Weise kompensiert werden. Aber ob man dadurch gleich zu einem der bedeutendsten Naturforscher wird, weiß ich jetzt nicht.

BUCK: Humboldt hat seine Sexualität jedenfalls nicht zugelassen. Ich glaube nicht, dass Humboldt jemand war, der seine Sexualität ausgelebt hat.

SCHUCH: Na ja. Bei den drei, vier Wochen in Quito, wo er im Rotlichtmilieu verschwunden ist, weiß man es nicht. Er hat es zumindest gut zu verbergen gewusst.

BUCK: Ich habe mal einem Schauspieler, das war der Bernd Michael Lade, das Verbot erteilt, während der Dreharbeiten körperlichen Kontakt zu Frauen zu haben, damit er alle Energien in den Film packt. So wie bei einem Boxer. Glaubst du, dass das etwas bringt?

SCHUCH: Ich denke, das kommt auf die Rolle an. Also wenn man eine gewisse Durchlässigkeit haben will oder eine Tiefenentspanntheit, dann kann es unmittelbar vor dem Dreh vielleicht was bringen, körperlichen Kontakt zu einer anderen Person zu haben. Wenn man aber sehr wach sein will, dann … Oh Gott, jetzt rede ich mich gerade um Kopf und Kragen.

BUCK: (lacht) Das wird doch sowieso nicht eins zu eins übernommen. Außerdem hab ich mir überhaupt keinen Plan gemacht, wie ich das Gespräch führen soll. Es gibt keinen Punkt, auf den ich hinauswill, um zu sagen, dass irgendeine Sache so oder so ist. Das wäre ja auch blöde. Und jungen Schauspielern Ratschläge geben will ich auch nicht.

SCHUCH: Den besten Rat für Schauspieler habe ich nebenbei von dir in dieser Höhle in Österreich gehört. Der Rat war eigentlich für jemand anderen bestimmt. Es ging damals um eine Szene, die mehrmals wiederholt wurde. Anschließend kam die Frage, wie das nun gewesen sei. Du meintest dann, das sei schon ganz gut gewesen, und hast dann noch gesagt: „Das Problem mit euch Schauspielern ist immer, dass ihr zu lange im Bild bleiben wollt. Macht doch einfach.“ Den Rat habe ich mitgenommen, den habe ich mir sogar notiert in mein Indianertagebuch.

BUCK: Ja, Schauspieler wollen oft zu lange im Bild bleiben, das ist wirklich so. Es wird davon ja nicht besser. Bei einem Ohnmachtsanfall praktisch drei, vier Mal in Ohnmacht zu fallen ist ein einfach zu viel.

SCHUCH: Was hat dir an der Arbeit an unserem Film eigentlich am besten gefallen?

BUCK: Dass es hinaus in die Welt ging. Wenn du in Deutschland drehst, hast du ja nur eine bestimmte Auswahl an Locations. Du hast Hotels, ganz viele Hotels. Ich glaube, ich habe in Berlin schon jedes Hotel gesehen. Du hast Restaurants, Büros, Autos, und zwar von innen und ein bisschen auch von außen. Und du hast Wohnungen, Betten und Spaziergänge. Das sind so die Locations für deutschsprachige Filme. Und bei der Vermessung ging es nach Ecuador in den Dschungel zu den Huaorani. Hast du eigentlich auch den Trip gemacht zu dem Medizinmann?

SCHUCH: Ja, den Medizinmann, den habe ich tatsächlich getroffen.

BUCK: Du bist also noch länger geblieben?

SCHUCH: Ja, ja, ich bin dann noch für einige Tage richtig in den Dschungel rein (kramt in seinem Beutel nach einem kleinen Buch). Hab ich dir das eigentlich jemals gezeigt? Hier, das hab ich gezeichnet, so sah der Medizinmann aus. Ich finde, den hab ich ziemlich gut getroffen.

BUCK: Der hat ein bisschen was Asiatisches …

SCHUCH: Na ja, stimmt, die Augen so … Der war 91 Jahre alt und hat einen Stamm aus dem Wald herausgezogen, der bestimmt so 50 Kilo gewogen hat – und zwar ganz lässig. Und der hat immer so witzig gegähnt, weil der nachts immer seine Sessions gemacht hat.

BUCK: Hast du auch eine Ayahuasca-Session mitgemacht?

SCHUCH: Ja.

BUCK: Was nimmt man da eigentlich?

SCHUCH: Das wird aus einer bestimmten Liane und einer speziellen Blattart gewonnen. Dann wird es angereichert mit ein bisschen Wasser und noch einer anderen Flüssigkeit. Zum Schluss sieht es eigentlich aus wie ein Mexikaner-Drink, wie so ein Kurzer halt, im Prinzip wie Tomatensoße.

BUCK: Und das trinkt man?

SCHUCH: Ja, wichtig ist, dass man vorher nichts isst. Man bekommt bestenfalls eine kleine gebratene Banane zum Frühstück und darf dann den ganzen Tag nichts mehr essen, weil es ziemlich auf den Magen schlägt. Die meisten Leute müssen sich davon auch sofort übergeben. Ich war kurz davor und musste von einem der Indianer zum Klo geführt werden – die sind da sehr rücksichtsvoll und passen auf, dass es allen gut geht.

BUCK: Und, hast du eine Begegnung gehabt?

SCHUCH: Es hieß, dass man Tiere sieht – und das ist mir auch tatsächlich passiert. Ich habe Wölfe gesehen, die sich um ein Feuer versammelt haben – und das war wirklich wie real. Man sieht quasi den Raum, in dem man sich befindet, das war in meinem Fall ein aus Blättern gefertigtes Dach, unter dem wir an einem Feuer saßen … Man muss sich das im Grunde so vorstellen, dass man das, was man in der Session sieht, auf das projiziert, was man ohnehin vor sich hat. Jedenfalls kamen dann die Wölfe und haben sich um das Feuer gesetzt und sich ihre Träume erzählt.

BUCK: Ihre Träume?

SCHUCH: Ja, da hat sich auch ein bisschen was von dem mit reingemischt, was ich auf der Reise erfahren habe über die Indianer, nämlich dass die Indianer aus dieser Gegend des Amazonas immer nachts um vier aufstehen, um sich ihre Träume zu erzählen.

"Die Vermessung der Welt"

"DIE VERMESSUNG DER WELT" LÄUFT AM 25. OKTOBER 2012 IN DEN KINOS AN. WEITERE INFORMATIONEN FINDEN SIE HIER.

 

DAS VOLLSTÄNDIGE GESPRÄCH FINDEN SIE IN DER AKTUELLEN OKTOBER-AUSGABE VON INTERVIEW AB SEITE 120.