INTERVIEW:
Florian David Fitz

Wie spielt man Jesus? Und: Ist ihn zu spielen nicht genauso oberflächlich, wie übers Wasser zu gehen? Florian David Fitz wollte genau das herausfinden. Also hat sich der Star aus "Doctor’s Diary" und "Vincent will Meer" hingesetzt und das Drehbuch zu "Jesus liebt mich" geschrieben. Weil das nicht reicht, hat der Münchner gleich die Hauptrolle übernommen. Und, bevor wir es vergessen, Regie geführt hat er ebenfalls. Aber das kann man von einem Heilsbringer ja auch mal erwarten.

INTERVIEW: Florian, wo möchtest du sitzen?

FITZ: Lass uns doch hier die Liegestühle nehmen. Hast du schon mal ein Interview mit so einer guten Aussicht geführt?

INTERVIEW: Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern.

FITZ: Wir können über die Dächer der Stadt blicken.

INTERVIEW: Wir können die Gedanken schweifen lassen.

(Kellnerin kommt)

KELLNERIN: Do you already know what you want to drink or shall I leave you for a moment?

FITZ: Ich nehm eure Limonade.

KELLNERIN: Fresh lemonade, okay.

INTERVIEW: Wäre was mit Alkohol eigentlich total unangemessen?

FITZ: Nein, das wäre so was von angemessen.

INTERVIEW: Dann nehme ich einen Gin Tonic.

KELLNERIN: Gin Tonic, yes. Do you have a member card?

INTERVIEW: Setzen Sie das doch bitte auf meine Zimmerrechnung, danke.

(Kellnerin geht)

INTERVIEW: Ist es nicht absurd, dass die hier immer Englisch mit einem reden, obwohl man auf Deutsch antwortet und sie selbst auch Deutsche sind? Manchmal tun die sogar so, als würden die kein Deutsch verstehen.

FITZ: Ist das wirklich so?

INTERVIEW: Ja.

FITZ: Das glaube ich dir nicht.

INTERVIEW: Doch. Ich lüge nie.

FITZ: Ja, ganz bestimmt, du lügst nie. Wie oft lügt man pro Tag? 60 Mal?

INTERVIEW: Keine Ahnung. Du hast gerade deinen ersten Film gedreht.

FITZ: Du meinst den ersten Film, bei dem ich auch Regie geführt habe?

INTERVIEW: Klar, ich rede von "Jesus liebt mich". Wie war das?

FITZ: Erstaunlich gut. Erst hatte ich Schiss, aber dann, zwei Monate bevor es losging, hatte ich überhaupt keine Zeit mehr, mir Sorgen zu machen. Man hat so viel zu tun, dass sich die Frage nach Angst gar nicht erst stellt. Dabei fand ich die Arbeit als Regisseur sogar weniger anstrengend als das Schauspielern, wo man immer nur für seine Szenen präsent sein muss und zwischendurch kaum etwas zu tun hat. Als Regisseur bist du gleichmäßig auf Hochtouren – und abends fällst du ins Bett und schläfst.

INTERVIEW: Wird man dabei nicht zum Kontrollfreak?

FITZ: Ach, tendenziell bin ich sowieso ein Kontrollfreak, insofern war das keine so neue Erfahrung.

INTERVIEW: Was hat dich an dem Film interessiert?

FITZ: Die Frage, wie man aus so einem Stoff ein Trojanisches Pferd macht. Was würde man Gott fragen, wenn man ihm plötzlich gegenübersäße? Welche Fragen hätte man, wenn man Jesus begegnen würde? Das heißt natürlich nicht, dass man auch Antworten bekommt. Hast du die Buchvorlage gelesen?

INTERVIEW: Nein, ich habe darüber nachgedacht, aber der Umschlag hat mir nicht gefallen.

FITZ: Verstehe.

INTERVIEW: Wie schafft man es, Jesus als Figur interessant zu gestalten? Der ist ja grundgut, ein bisschen wie Superman. Der hat keine Untiefen.

FITZ: Das war die Herausforderung: Wie spielst du ihn, ohne dass er zur Schablone wird? Ich habe versucht, ihm eine Entwicklung zu geben, ihn als eine Figur zu zeigen, die vom Menschsein verführt wird. Jesus ist ja schon mal Mensch gewesen. Damals hat er damit aber nicht so gute Erfahrungen gemacht.

INTERVIEW: Wieso weiß er eigentlich nicht, wie Tomaten schmecken?

FITZ: Weil es die vor 2 000 Jahren in seiner Gegend noch nicht gab. Die kamen erst nach der Entdeckung Amerikas in die Alte Welt.

INTERVIEW: Über die Pizza hat er sich hingegen nicht so gewundert. Die hat ihn wohl an Fladenbrot erinnert.

FITZ: Ja, genau, Fladenbrot.

INTERVIEW: In dem Film tauchen auch einige alte Bekannte aus "Doctor’s Diary" auf.

FITZ: Ja, das hat mich total gefreut, dass die mitgemacht haben. Normalerweise gewinnt man so gute Schauspieler nicht dafür, so kleine Rollen zu spielen. Aber wenn man befreundet ist, dann machen die das, und die machen das super.

Interview: "Doctor’s Diary" war ohnehin großartig. Das ganze Setting war so erfreulich absurd. Vor allen Dingen saßen die Pointen. Das hat man in Deutschland ja nur selten.

FITZ: Stimmt.

INTERVIEW: Was die Dialoge betrifft, hat mich Jesus liebt mich durchaus an "Doctor’s Diary" erinnert. Das ging immer so: zack, zack, zack.

FITZ: Manchen geht es sogar zu schnell, meinen Eltern zum Beispiel. Wir sind dieses Pointentempo ja mittlerweile gewohnt.

INTERVIEW: Durch hartes Sitcom-Training.

FITZ: Ja, aber wenn man nur diese Art von Dialogen hat, dann kommt am Ende nur eine Sitcom dabei heraus, da muss man aufpassen. Irgendwann muss es auch um etwas gehen. Sonst hast du halt "Friends". Das ist zwar gut, aber für einen Kinofilm ist es vielleicht zu wenig, da braucht man ein bisschen mehr.

INTERVIEW: Hast du eine Karrierestrategie?

FITZ: Es wäre schön, wenn ich eine Balance hinbekäme zwischen anspruchsvolleren und kommerzielleren Filmen. Davon träumt ja eigentlich jeder. Schau dir die Leute in Hollywood an. Wenn George Clooney zum Beispiel "The Ides Of March" dreht, dann weiß er genau, dass sich nicht Massen von Leuten den Film ansehen werden. Aber er muss auch andere Filme drehen, um die Möglichkeit zu bekommen, einen solchen Film drehen zu dürfen. Und wenn ich eindeutig kommerzielle Filme drehe, dann solche wie "Männerherzen", von denen ich sagen kann: „Das hat auch Herz. Das ist nicht nur Kalkül.“ Deswegen kann ich das auch bei Simon (Verhoeven, Regisseur von "Männerherzen") oder Matthias (Schweighöfer) oder Til (Schweiger) akzeptieren. Til liebt das, was er macht. Er hat mir für "Jesus" ziemlich gute Tipps gegeben. Er hat sich den Film angeschaut und meinte, an der und der Stelle werden die Leute so und so reagieren. Und das haben die dann auch tatsächlich getan. Er weiß einfach, wie das Publikum tickt. Nicht aus einem Kalkül heraus, sondern das ist sein Talent.

INTERVIEW: Stimmt.

FITZ: Leider gibt es in Deutschland die Tendenz, Leute mit kommerziellem Erfolg zu kritisieren.

INTERVIEW: Ist das so? Ist es nicht vielmehr so, dass man sich die Filme anschaut und hofft, dass sie einem gefallen, aber so sehr man sich auch anstrengt, es funktioniert einfach nicht?

FITZ: Ja, das kenne ich auch. Manche deutsche Produktionen haben einen irren Erfolg, und dann schaue ich sie mir an und denke, ich verstehe die Welt nicht mehr. Wenn es das ist, was die Leute sehen wollen, dann habe ich keinen Schimmer davon, was sie wollen. Aber vielleicht muss man auch aufhören, daran rumzumäkeln, weil diese Filme wiederum einen Freiraum für andere Filme schaffen. Ich bekomme Aggressionen, wenn ich Leute sagen höre: „Deutsche Filme sind alle scheiße!“ Ich frage dann nur: „Welche Filme hast du gesehen?“ „Ja, gar keine, weil die scheiße sind.“ Entweder sind sie kommerziell oder nicht kommerziell genug. Und ich bin ja selber auch so. Ich schaue mir auch viel zu wenig an. Dabei gibt es viele spannende Produktionen. Es ist Bullshit, dass die nicht gut sind.

INTERVIEW: Deutschland ist eben kein Kinoland.

FITZ: Deutschland ist ein Fernsehland.

DAS VOLLSTÄNDIGE GESPRÄCH FINDEN SIE IN DER DEZEMBER/JANUAR-AUSGABE VON INTERVIEW.

Making-Of: Florian David Fitz

"JESUS LIEBT MICH" KOMMT AM 20. DEZEMBER 2012 IN DIE KINOS. 

- HARALD PETERS

 

HAARE & MAKE-UP Stelli mit Produkten von Tom Ford
FOTO-ASSISTENZ Angela Improta, Kristina Weinhold
DIGITAL OPERATOR Giuliano Carparelli
STYLING-ASSISTENZ Rebeca Pimentel
PRODUKTION Frank Seidlitz, Dorothea Fiedler
DANK AN DELIGHT STUDIOS BERLIN

19.12.2012 | Kategorien Film, Interview | Tags , , ,