Oscar Isaac im Interview

Als Oscar Isaac erfuhr, dass Joel und Ethan Coen einen Film über die New Yorker Folkszene der frühen 60er Jahre drehen wollten, sah er seine Chance gekommen. Der 33-Jährige las sich durch die entsprechende Literatur, lernte Songs und hoffte, die Coen-Brüder (The Big Lebowski, No Country For Old Men) würden sich nicht daran stören, dass er nicht einmal ansatzweise Ähnlichkeit mit jenem Dave Van Ronk hatte, auf dessen Lebensgeschichte der Film beruhen sollte.
Van Ronk hatte irische Vorfahren und die Statur eines Riesen, Isaac ist eher klein, und seine Eltern stammen aus Guatemala und Kuba. Für die Coen-Brüder war er die Rettung. Zuerst hatten sie einen Musiker gesucht, der auch spielen kann, danach einen Schauspieler, der musiziert. Doch erst in Oscar Isaac fanden sie jemanden, der Schauspieler und Musiker in einer Person ist. Nach Nebenrollen in Drive, Sucker Punch und The Bourne Legacy hat er jetzt in dem großartigen Inside Llewyn Davis an der Seite von Carey Mulligan, John Goodman und Justin Timberlake seine erste Hauptrolle – als der glücklose Folksänger Llewyn Davis, dessen Karriere einfach nicht in Fahrt kommen will.

Oscar Isaac, Foto: David Burton, Styling: Karen Clarkson, Jacke: Paul Smith, Rollkragenpullover: John Smedley, Hose: Burberry Prorsum

 

Interview: Oscar, wird Llewyn Davis es jemals als Musiker schaffen?

OSCAR Isaac: Das hängt davon ab, was Sie mit „schaffen“ meinen.

Interview: Wird er ein Publikum finden?

Isaac: Das hoffe ich zumindest. Aber er ist möglicherweise nicht das, was man sich als Zuschauer wünscht. Er ist nicht extrovertiert genug, kein Showman. Dass aus ihm ein Bob Dylan wird, ist eher unwahrscheinlich.

Interview: Sie haben früher selbst als Musiker auf der Bühne gestanden.

Isaac: Ja, damals in Miami mit meiner Band, den Blinking Underdogs. Wir haben Punk und Ska gespielt.

Interview: Und Sie waren der Sänger?

Isaac: Ja, Sänger und Gitarrist. Wir haben jede Menge Konzerte gegeben, auf Festivals gespielt, zusammen mit Green Day, den Stone Temple Pilots und so.

Interview: Aber dann wollten Sie Schauspieler werden. Isaac: Nein, ich war bereits einer. Ich habe in Miami am Theater gespielt. Davon habe ich gelebt.

Interview: Nicht von der Musik?

Isaac: Nein, nicht wirklich. Durch die Konzerte kam zwar ein bisschen Geld rein, aber wir waren eine Ska-Band mit Bläsern und allem Drum und Dran. Und wenn man Gagen durch sechs teilen muss, bleibt nicht viel übrig. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich Ska nicht so richtig durchsetzen konnte, haha. Jedenfalls wurde ich dann von einem New Yorker Theater für ein kleines Stück engagiert. Gleich um die Ecke war die Juilliard, die New Yorker Schauspielschule. Also habe ich mich beworben, und die Juilliard hat mich tatsächlich genommen. Danach musste ich mich leider von der Band trennen.

Interview: Womit auch ihr Ende besiegelt war?

Isaac: Ja.

Interview: Sind die Leute von der Band sauer auf Sie?

Isaac: Nein, nein, die spielen längst in anderen Bands. Interview: Ihr erster großer Film war 2006 The Nativity Story von Catherine Hardwicke. Darin spielten Sie Joseph.

Isaac: Ja, obwohl, eigentlich hatte ich meine erste große Rolle in Pu-239, einem HBO-Film. Aber danach kam gleich der Maria-und-Joseph-Film.

Interview: Auf welche Filme sind Sie besonders stolz?

Isaac: Hm … auf diesen hier?!

Interview: Ach nee!

Isaac: Ich glaube, in Drive war ich ganz gut.

Interview: 10 Years mochte ich auch.

Isaac: Danke, Mann! Danke!

Interview: In Ridley Scotts Body Of Lies werden Sie leider relativ frühzeitig erschossen.

Isaac: Das war mein Schicksal in vielen Filmen: der Freund des Helden zu sein und umgebracht zu werden, damit die Handlung in Gang kommt. So war es in The Bourne Legacy, in Drive, in Body Of Lies.

Interview: Als Inside Llewyn Davis in Cannes gezeigt wurde, haben sich viele über den Newcomer Oscar Isaac gewundert: Wo kommt der denn her?

Isaac: Dabei war es bereits mein drittes Mal in Cannes.

Interview: Fühlten Sie sich übersehen?

Isaac: Nein, ich habe davor ja eigentlich nur Nebenrollen gespielt. Nun bin ich in jeder Szene zu sehen.

Interview: Ein Regisseur hat mir mal erklärt, dass es einen Unterschied zwischen Schauspielern und Filmstars gibt. Schauspieler verschwinden in ihrer Rolle, während ein Filmstar im Grunde immer die gleichen Figuren spielt.

Isaac: Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Dustin Hoffman ist auf jeden Fall ein Schauspieler. Aber ist er nicht auch trotzdem ein Filmstar?

Interview: Ich glaube, der Regisseur dachte bei Filmstars eher an Bruce Willis und Tom Cruise.

Isaac: Ich weiß gar nicht, was ein Filmstar überhaupt ist.

Interview: Was den Film Inside Llewyn Davis angeht, sind Sie zumindest eindeutig der Star. Als Schauspieler und Musiker bestens für die Rolle gewappnet.

Isaac: Geht so, ich konnte die Gitarre nicht so spielen, wie es für die Rolle vorgesehen war. Die Handlung beruht ja lose auf Dave Van Ronks Biografie The Mayor of MacDougal Street. Und Dave Van Ronk spielte die Gitarre mit einer besonderen Technik. Aber glücklicherweise traf ich in New York einen Typen, der damals mit Van Ronk Musik gemacht hat. Der wohnte tatsächlich in der MacDougal Street, nahm mich mit zu sich nach Hause und brachte mir das Travis Picking bei.

Interview: Was ist daran so besonders?

Isaac: Dass der Daumen die Funktion eines Metronoms hat. Spielen Sie?

Interview: Leider nicht.

Isaac: Okay. Der Daumen spielt jedenfalls die ganze Zeit den Bass, während die Finger Melodie und Gegenmelodie spielen. Es passieren also drei Sachen zur gleichen Zeit.

Interview: Klingt kompliziert. Ist es kompliziert?

Isaac: Sehr. Aber wenn man erst einmal den Dreh raus hat, ist es, als würde man surfen.

Interview: Und dann sind Sie zum Vorspielen gegangen, haben mit Travis-Picking-Technik vorgespielt, woraufhin die Coens sagten: "Du bist unser Mann!"

Isaac: Nein, zunächst ging ein Monat ins Land, in dem nichts passierte. Es war hart. Ich habe die Götter angefleht: "Gebt mir diese Rolle!" Aber ich musste warten, warten, warten.

Interview: Wie viele Songs singen Sie eigentlich in dem Film? Fünf, sechs? Und Sie sind längst nicht der Einzige, der singt.

Isaac: Ich glaube, ich habe sechs Songs. In Inside Llewyn Davis steckt fast mehr Musik als in einem Musical.

 

Das vollständige Gespräch finden Sie in der aktuellen Dezember-/Januar-Ausgabe von INTERVIEW.

 

"Inside Llewyn Davis" läuft jetzt in den Kinos. Weitere Informationen zum Film finden Sie hier.

- Harald Peters