METAL LOVE - Louise Gibson im Interview

Keine macht aus Schrott so schöne Skulpturen wie Louise Gibson. Am Freitag eröffnet im HilbertRaum eine Gruppenaustellung der talentierten Künstlerin. INTERVIEW hat die Schottin in ihrem Atelier getroffen – zwischen Wassertank und Yogamatte.

Louise Gibson © Trevor Good

Im Zwinger bellt ein Schäferhund, vor einer Kulisse aus glänzenden Schrottbergen hebt ein Kran seinen mechanischen Arm, auf der Laderampe rumpelt ein Lkw. Inmitten dieser urbanen Romantik befindet sich das Atelier von LOUISE GIBSON. Die 30-jährige Schottin zog vor zwei Jahren nach Berlin. Auf einem Schrottplatz in Lichtenberg arbeitet sie an Skulpturen zum Anbeißen.

INTERVIEW: Louise, kürzlich haben Sie angefangen, Ihre Skulpturen als Live-Performance vor Publikum zu bauen.

LOUISE GIBSON: Ja, man könnte das als eine Art skulpturale Skizze bezeichnen. Dabei muss es viel schneller gehen als hier im Atelier. Ich nehme zum Beispiel ein Stück Schaumstoffbahn, ein paar Werkzeuge und einige Schrauben und fange dann an, das Material vor Ort festzuschrauben und damit Formen zu schaffen.

INTERVIEW: Was gefällt Ihnen besonders daran, Sachen zu fixieren?

GIBSON: Durch die Fixierung der weichen Materialien entstehen sehr fließende Bewegungen, Formen und Falten. Eigentlich sieht das Objekt aus, als wäre es modelliert. Und die Schrauben halten das Ganze erst zusammen.

 

Louise Gibson: “Als ich in Schottland war,
habe ich alte Badematten eingesammelt.
Meine Mutter hat sich sehr geschämt

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INTERVIEW: Steht man vor Publikum nicht besonders unter Druck?

GIBSON: Zu Beginn war ich schon nervös, da ich sonst für mich allein im Atelier arbeite. Aber jetzt habe ich festgestellt, dass mir die Performances nicht nur Spaß machen, sondern mir vor allem dabei helfen, an meine Grenzen zu gehen und schneller zu entscheiden.

INTERVIEW: Das geht öffentlich natürlich besser.

GIBSON: Genau. Man weiß: Das muss jetzt irgendwie funktionieren. Außerdem denke ich, dass es für die Leute tatsächlich interessant ist, live zu sehen, wie ein Bildhauer arbeitet, wie eine abstrakte Skulptur entsteht.

INTERVIEW: Stimmt.

GIBSON: Die Arbeit im Atelier bedeutet Schweiß, körperliche Anstrengung, dreckige Klamotten und stundenlanges Überlegen. Und dann zieht man sich für eine Ausstellung ein schönes Kleidchen an, steht neben der Skulptur in der Galerie und sagt „Tadaaa“. Irgendwie passt das nie so richtig. Insofern sollen die Performances helfen, auch die arbeitstechnische Seite mehr zu zeigen.

The eruption of the coward, 2014

INTERVIEW: Sie sind ein sehr femininer Typ. Überrascht es die Leute, dass Sie diese massiven Skulpturen anfertigen?

GIBSON: Ja, schon. Viele denken, da muss entweder eine krasse Maschine oder ein richtig starker Typ am Werk gewesen sein.

INTERVIEW: Ich verspüre manchmal fast das Verlangen, in Ihre Arbeiten reinzubeißen.

GIBSON: Das kann ich gut verstehen: Amalgamate zum Beispiel ist ein zerdepperter Aktenschrank mit einer Bauplane – und sieht auf eine Art doch aus wie ein saftiger, leckerer Kuchen mit Zuckerguss.

INTERVIEW: Das Werk mit dem Titel The eruption of the coward war in einem anderen Leben mal ein Wassertank.

GIBSON: Den habe ich vor der Tür auf dem Schrottplatz entdeckt, ich sah nur die gelben Ecken aus dem riesigen Metallberg herausblitzen – eine tolle Farbe! Die Jungs haben mir geholfen, den Tank mit einem Kran rauszuheben, und ich musste dann erst mal die gesamte Auskleidung entfernen, das Füllmaterial und die Rohre. Am Ende blieb nur das nackte Skelett des ehemaligen Tanks übrig. Von diesem Moment an war ich ständig auf der Suche nach einem passenden Material, nach dem richtigen Partner für den Wassertank.

INTERVIEW: Wie wählt man denn den Lover eines Wassertanks aus?

GIBSON: Oh, da gibt es viele Faktoren … Doch dann bin ich auf einmal auf diese Yogamatten gestoßen, die sowohl farblich als auch von der Textur perfekt gepasst haben.

INTERVIEW: Denn Yogamatten sind …

GIBSON: … sehr gefühlvoll, sehr sinnlich. Sie sind sexy, lebhaft und stark, und man möchte sie gern anfassen. Das gefällt dem Betrachter.

Amalgamate 2012

INTERVIEW: Sagen Sie, so ein Schrottplatz erfüllt eher nicht die Vorstellung eines romantischen Künstlerateliers, oder?

GIBSON: Nein (lacht). Aber ich fühle mich hier sehr wohl. Ich will mein Atelier nicht in einem Block von Ateliers haben, wo viele andere Künstler sind. Ich arbeite gern bodenständig.

INTERVIEW: Oft hat man in der Kunstwelt den Eindruck, dass alle gern unter sich bleiben.

GIBSON: Was für mich recht einschüchternd ist, um ehrlich zu sein. Ich bin ein praktischer Typ und keine Akademikerin.

INTERVIEW: Und Inspiration kann man ja überall finden.

GIBSON: Axel, dem der Schrottplatz gehört, würde höchstwahrscheinlich unter anderen Umständen kein Freund von mir werden – und ich wiederum keine Freundin von ihm. Er spricht meine Sprache kaum, mein Deutsch ist nicht besonders gut. Ihm gehört ein Schrottplatz – ich mache Kunst.

INTERVIEW: Wahrscheinlich laufen Sie ohnehin mit speziellem Blick durch die Straßen.

GIBSON: Kürzlich kam meine Mitbewohnerin nach Hause und regte sich total darüber auf, dass jemand vor unserem Haus eine Matratze liegen gelassen hat. Ich fand’s super und bin sofort runter, um sie zu retten.

INTERVIEW: Sie tarnen sich als Künstlerin, sind aber eigentlich ein neurotischer Messie?

GIBSON: (lacht) So schlimm ist es nicht, aber ich sammle viel. Als ich kürzlich in Schottland bei meinen Eltern war, habe ich all ihre alten Badematten eingesammelt und im Handgepäck mitgebracht. Meine Mutter hat sich sehr dafür geschämt.

INTERVIEW: Und Ihr Vater?

GIBSON: Der kann mit meiner Kunst nichts anfangen. Das ist auch total okay. Ich mag seine Ehrlichkeit.

von Anneli Botz

alle Bilder 2012, 2013, 2014 Trevor Good

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Strategic acts of seeing and knowing, and not

teilnehmende Künstler:

Juan Arata
Sarah Dale
Louise Gibson
Elin Ryd
Samantha Sethi
Madeline Stillwell

kuratiert von Andy Holtin

Eröffnung: Freitag 03.07.2015, 18:00 – 22.00 Uhr
Dauer: 03. – 12.07.2015

HilbertRaum – Reuterstr. 31 – 12047 Berlin

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