"Love Story"
Hollywood-Stars als Bauchredner

Wie erzeugt man Mitgefühl mit Flüchtlingen? In der Videoin­stallation Love Story lässt die in Berlin lebende Künstlerin Candice Breitz die Schauspieler Julianne Moore und Alec Baldwin Geschichten von Syrern und Somalis erzählen.

Julianne Moore

„Berlin from studio window“, postet Candice Breitz immer mal wieder auf ihrer Facebook-Seite. Es ist eine Liebeserklärung an die Stadt, in der sie seit 2002 lebt und arbeitet. Ursprünglich stammt sie aus Johannesburg. Das spürt man auch in ihrem Werk. Es ist geprägt von der Erfahrung, in einem System der Ausgrenzung und Entwürdigung auf der privilegierten Seite aufzuwachsen. Ihre Arbeiten – zumeist Fotografien oder großformatige Videoinstallationen – befragen Identität und Identifikation: Wie entstehen soziale Normen, wie popkulturelle Rollenbilder? Welche Macht haben sie über uns? Hierfür montiert und sampelt sie Szenen aus Hollywoodfilmen und Musikvideos, porträtiert Fans oder lässt Menschen zu Wort kommen, die im Mainstream keinen Platz finden.

INTERVIEW: Frau Breitz, Ihre aktuelle Arbeit handelt von Geflüchteten und ihren Geschichten. Was war Ihr Motiv, genau diese zu erzählen?

CANDICE BREITZ: Richtig, es geht um die Frage, unter welchen Bedingungen wir zu Empathie fähig sind. Was erregt unsere Aufmerksamkeit? Wohinein investieren wir Zeit und Mitgefühl?

INTERVIEW: Der Philosoph Richard Rorty schreibt sinngemäß, dass wir dann das größte Maß Solidarität aufbringen, wenn wir andere nicht als andere, sondern als zu uns gehörig empfinden. Sie lassen die Hollywoodstars Julianne Moore und Alec Baldwin die Schicksalsgeschichten von Flüchtlingen nachspielen, die Sie interviewt haben.

BREITZ: Ja, die Frage, wie Bilder wirken, hat mich immer beschäftigt. Love Story war somit auch eine Reaktion auf die gewaltige Empathie, die das Foto des ertrunkenen Alan Kurdi im letzten Sommer ausgelöst hat. Warum gerade dieses Bild? Und wieso hat diese Empathie nicht angehalten? Und: Wie schafft man ein Wir?

INTERVIEW: Wieso geht das nicht mit den echten Personen?

BREITZ: Lassen Sie es mich so erklären: Hollywoodfilme spielen ja zunächst mit einem falschen Wirgefühl. Da wird eine Liebesgeschichte, verkörpert von Superstars, mit einem politischen Inhalt verbunden, und schon wird daraus ein Blockbuster. Nehmen Sie zum Beispiel Blood Diamond. Leonardo DiCaprio und Jennifer Connelly vor der Kulisse des Bürgerkriegs in Sierra Leone. Am Ende aber identifizieren wir uns mit Connelly und DiCaprio, nicht mit den Figuren im Hintergrund.

INTERVIEW: Sie zielen auf den gegenteiligen Effekt.

BREITZ: Love Story ist so etwas wie die Umkehrung der Hollywoodformel für Liebesfilme: Stars ja, Romanze nein, und die Stars im Vordergrund werden zur Stimme für die im Hintergrund.

INTERVIEW: Sie nennen das „channeln“. Was hat es damit auf sich?

BREITZ: Ich finde es unerträglich, dass ständig über die Geflüchteten geredet wird, aber kaum mit ihnen. Sie kommen in der Presse meist als entindividualisierte Masse vor – Empathie wird da nahezu unmöglich. Daher möchte ich auch hier nicht für die sprechen, die ihr Schicksal mit mir für Love Story geteilt haben. Als Künstlerin kann ich diesen Geschichten einen Raum geben. Ich setze Julianne Moore und Alec Baldwin gewissermaßen als Bauchrednerpuppen der Geflüchteten ein, sie sind der Aufmerksamkeitsköder.

INTERVIEW: Wie haben Sie es geschafft, dass zwei Hollywoodstars – eine Oscar-Preisträgerin, ein Nominierter – drei Tage lang ohne Gage für Sie gearbeitet haben?

BREITZ: 2009 habe ich in einer New Yorker Galerie meine Arbeit Him + Her gezeigt …

INTERVIEW: Für die Sie Filmsequenzen mit Jack Nicholson und Meryl Streep collagiert haben …

BREITZ: Ja, und daraufhin hat Alec Baldwin bei mir angerufen. Erst dachte ich, Freunde würden sich einen Scherz mit mir erlauben. Ihm hat die Arbeit so gut gefallen, er wollte, dass ich etwas Ähnliches mit seinen Filmen mache. Ich sagte: „Das ist toll, danke.“ Aber wenn ich die Arbeit noch einmal mit seinen Filmen machen würde, wäre es nichts Neues. Wir haben seither Kontakt gehalten. In der Zeit, als ich das Konzept für Love Story entwickelte, habe ich Still Alice gesehen, den Film, für den Julianne -Moore ihren Oscar gewonnen hat. Und Alec, das wusste ich vorher gar nicht, spielt darin ihren Ehemann. Um es kurz zu machen: Ich habe ihm eine SMS geschrieben und gesagt: „Ich habe endlich ein Konzept für dich.“ Er hat eingewilligt und Julianne Moore, mit der er eng befreundet ist, dafür begeistert. Es war serendipity, wie Andy Warhol sagen würde, ein glücklicher Zufall.

INTERVIEW: Das Thema beschäftigt aktuell viele Künstler. M.I.A.s Video zu Borders, das sie in einem Boot mit Flüchtlingen gedreht hat, hat für gewaltige Aufmerksamkeit gesorgt.

BREITZ: Warum sollten Kunst und Popmusik nicht über soziale Themen reflektieren? Für mich ist das keine Frage des Ob, sondern des Wie.

Candice Breitz: “Ich finde es unerträglich, dass ständig über die Geflüchteten geredet wird, aber kaum mit ihnen”
Tweet this

INTERVIEW: Sie sind in Johannesburg aufgewachsen, haben in New York gelebt, jetzt ist Berlin Ihre Heimat. Hat Ihre Arbeit einen autobiografischen Charakter?

BREITZ: Ja. Südafrika, Deutschland und die USA sind für viele Menschen Zufluchtsorte. Love Story ist auch eine Rückkehr zu früheren Themen. Als ich nach Berlin gekommen bin, war Alien meine erste Arbeit, zehn Kurzfilme, in denen es um die Frage nach Fremdheit und Integration geht.

INTERVIEW: Bei Ihrer früheren Videoarbeit Alien haben Sie den Gesichtern andere Stimmen gegeben, in Love Story geben Sie den Stimmen andere Gesichter.

BREITZ: In gewisser Weise sind da ähnliche Strategien am Werk. Bei Love Story war mir wichtig, dass Julianne und Alec nicht zu Flüchtlingen werden, sondern die Rolle von Schauspielern spielen, die versuchen, sich einem für sie vollkommen fremden Schicksal zu nähern. Einige meiner Gesprächspartner haben das gezielt genutzt. Luis, zum Beispiel, hat auf diesem Weg seiner Tochter seine Homosexualität gestanden. Er hoffte, dass es für seine Tochter leichter wäre, das aus dem Mund von Alec Baldwin zu erfahren.

INTERVIEW: Es ist dann ein wirklich seltsamer Moment, an dem Alec Baldwin dieses Coming-out verkündet. Gerade weil man an keiner Stelle in eine Illusion hineingezogen wird. Die Schauspieler sprechen einfach nur, tragen sogar ihre eigene Kleidung.

BREITZ: Auf meinen Wunsch hin. Es gibt aber kleine Hinweise, wen sie jeweils zitieren. Die Geflüchteten haben mir alle einen ihrer wenigen für sie so kostbaren Gegenstände, einen Talisman, anvertraut. Shabeena beispielsweise Armreife, die sie von ihrer Mutter bekommen hat. Diese persönlichen Gegenstände tragen Julianne und Alec in den jeweiligen Szenen.

INTERVIEW: Wie haben Sie das Vertrauen der von Ihnen interviewten Flüchtlinge gewonnen?

BREITZ: Durch persönlichen Kontakt und lange Gespräche. In Berlin war das sehr einfach. Ich habe viel Zeit am Lageso verbracht, dem Amt, in dem sich jeder Neuankömmling in Berlin registrieren lassen muss. Dort gibt es eine Theatergruppe von Geflüchteten für Geflüchtete, und darüber habe ich Frauen aus Somalia und Syrien kennengelernt. Ich hatte allerdings häufig das Problem, dass sich der Vater, Ehemann oder Bruder eingemischt hat, wenn ich mit Frauen reden wollte.

Candice Breitz am Set

INTERVIEW: Sie zeigen auch die originalen, mehrstündigen Interviews mit den Geflüchteten, aus denen Sie Ihre Fragen heraus-editiert haben. Durchbrechen Sie damit nicht Ihre eigene Inszenierung?

BREITZ: Ich hätte es als gewaltsam empfunden, ihre Stimmen und Gesichter nicht zu zeigen. Es geht eben auch um die Kluft zwischen dem Erlebten und dessen Repräsentation.

INTERVIEW: Die Strategie von Love Story erinnert in vieler Hinsicht an das aktuelle Video Drone Bomb Me von Anohni, in dem sie Naomi Campbell zum Gesicht und zur Stimme der zivilen Opfer von Drohnenangriffen macht. Das Video wird einhellig gepriesen, obwohl es einen merkwürdigen Givenchy-Glamour ausstrahlt.

BREITZ: Sowohl Love Story als auch Drone Bomb Me channeln schwierige Themen durch bekannte Gesichter. Was mich bei -Drone Bomb Me stört, ist, dass die Betroffenen selbst verschwinden. Sie sind unsichtbar, unhörbar. Naomi Campbell ist ihr Gesicht, for better or worse. Mir persönlich war es wichtig, auch den gewaltigen Abstand zu zeigen, der die Stars in meiner Arbeit von den Menschen trennt, die durch sie sprechen.

Interview: Astrid Mania

Die Arbeit „Love Story“ ist bis zum 28. August in der Retrospektive „Candice Breitz: Ponderosa“ im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

04.07.2016 | Kategorien Ausstellungen, Berlin, Kunst | Tags , ,

Ausstellungen / Weitere Artikel