Das Bild bin ich (oder?)

Im Zeitalter des schnellen Ruhms hat das Selfie Hochkonjunktur. Doch was macht die Kultur des digitalen Selbstporträts mit dem Ich der modernen Frau? Ein Essay von Alexandra Kleeman.

© Claude Gerber

Es ist spätnachts, und ich habe beschlossen, ein Selfie zu machen und es in den sozialen Netzwerken zu teilen. Es ist ungefähr drei Wochen her, seitdem ich das letzte Mal ein echtes Selfie gepostet habe: also ein Foto von mir selbst, aufgenommen von mir selbst. Ein Foto mit keinem anderen Zweck als dem, meine Umwelt daran zu erinnern, dass ich noch immer ein Gesicht besitze. Wenn ich mein Gesicht eine Weile nicht durch die Linse meines Smartphones betrachtet habe, bin ich immer wieder besorgt, was es da zu sehen gibt. Ich bewege mich ins Badezimmer, schalte das grelle Licht am Spiegelschrank ein, doch in dessen medizinisch-kaltem Licht sehe ich blass und kränklich aus. Ich schalte die Deckenlampe an und aus. Ich öffne und schließe die Tür, um unterschiedliche Lichtmengen einzulassen, entscheide dann aber, dass das Problem eh nicht das Licht ist – es ist mein Gesicht. Ich klopfe ein wenig Concealer unter meine Augen, um mich gesünder aussehen zu lassen, bürste meine Haare, trage Lipgloss auf – doch irgendetwas stimmt noch immer nicht, wenn ich das Telefon hochhalte und mich in diesem digitalen Spiegel ansehe, das Bild abwechselnd scharf und verschwommen ist, während die Kamera mein Gesicht einzufangen versucht. Also teste ich unterschiedliche Handhaltungen und Winkel, ziehe meine Augenbrauen hoffnungsvoll hoch, lasse sie dann wieder fallen, nehme mein Haar in einen halben Pferdeschwanz zurück, nehme es wieder nach vorn. Es ist eine Art Choreografie, die da stattfindet, ein allesamt recht langatmiges Unterfangen, doch letztlich habe ich ein Bild fabriziert, das akzeptabel aussieht, ein Bild, das meines Erachtens eine Existenzberechtigung im Social Network besitzt – einem Ort, an dem Bilder ein Eigenleben führen und sich unvorhersehbar ausbreiten, einem Ort, an dem nichts wirklich endgültig gelöscht werden kann. Ich lade mein Foto auf Instagram hoch, mit einer dieser dahingeworfenen Bildunterschriften. Dieses Selfie will ein nüchternes Andenken dessen sein, wie ich in einer nicht besonders speziellen Nacht ausgesehen habe: Und alles in allem hat es nur 45 Minuten gedauert, diese total lässige, natürlich aussehende Aufnahme zu machen.

“Täglich werden schätzungsweise eine Million Selfies aufgenommen. Ungefähr 30 Prozent aller Fotos von 18- bis 24-Jährigen sind Bilder von ihnen selbst, aufgenommen von ihnen selbst.”
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In den Anfangszeiten der Fotografie war schon die Anfertigung eines Porträts etwas sehr Kompliziertes, wofür man viel Geld und Hilfe benötigte. Ein Daguerreotypie-Porträt erforderte teures Equipment und einen professionellen Fotografen. Der oder die zu Porträtierende musste außerdem in der Lage sein, für drei bis fünfzehn Minuten völlig regungslos zu posieren – lange genug, um das Motiv auf der lichtempfindlichen Fotoplatte einzufangen. Ein Selfie war da erst recht eine Herausforderung! Das erste bekannte fotografische Selbstporträt wurde 1839 von Robert Cornelius geschossen, einem in Pennsylvania lebenden niederländischen Chemiker, der seine Kamera im Garten seines Vaters aufgestellt hatte und nach Drücken des Auslösers schnell vor die Linse lief – womit er wohl offiziell der erste Mensch auf der ganzen Welt wurde, der seine eigene Visage als würdigsten Bildgegenstand erachtete.        

Heute hat sich das Selfie verselbstständigt: Täglich werden schätzungsweise eine Million davon aufgenommen, ungefähr 30 Prozent aller Fotos von 18- bis 24-Jährigen sind Bilder von ihnen selbst, aufgenommen von ihnen selbst. Das Selfie hat auch die Kunstwelt infiltriert und Künstler inspiriert wie Laurel Nakadate, deren Fotoserie 365Days: A Catalogue of Tears ein Jahresprotokoll aus weinenden Selbstporträts darstellt, als Gegenpol zu den auf Social Media stets nur glücklich abgelichteten Menschen. Letzten Sommer hat Kim Kardashian – die unumstrittene Queen of Selfies – Selfish auf den Markt gebracht: eine Sammlung aus 352 upload-fertigen Selfies, allesamt auf Hochglanzpapier gedruckt und in Kunstbuchformat gebunden, von der weltweit mehr als 125 000 Exemplare verkauft wurden. Makabere Randnotiz: Vor Kurzem wurde bekannt, dass die mit Selfies in Verbindung stehenden Todesfälle jene durch Haifischattacken überholt haben, besonders in Indien, wo sich mehr als die Hälfte der insgesamt 27 Selfie-bedingten Todesfälle abgespielt haben.

Nie zuvor war es möglich, Fotos von sich selbst so weitreichend, so schnell, so ungehindert zu verbreiten. Vorbei die Zeiten der professionellen Fotografen, der mühseligen Filmrollen, schädlichen Chemikalien, der Foto-Agenten und Bildredakteure, die entscheiden, welche Gesichter schön genug, welche sehenswert sind. Demzufolge könnte das Selfie ein unglaublich populistisches Tool sein, die traditionellen Schönheitsparadigmen untergrabend, gegen die institutionalisierten Grenzen drängend, die historisch entschieden haben, wer in unserer Gesellschaft gesehen werden soll und wen man besser versteckt. Wenn man jedoch durch die unter dem Hashtag #selfie erfassten Fotos ­scrollt, ist allerdings sehr unsicher, ob das tatsächlich passiert. Die Suche zeigt Fotos von Leuten, die sich in ihren Bade- und Schlafzimmern herausputzen, ihre Köpfe zur Seite legen und die Gesichter so ausrichten, dass das Kinn kindlich und klein aussieht, die Augen unheimlich groß werden. Es finden sich darunter Menschen allen Alters und aller Herkünfte – doch die einzelnen Gesichtsausdrücke vermischen sich mitei­nander, laufen ineinander über, allesamt mit demselben standardisierten Contouring-Look aus Make-up-Tutorials. Und dann ist da das berüchtigte „Duck Face“, die Lippen geschürzt und in übertriebener Verführungsabsicht nach vorn gedrückt, ein Ausdruck, einzig dafür erfunden, sich digital selbst zu fotografieren.

Einige dieser Posen sind von logistischen Beschränkungen motiviert – also davon, dass die meisten Selfie-Macher ihre Kameras am Ende eines ausgestreckten Arms halten, um sicherzustellen, dass der gesamte Kopf in den Bildrahmen passt. Aber ist es nicht allein der Beauty-Industrie größter Triumph, wenn wir beginnen, uns zu zensieren und zu kontrollieren, zu retuschieren, uns an ästhetischen Standards zu messen, die einzig durch viel Arbeit und die Hilfe von Kosmetikprodukten oder dem Skalpell erreichbar sind?

© Claude Gerber

Begann das Selfie als semipeinliche Eitelkeitsgeste, als schlecht beleuchtetes Badezimmerspiegelfoto, hochgeladen auf nunmehr obsoleten Myspace-Accounts, so waren es Celebritys, die ihm das Gütesiegel verliehen und es dazu verwendeten, ihren Fans einen scheinbar direkten, unmittel­baren Zugang zu ihrem Alltag und ihrem Aussehen zu geben. Waren Selfies einst schlampig, unwürdig, ein Zeichen, dass man niemanden sonst zu fotografieren hatte als sich selbst – so waren sie plötzlich authentisch mit besonders großem A. Intimer als Magazinfotos oder solche vom roten Teppich, jedoch ohne den unangenehm offenkundigen Voyeurismus von entblätternden Paparazzi-Snapshots, laden Selfies den Betrachter geradezu ein, näher heranzutreten; sie sind für ihn gemacht. Anreiz des Ganzen ist, dass man als Betrachter nicht nur in das Leben eines anderen blickt, sondern dass man dafür von diesem anderen respektiert und wahrgenommen wird, während man über dessen abgelichtetem Haupt schwebt wie ein Geist in der Kameralinse.

Celebritys, welche die Gepflogenheiten des Selfies seit Geburt des Mediums beherrschen, treten in ein neues Zeitalter der schnellen Berühmtheit ein, in dem die Öffentlichkeit einen kontinuierlichen, hochfabrizierten Zugang zu den Leben berühmter Leute durch Twitter und Instagram erhält. Im Gegenzug für den Einblick in ihre Privaträume, ihre Badezimmer und Kleiderschränke, das Miterleben ihrer Geburtstagspartys erklären wir uns damit einverstanden, diese Bilder als „aufrichtig“ anzuerkennen und so zu tun, als wären wir davon überzeugt, einen echten Einblick in das Privatleben zu bekommen. Eine Paris Hilton, deren tautologischer Ruhm völlig unbegründet und autark schien, übersättigte ihre Fans mit strahlend-gestellten Bildern – nur um sie davon abzuhalten, zu hungrig nach den Abklatschfotos von Paparazzi zu werden. Diejenigen hingegen, die sich zu Hause nicht der eigenen Kamera stellten, sondern sich auch vor dieser verstecken wollten, begaben sich damit erst recht in die Hände von Paparazzi und wurden schnell von deren Bildern verschlungen (wie zum Beispiel Britney Spears oder ­Lindsay Lohan).

Man könnte behaupten, dass heutzutage die Instagram-Feeds der meisten Stars ausschließlich aus Selfies zusammengesetzt sind: Selbst wenn manche Fotos des Feeds nicht das eigene Gesicht des Stars glossy und zielgerichtet arrangieren, so artikulieren sie doch alle dasselbe Gefühl einer inszenierten Natürlichkeit, einer familiären und selbstgefälligen Nähe. So gesehen beherrscht Taylor Swift diese Kunstform geradezu spektakulär, mit ihren strahlend-verträumten HD-Fotos ihres Barbecues zum 4. Juli und den Schnappschüssen von Celebrity-überfüllten Geburtstagspartys. Sie hat einen ganzen Selfie-machenden Apparat aus Angestellten und berühmten Freunden zusammengestellt, einen verlängerten Arm, einzig dem Zweck gewidmet, sich der Welt in jener Form zu zeigen, in der sie von ihr gesehen werden will.

“Die vermeintliche Gefahr, die in der Art und Weise liegt, wie Frauen in Modemagazinen und Werbekampagnen seit Jahrzehnten dargestellt werden, besteht in einer sorgfältig konstruierten, retuschierten, zu einer Waffe gemachten Schönheit.”
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Wenn es also stimmt, dass der Aufstieg des Selfies Celebritys ein Kontrollmittel über ihr öffentliches Bild zurückgegeben hat, was hat es für uns – die konsumierende Öffentlichkeit – getan?

Frei von Publicity-Verpflichtungen, ungejagt von Fotografen, wollen wir ganz einfach gesehen werden. In der Ära des schnellen Ruhms sind Selfies zum Vehikel einer Mobilität geworden, die die niedrigen Ränge der Berühmtheit (wie PR-Geschenke und Goodie-Bags, Einladungen zu VIP-Events, Product-Placement auf Instagram) für normale Leute zugänglich machen – vorausgesetzt man ist in der Lage, sich eine beachtenswert große Anhängerschaft an Social-Media-Followern zu schaffen. Wenn Selfies also einen fehlgeleiteten Eindruck von Authentizität vermitteln, so vermitteln sie genauso eine gefährliche Zugänglichkeit: Wenngleich nicht jeder eine ­Givenchy-Robe zu den Oscars tragen kann, so verfügt doch jeder über ein Gesicht und ein mehr oder weniger großes Arsenal an Lampen und Make-up sowie Zeit, so lange an allem herumzufummeln, bis alles optimal auf dem Bildschirm aussieht.

Die vermeintliche Gefahr, die in der Art und Weise liegt, wie Frauen in Modemagazinen und Werbekampagnen seit Jahrzehnten dargestellt werden, besteht in einer sorgfältig konstruierten, retuschierten, zu einer Waffe gemachten Schönheit, die Frauen unrealistisch hohe Erwartungen an ihr eigenes Aussehen stellen ließ, an ihr Gewicht, an die Makellosigkeit ihrer Haut. Auch wenn wir alle davon profitieren würden, wenn diese Kanäle eine breitere und realistischere Auswahl an Schönheitsidealen darstellten, so ist zumindest die visuelle Rhetorik dieser Modestrecken und Magazinkampagnen auch in den Selfies klar und unmissverständlich ausgestellt. Was wir sehen, ist Inszenierung. Werbeleute und Moderedakteure haben seit jeher darauf abgezielt, Träume zu verkaufen, und dadurch eine Kluft zwischen den Betrachtern und den von ihnen kreierten Bildern aufgetan, die uns aufforderten, diese Kluft und Leere einzunehmen, sie mithilfe von Produkten zu füllen. Doch anstatt diesen Paradigmen der Schönheitsindustrie zu widerstehen, haben Selfies diese nun in versteckter Form erneut eingeführt. Wir stoßen auf hagere Körper (oder Körper, so fotografiert, dass sich ihre Dünnheit maximiert), auf glatte Gesichter (oder Gesichter, so beleuchtet, dass sie glatter aussehen oder wie mit einer Bildbearbeitungs-App geglättet), auf Gesichter, die stark geschminkt sind oder extra so geschminkt, dass sie natürlich aussehen. Nur sagt uns die Logik des Mediums dieses Mal, dass wir selbst in Wirklichkeit wie auf diesen Bildern sein könnten – dass wir vielleicht wie auf diesen Bildern sein sollten.

Diese falsche Demokratisierung des Bildes lässt jedoch trotzdem Raum für Hoffnung. Selfies sind vor allem ein hochtechnologisiertes Medium, eines, das mit dem Beginn der Fotografie aufkam und durch den Aufstieg der digitalen und portablen Technologien rapide beschleunigt wurde. Und in dem jungen Alter des digitalen Selbstporträts liegt auch seine Chance: Es ist an uns, die Codes für die Darstellung unseres eigenen Gesichts festzulegen. Genauso sind wir es, die damit aufhören müssen, Selfies als eine Stehgreif-Realität darzustellen, als Kontinuum zwischen online und offline. Auch ist es an der Zeit, die puppenhafte Selbstinszenierung von Frauen zu beenden und das Selfie als Ort für die feministische Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper zu gewinnen, anstatt eine Generation von Frauen großzuziehen, die sich selbst den objektivierenden männlichen Blick mithilfe von Handyfotos einbläut. Daher gilt es, gemeinsam nachzudenken, wie wir bewusst mit dieser neu gefundenen Handlungsfähigkeit umgehen könnten, die uns das Selfie-Medium anbietet, um zu einem mündigen, unserem Menschsein würdigen Umgang mit der digitalen Selbstdarstellung zu finden.

Die US-Amerikanerin Alexandra Kleeman ist Autorin und schreibt u. a. für „The New Yorker“, „The New York Times“, „n+1“ und die amerikanische „Vogue“. Ihr Roman „A wie B und C“ ist 2016 bei Kein & Aber erschienen. Diesen Essay hat sie exklusiv für die deutsche Interview verfasst.

08.09.2016 | Kategorien Contributors, Essay | Tags , , ,