Kein Schwein geht mehr ran

Wenn alle senden, aber keiner mehr empfängt. Anne Waak über Kommunikation.

Noch nie habe ich mich über die Jugend beschwert, das wäre lächerlich. Aber es scheint irgendwas kaputt zu sein in der Welt. Es gibt derzeit sicherlich zwei Dutzend verschiedene Wege, mit Menschen in Kontakt zu treten. Man kann zwar auf 100 Kanälen senden, aber wie jeder weiß, der schon mal unglücklich verliebt war: Keine Antwort ist schlimmer als jede Absage. Das Schweigen verhöhnt den, der eine Frage gestellt hat.

Und viele Menschen wollen nicht mehr antworten. Das führt zu so irren Vermeidungsstrategien wie dem Nichtöffnen von Nachrichten, damit diese dem Sender als ungelesen angezeigt werden, man also so tun kann, als sei nichts passiert. Eine Technik, die man von überschuldeten Mitbürgern kennt, die Rechnungen ignorieren und tapfer hoffen, dass die davon weggehen. Auf Instagram, Facebook und Twitter senden alle ständig, aber keiner will mehr empfangen. Als säße man in einem Raum voller permanent plappernder Personen, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um mehr zu vernehmen als ihre eigene Stimme.

Dabei ist zum Beispiel das Telefon eine tolle Erfindung. Ein Mittel der synchronen Kommunikation, schnell, direkt, persönlich. Missverständnisse durch Ironie oder andere, schriftlich nicht gut zu transportierende Sprechweisen werden umgangen. Der eine hat eine Frage, der andere antwortet. Fall gelöst, und das innerhalb von Minuten. Menschen, die sich darüber beschweren, zu viel zu tun zu haben, sollte das gefallen. Aber auch, wenn man sich nur nach dem anderen erkundigen will, tut das Telefon gute Dienste. Oder tat. Wählt man heute die Nummer einer lieben Person, bekommt man nicht selten zu hören: „Du rufst an, nur weil du wissen möchtest, wie es mir geht?“ Man könnte natürlich auch eine E-Mail schreiben oder auf dem Instagram-Account des anderen nachschauen, was er oder sie zuletzt zum Mittagessen hatte. Aber ein Anruf ist so wärmend persönlich wie fernmündlicher Kontakt nur sein kann.

“Keine Antwort ist schlimmer als jede Absage”
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Genau das jedoch ist ein Problem. Ein Anruf löst manchmal sogar Wut aus. So bezeichnete der Autor eines Brandbriefs in der „Zeit“ das Mobiltelefon als „Bimmeldämon“ und „ein Instrument der Aufdringlichkeit“ – „denn ein Anruf stört immer, er stiehlt mir meine Zeit“. Herrje. Man möchte dem Mann empfehlen, über seinen Begriff von „Zeitautonomie“, wie er das nennt, nachzudenken. Weil jede E-Mail viel mehr Energie frisst als ein Anruf und deshalb so oft versandet. Vielleicht sollte man diesen Null-Toleranz-Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken selbst entblößen, aber hinter jedem Handyklingeln einen Lauschangriff vermuten, auch nahelegen, sich Sozialkontakte zu suchen, die sie nicht so brutal nerven.

Oder man erzählt ihnen von früher: Als es das Internet noch nicht gab und die Menschen noch keine Devices besaßen, pflegten die Leute sich ohne Vorankündigung zu besuchen. Einfach so, weil sie Lust dazu hatten. Shocking, isn’t it? Wie dezent, höflich und zeitsparend erscheint dagegen ein Anruf.

29.06.2017 | Kategorien Contributors, Essay | Tags , , ,