Twitter,
Hände weg von Twitter!

Lasst das! Twitter steckt in der Krise und werkelt an sich selbst herum. Dabei wäre jede Änderung an diesem chaotischen Rumgezwitscher ein Verlust! Ein Lob des Stillstands.

Stell dir vor, du bist zehn Jahre alt und wächst nicht mehr. Das ist schon ein bisschen beunruhigend. Deswegen machen sich gerade alle Sorgen um Twitter, das in diesem Jahr zehn wird: Die Nutzerzahlen stagnieren bei 300 Millionen, während Konkurrenten wie Instagram (500 Millionen Nutzer), Snapchat (etwa 100 Millionen und eh das neue große Ding) und Facebook (1,6 Milliarden!) munter wachsen. Anfang des Jahres haben vier Top-Manager auf einmal das Unternehmen verlassen, die Aktie brach schon vorher ein, und die Werbekunden bleiben auch noch aus.

Bei Twitter haben sie auf die Krise mit verschiedenen Änderungen reagiert. Eine kleine ist das Herzchen, das das Sternchen ersetzt, mit dem man einen Tweet als Favorit markieren konnte – und das sogar rote Funken sprüht, wenn man es anklickt. Als wolle Twitter sagen: „Hier gibt es auch Liebe und Nähe wie auf Instagram, und alles glitzert und blinkt wie bei Snapchat!“ Eine größere Änderung ist die Einführung eines Algorithmus, der den Nutzern wichtige Tweets zuoberst anzeigt – eine Annäherung an den Facebook-Stream, durch die Twitter übersichtlicher und für seine Nutzer relevanter werden will.

Geholfen hat das bisher nicht – wenn es nicht alles sogar noch schlimmer gemacht hat. Nachdem der Algorithmus angekündigt worden war, beklagten Twitter-Fans unter dem Hashtag #RIPTwitter den Tod des Netzwerks, und der Tech-Journalist Joshua Topolsky veröffentlichte im New Yorker einen Text mit dem düsteren Titel The End of Twitter. Und als Twitter-Chef Jack Dorsey dann auch noch erwog, die 140-Zeichen-Begrenzung für Tweets abzuschaffen, stand endgültig die Frage im Raum: Was, bitte, bliebe denn dann noch übrig vom Prinzip Twitter?
Das musste auch Dorsey einsehen und zog seinen Vorschlag wenige Wochen später wieder zurück: Die 140 Zeichen bleiben. „Es ist eine gute Beschränkung für uns“, sagte Dorsey.
Gut für den Marktwert, für Wachstum und Werbekunden ist das Korsett aus 140 Zeichen natürlich nicht, ebenso wenig wie der chaotische und unübersichtliche Livestream. Aber: Gut „für uns“ – falls damit wir alle gemeint sein sollten – ist es auf jeden Fall. Denn die Limitierung, der Zwang zur Kürze, ist ja genau das, was Twitter ausmacht.

“Twitter ist der gute Freund, der mit den Augen 
rollt und sagt: Komm mal zum Punkt!”
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Twitter ist laut, chaotisch, beinahe anarchisch, also alles, was das durchkuratierte Facebook und das mit Filtern überschminkte Instagram nie sein werden. Im Twitter-Livestream schwimmt man in einem nie enden wollenden Stimmengewirr und hat das Gefühl, alles zu erfahren und gleichzeitig alles zu verpassen. Es ist, als würde man auf einem Marktplatz stehen und von allen Seiten brüllten Händler, man solle an diesen und an jenen Stand kommen; manche werfen einem ihr Gemüse geradezu an den Kopf. Nervig! Und herrlich zugleich!

Und die 140 Zeichen? Sie sind der schönste Gegenpart zu ausufernden Statusmeldungen und Kommentaren bei Facebook und Blog-Posts voller Gedankenschleifen. Im Internet hat jeder unendlich viel Platz – und dann kommt Twitter daher wie ein guter Freund, der genervt mit den Augen rollt und sagt: „Komm mal zum Punkt!“

Gleichzeitig sind die 140 Zeichen ja auch die perfekte kreative Herausforderung, sie schreien einfach nach poetischen Versen und Aphorismen. Nicht umsonst sind Twitterer wie Sue Reindke alias @HappySchnitzel oder der mittlerweile auch gedruckt zu lesende Eric Jarosinski alias @NeinQuarterly berühmt für ihre Tweets, mit denen sie Gesellschaft und Politik, den Alltag und das Leben kommentieren: „Immer noch müde an einigen Stellen, an die so eine Nacht gar nicht rankommt.“ – „Yes, we’ll say. Satire. It was the closest thing we had to truth.“

Die Twitter-Form erzeugt außerdem die besten Witze. Oder besser gesagt: Pointen. Weil für mehr als die Pointe gar kein Platz ist. Ein gutes Beispiel ist natürlich ein Humorprofi wie Jan Böhmermann: „Um 2 ist die Uhr auf 3 gesprungen!! Jetzt klaut uns der Ausländer schon unsere deutsche Zeit und denkt, wir merkens nicht!!“ Es gibt aber auch reine Twitter-Witzemacher wie die seit Jahren erfolgreiche Marie von den Benken alias @Regendelfin: „Satire darf alles. Außer halt während der Mittagsruhe staubsaugen.“

Menschen werden oft besonders kreativ, wenn man ihnen Grenzen setzt. Egal ob Twitter einen Weg aus der Krise findet oder nicht – am wichtigsten ist, dass es auf der Suche danach nicht das aufgibt, was es einzigartig macht. Vielleicht muss es auch ganz auf seine anarchische Form setzen. Vielleicht muss es der Oskar Matzerath der sozialen Netzwerke werden: Wachstum verweigern, nicht werden wollen wie die anderen, so laut trommeln und schreien, bis irgendwo Glas zerspringt. Das passt natürlich nicht in eine Welt der Aktienkurse und Werbekunden und Wachstumssorgen. Aber schön wär’s ja schon, wenn sich das mal einer trauen würde.

von Nadja Schlüter