DR. HAAR

Der Dolch der drei Chinesen. Eine Kolumne von Claude Gerber.

Illustration: Uli Knörzer

Der geradeste Schnitt, den ich je hatte, war ein Dolchhaarschnitt. Das war in Rom. Eine meiner Traditionen auf jeder Reise ist, mir einen Spitzenhaarschnitt machen zu lassen. Aus symbolischem Grund. Ich lasse sozusagen die vertrockneten Haarenden, Überbleibsel meiner nun schon jahrelang währenden Züchtung, im Gastland zurück und reise heim mit gestutzter Mähne. Wenn ich die Spitzen fallen sehe, denke ich daran, wie viel Leid meine Haare schon ertragen haben. Rauchdunst in Kneipen, Falafelfett und Schweiß, der bis an die Follikel dringt. Und dass sie im Sommer immer über meinen Rücken entlangstreifen müssen, was jedes Haarende zum Splissen bringt.

Ich nenne diese Tradition mein Haarspitzen-Cleansing.

Als ich also in Rom zu Besuch war, landete ich am letzten Tag meines Aufenthaltes dort am Rande der Ewigen Stadt in einem abgelegenen, dafür erfreulich preiswerten chinesischen Friseursalon unweit des Circus Maximus. Der Wetterdienst hatte sonniges Wetter versprochen, der Himmel blieb trüb. Mein Freund musste draußen bleiben. Mir wurde ein lilafarbenes Satinkleid angelegt. Trotz der Verständigungsprobleme konnte ich mit einer Geste erklären, was ich wollte: nämlich, meine Spitzen schneiden zu lassen. Das checkten sie sofort. Es waren drei Chinesen. Ein Paar und dessen Tochter. Ich verstand sie nicht, aber ich begriff, dass ich meine Augen schließen und den Kopf nach unten senken sollte. Das alles zudem noch im Stehen.

Bevor ich Zeit hatte, darüber nachzudenken, was vor sich ging, hatte ich es hinter mir. Es war zugegangen wie bei einer Enthauptung. Die Tochter hielt meine Haare zum Büschel gefasst, dann kam der Mann mit einem Dolch, so lang wie mein Oberschenkel. Ich sah nicht, was geschah, konnte aber fühlen, wie die Schneide des Dolches das Büschel durchtrennte. Zack. Dann waren sie fertig. Ich zahlte meinen Obolus (fast nichts), verließ den Salon und ging mit meinem Freund und meinem neuen Haarschnitt essen.

Ich litt. Es war wie ein Phantomschmerz, ich vermisste meine Haare, deren verlorene Hälfte. Sobald ich konnte, verdrückte ich mich auf die Toilette, wo ich überprüfte, was sie mir und meiner Frisur angetan hatten. Etwas fehlte. Plötzlich verstand ich, wie sich Caesar gefühlt haben musste, als Brutus den Dolch gegen ihn erhob.

Ein wesentlicher Teil von mir wurde abgetrennt. Aber immerhin, der Schnitt war gerade. Ich widmete mich wieder den Antipasti.

Ergo: Hin und wieder muss man die toten Spitzen zurücklassen, um weiterwachsen zu können.

 

11.04.2018 | Kategorien Essay, Magazin | Tags ,