Die anderen waren's!

Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Selbst Promis glauben an Chemtrails und an die gefakte Mondlandung. Bloß, warum? Unsere Kolumnistin Ariane Sommer hat sich Gedanken gemacht.

Foto: Jörg Banditt

Mein Klingelton: der X-Files-Soundtrack. Meine Schreibtischdeko: eine Wackelkopffigur von Fox Mulder. Sie ahnen es schon. Ich habe ein Faible für Mystery. Und weil ich darüber hinaus auch noch alle meine Laptop- und iPad-Kameras abklebe – es könnte ja jemand durchgucken! –, hält mich mein Mann für ein bisschen paranoid. Die Leute von Amazon stimmen ihm sicher zu. Letztens habe ich dort einen Stapel Bücher über die Bilderberg-Gruppe, Opus Dei, die Illuminati und einen Geigerzähler bestellt. Mit Letzterem kann ich, sollte ich durch meine Amazon-Bestellliste auf der Abschussliste der Reptilien landen, die in Wahrheit unsere Welt regieren, morgens mein Müsli auf radioaktives Gift untersuchen. Ja, es stimmt, ich bin leidenschaftliche Verschwörungstheoretikerin. Und ich bin nicht allein. Meine Paranoia teile ich mit Kendall Jenner. Die postet auf Social Media gern über Chemtrails. Sie wissen schon, diese Kondensstreifen am Himmel, die von einer manipulativen Macht stammen, die uns nichts Gutes will. Oder mit ­Bruce Willis, der denkt, dass die wahren Mörder von John F. Kennedy noch putzmunter sind. Und Marion Cotillard glaubt übrigens nicht an die Mondlandung. Und auch bei Normalsterblichen herrscht große Verunsicherung.

Ariane Sommer: “Dass alle Verschwörungstheorien nur Verschwörungstheorien sind, halte ich für eine Verschwörungstheorie”
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Ein Drittel der Amerikaner gehört den Birthern an und ist überzeugt, dass Obama eigentlich Ausländer ist. Ein anderes Drittel meint, dass 9/11 ein Inside Job der Bush-Regierung war. Und nach der US-Wahl wird wieder jeder wissen, dass sie getürkt war. Die Wissenschaftler Joseph E. Uscinski und Joseph M. Parent erklären in ihrem Buch American Conspiracy Theories das Phänomen folgendermaßen: Verschwörungstheorien gedeihen besonders gut in Zeiten allgemeiner Verunsicherung oder Angst. Etwa nach Terroranschlägen, ­Umweltkatastrophen, globalen Finanzkrisen oder nach dem Tod einer prominenten Person. Besonders Menschen, die sich machtlos fühlen, sind anfällig. Hinzu kommt, dass es in der menschlichen Natur liegt, misstrauisch gegenüber den Mächtigen zu sein, die möglicherweise feindlich gesinnt sein könnten. Extrem argwöhnische Menschen haben evolutionär gesehen größere Überlebenschancen in einer feindlichen Umwelt. Zu Recht! Irgendwer muss ja gegen all die Mächte kämpfen. 2016 war wieder mal bestimmt von den Illuminati. Sie stecken laut Verschwörungsblogs unter anderem hinter der Übernahme von Monsanto durch Bayer und haben Prince umgebracht wegen der Chemtrails, oder so. Und Trump ist in Wahrheit ein trojanisches Pferd der Clintons, die wiederum Illuminati sind. Die kleinen, grünen Männchen hingegen waren faul, sitzen auf einem Kometen rum und täuschen von dort den Klimawandel vor. Sonst gab’s außer den üblichen UFO-Sichtungen nicht viel von ihnen zu berichten. Dass alle Verschwörungstheorien bloß Verschwörungstheorien sind, halte ich für eine Verschwörungstheorie. Manche bewahrheiten sich nämlich. So wie jene, dass Nachrichtendienste uns hinterherspionieren. Seit Edward Snowden wissen wir, dass neben der Bundeskanzlerin auch normale Bürger ins Visier der NSA, der GCHQ oder sonst wem geraten. Die Abklebfolie auf meinen Kameras bleibt jedenfalls dran.

05.12.2016 | Kategorien Essay, Magazin | Tags ,

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