Her Story

Noch ist nicht sicher, ob sie es schafft. Aber falls Hillary Clinton tatsächlich die US-Präsidentschaftswahl gewinnen sollte, dann ist es mehr als ein persönlicher Erfolg. Zum ersten Mal würde die mächtigste Person der Welt eine Frau sein – und einen Bruch in der Geschichtsschreibung markieren, die bislang eine Geschichte der Männer war. Aus His Story würde Her Story.

Hillary Clinton | © Getty Images

Es gab bisher 44 amerikanische Präsidenten. Es waren alles Männer. 227 Jahre lang folgte ein Mann auf den anderen. Manche wurden wie Heilige verehrt. Ihre in Stein gehauenen Gesichter sehen wie Götter von den Bergen in South Dakota auf das Land herab. Sollte Hillary Clinton am 8. November die Wahl gewinnen, ist sie die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. Zum ersten Mal, seit die Erde sich dreht, wäre der mächtigste Mensch der Welt eine Frau.

Für viele mag das keine weltbewegende Nachricht sein. Vor allem für all diejenigen nicht, die Hillary Clinton für eine miserable Karrieristin halten. Hinzu kommt noch: Hillary macht ihre Sache, wenn sie nicht gerade vor Erschöpfung in Ohnmacht fällt, ungefähr so, wie ein Mann es an ihrer Stelle auch machen würde. Anzug tragen, grinsen, Härte zeigen, Gegner attackieren, sich für Frauen und Schwarze gerade so viel engagieren, wie es unbedingt sein muss. Im Grunde bestätigt sie die alte Regel, dass Frauen, die an die Macht kommen, wie Männer aussehen und sich auch wie Männer benehmen. 

Aber darum geht es hier nicht. Es geht um etwas Größeres als Hillarys Hosenanzüge und ihre fatale Liebe zum Establishment. Es geht um die symbolische Kraft eines historischen Augenblicks. Es wäre ein Neubeginn in der Geschichte, die allen Katharinas, Elizabeths, Pompadours, Kirchners, Peróns und Thatchers zum Trotz bis heute eine reine Männergeschichte gewesen ist – his story.

Das Meilensteinartige dieses Ereignisses mag in einem Land, dessen Regierungschefin schon sechsmal von amerikanischen Magazinen zur mächtigsten Frau der Welt ernannt wurde, nicht so ins Auge springen. Dabei genügt es, für einen Augenblick vom iPhone aufzuschauen und hinter sich zu sehen. Noch immer leben in Deutschland zwei bis drei Frauengenerationen, deren Leben in der Adenauer-und der Erhard-Republik begann, als es noch unmöglich war, ohne die Erlaubnis des Ehemanns zu arbeiten. Als der Mann den Lohn der Ehefrau einbehalten, ihren Job kündigen und ihr Bankkonto schließen lassen konnte. Als eine Frau ohne die Erlaubnis ihres Vaters oder ihres Ehemanns keinen Führerschein machen durfte und eine ledige Frau, die schwanger wurde, ihren Arbeitsplatz verlor. Die gesamte Babyboomer-Generation, die im Augenblick in Deutschland vorn auf dem Fahrersitz Platz genommen hat, ist von diesen Frauen erzogen worden.

Hillary Clinton übertreibt nur wenig, wenn sie sagt, jetzt werde ein „neues Kapitel der Geschichte geschrieben“, wenn man bedenkt, wie viele Frauen, die heute noch leben, über ihre Biografien nicht frei entscheiden durften. Und das auch nicht verlangten. Selbst nachdem das letzte dieser bundesdeutschen Frauenversklavungsgesetze unter Helmut Schmidt im Jahr 1977 gekippt wurde, blieben viele Frauen der Kriegsgenerationen davon überzeugt, dass eine Frau ohne Mann wie ein Fisch ohne Flossen ist, und suchten die Gründe für ihre haustierartige Lebensweise nach Art des Stockholm-Syndroms zuallererst bei sich selbst.

© Getty Images

Der Schaden, den allein die überlieferten letzten 3000 bis 4000 Jahre Männerherrschaft am weiblichen Selbstverständnis angerichtet haben, ist noch lange nicht repariert, selbst wenn diese Herrschaft nach dem 8. November 2016 ihrem Ende näher rücken sollte. Bis heute stammt buchstäblich alles, was das Leben komfortabel, sicher und lebenswert macht, angefangen von der Rohrzange über die Antibabypille bis zur Facebook-Timeline, von Männern. Finanzen, Industrie, Militär, Medien und Technologie befinden sich, Frauenemanzipation hin oder her, weiterhin unverändert zu vier Fünfteln in männlicher Hand. Selbst Gott haben die Männer von Anfang an auf ihrer Seite gehabt. Wie wäre es sonst möglich, dass er sein Wort – sieht man von der historisch jungen Reformsekte der Protestanten ab, aus der Hillary Clinton, Angela Merkel und Margaret Thatcher hervorgegangen sind – bis heute ausschließlich von Männern verkünden lässt: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Es ist schmerzlich für die Frauen, aber auch das Christentum, der Islam und das Judentum sind eine Erfindung von Männern für Männer. Ihr Herrgott ist ein erklärter Frauenverächter. Die gesamte Sündenlast der Welt wird in den drei großen monotheistischen Religionen allein dem unreinen und ungehorsamen Weib angelastet. Braucht es noch mehr Beweise dafür, dass selbst die heiligen Texte leider nichts anderes als die selbst geschriebenen Packungsbeilagen des Patriarchats sind?

Schuld daran ist niemand, noch nicht einmal die Männer. Das Rätsel, wie es zu der tiefen Ungleichheit kam, die die Frauen die längste Zeit der Geschichte über so ungerührt hingenommen haben wie das Wetter, ist dennoch nicht unlösbar. In allen uns bekannten Gesellschaften, egal ob sie Wale im grönländischen Packeis oder Antilopen im australischen Dschungel gejagt haben, war die Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern zu allen Zeiten dieselbe: Die Männer erlegten Tiere, trieben Handel, trugen Streit aus, beherrschten die Rituale und tanzten ums Feuer. Die Frauen sammelten Gräser und Früchte, bekamen und fütterten Kinder, blieben im Iglu, in der Höhle, im Haus, das sie selbst im alten Griechenland – bis heute das idealisierte Sehnsuchtsland des gebildeten Europa – niemals unbegleitet verlassen durften. Der Außenradius der Männer war von Anfang an enorm und vergrößerte sich kontinuierlich. Von der Großwildjagd bis ins Weiße Haus führte ein anstrengender, aber gerader Weg. Der Raum der Frauen war immer gleich minimiert, egal ob Nomadenzelt oder Villa Medici, überstieg er selten den Bewegungsmaßstab eines Kleinkinds. Und als dauerschwanger müssen wir uns unsere Vorfahrinnen wohl vorstellen, bis Carl Djerassi die Frauen im Jahr 1960 mit seiner Antibabypille von ihrem Schicksal erlöste.

Die Folge dieser Arbeitsplatzgestaltung war die Herrschaft des expandierenden über das stagnierende Geschlecht, die sich in einem brutalen Vaterrecht verwirklichte, das den Männern erlaubte, Frauen einzusperren und Töchter im Kindesalter zu verkaufen. Und das nicht nur hier und da und ab und zu, sondern überall und an manchen Orten bis heute.

Der Traum von einem frühen Zeitalter, in dem das  Vaterrecht die Frauen noch nicht unterworfen und entrechtet hätte, bleibt ein Märchen. Ein urzeitliches Matriarchat, wie es der Schweizer Altertumsforscher Johann Jakob Bach­ofen in seinem hoch spekulativen Hauptwerk Das Mutterrecht (1861) beschrieb und das sich die Frauenbewegung so sehr gewünscht hätte, hat es niemals gegeben. Auch die nostalgische Verklärung vergangener Geschichtsepochen, als in „jenen bessern Tagen“ (Friedrich Hölderlin) die wahlweise hellenische, mittelalterliche oder Vor-68er-Welt noch nicht „aus den Fugen“ war, ist eine intellektuelle Männerfantasie, in der die eingesperrte und entmündigte Hälfte der Menschheit nicht vorkommt. Auf die kulturdandyhafte Lieblingsfrage, in welchem vergangenen Zeitalter das Leben vortrefflicher und lebenswerter gewesen sei, kann eine Frau nur antworten: in keinem.

Hillary Clinton: “I believe that the rights of women and girls is the unfinished business of the 21st century”
Tweet this

Dennoch haben die Frauen sich in Tausenden von Jahren so gut wie niemals aufgelehnt. Die Frauenrechtlerinnen des 20. Jahrhunderts standen anschließend ratlos vor der Frage, wie es den Männern nur gelingen konnte, die weiblichen Innenwelten derartig zu kolonialisieren, dass sie ihre Unterdrückung offenbar gar nicht bemerkten. Der ernüchternde Hinweis darauf, dass die Gedanken der Herrschenden üblicherweise die herrschenden Gedanken sind, hilft da nicht wirklich weiter. Obwohl es zutrifft, dass Philosophie und Literatur das, was das Patriarchat bereits angerichtet hat, nachträglich mit dem Gütesiegel des Wünschenswerten und Wohlbegründeten versehen haben.

Männer waren das Urmaß für alles, was das Abendland groß gemacht hat: Mut, Macht, Identität, Vernunft.  Frauen die Abweichung. Männliches Verhalten war normbildend, weibliches zweitrangig. Der Tod auf dem Schlachtfeld war ehrenvoller als der im Kindbett, die Selbsterforschung des heiligen Augustinus folgenreicher für das abendländische Menschenbild als der Kräutergarten der heiligen Hildegard. Frauen fielen in der Geschichte überhaupt nur auf, wenn sie sich wie Männer benahmen. Also so gut wie nie.

Das Patriarchat überlebte Eiszeiten, Revolutionen und Meteoriteneinschläge genauso wie den Untergang des Römischen Reiches und diverser Republiken. Es war die längste und erfolgreichste Herrschaftsform der Menschheitsgeschichte. Doch als die ersten Suffragetten mit langen Röcken und großen Hüten überraschend von der Hinterbühne des Privaten, wo man sie für alle Ewigkeit verwahrt glaubte, nach vorn in die Öffentlichkeit traten und selbst geschriebene Protest-Pappschilder in die Höhe hielten, überstürzten sich die Ereignisse. Nur kurze 96 Jahre nach der Einführung des US-Frauenwahlrechts (selbst die befreiten männlichen Sklaven durften in den USA ­früher wählen als die Frauen) hofft man, dass eine Frau Präsidentin der Vereinigten Staaten wird, um das Land vor einem chauvinistischen Komödianten zu retten.

Ein bisschen weniger dramatisch, aber genauso symbolisch war der Regierungsantritt von Theresa May, die Großbritannien nun aus dem Brexit-Desaster führen soll, das ihre männlichen Kollegen dem Land eingebrockt haben. Und so ist es oft. Die Frauen sollen ausbaden, was männlicher Größenwahn und männlicher Selbstdarstellungsdrang angerichtet haben. Als Angela Merkel nach Kohls Spendenaffäre an die Macht kam, war das Muster dasselbe: Endlich war da eine Frau, die nicht bis zur kompletten Bewegungsunfähigkeit in Männernetzwerken verstrickt war. Noch immer erinnert mich Merkel ein bisschen an die deutschen Trümmerfrauen, die sich, nachdem die Männer alles in Schutt und Asche gebombt hatten, ihre Schürze umbanden und alles aufräumten.

Natürlich gibt es auch Rückschläge: Die drohende Wiederkehr der überwundenen Männerherrschaft in Gestalt Donald Trumps ist ein restaurativer nationaler Erektionsversuch – make America great again. Unter Einsatz von unzeitgemäßem Angeberkram wie Flugzeugen und schönheitsoperierten Models spielt der Bewerber um das höchste Amt das alte Männermachttheater noch einmal nach, als könnte er es dem Land zurückbringen: dieses Mal nicht als Tragödie, sondern als Farce. 

Aber es wird ein historischer Augenblick von großer Strahlkraft sein, sollte die Mehrheit der Amerikaner im November von der alten Welt der männlichen Wichtigtuer endgültig Abschied nehmen. Als erste Präsidentin könnte Hillary Clinton etwas richtig Neues beginnen: her story. Und sie wird dabei als 45. Präsident ganz ohne Vorbild sein.

Von Iris Radisch, Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Zeit“, wo der Text in einer ersten Fassung erschienen ist.

04.10.2016 | Kategorien Essay, Magazin | Tags