Landliebe

Global denken, lokal leben: immer mehr Großstadtmenschen siedeln dauerhaft aufs Land um. Vor allem Autoren, Galeristen und sonstige Kulturschaffende verlassen ihr gewohntes Habitat und versuchen, ihr Glück zu finden in, ja, in was eigentlich?

"Der Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich | Foto: Courtesy of bpk/ Nationalgalerie, SMB/ Andres Kilger

Es begann mit der Barbourjacke und dem Allrad-Jeep in den Städten, genauer gesagt, direkt auf dem Bürgersteig vor der Altbauwohnung. Das muss Anfang der 90er-Jahre gewesen sein. Jedenfalls sah der ganz normale Alltag plötzlich vermehrt schon rein äußerlich eher nach Hochsitz als nach Tiefgarage aus. Manch einer analysierte damals den Boom der Farbe Moosgrün beim Kaschmirpulli zu sauber abgehangenen Tweedsakkos in Schlammtönen als direkte Folge der Wiedervereinigung und dem dadurch ausgelösten spätjunkerlichen Wildern in den ewigen Jagdgründen enteigneten Familienbesitzes durch die ehemalige DDR. Aber so viele zurückgewonnene Zweitwohnsitze in der Lausitz konnte es gar nicht geben, wie das Wort „Country“ auf einmal allerorts im gesellschaftlichen Hallraum der Konsumkultur auftauchte: vom populären Sondermodell des Familienkombis schlechthin, dem Volvo V70 Cross Coun­try, bis zum Superhit der Britpop-Band Blur aus ihrem Album The Great Escape namens Country House. Kollektive Stadtflucht als spätmoderne Massenbewegung ins (überparteilich) Grüne begann unschuldig als Landliebe auf dem Milchetikett und führte, fast panerotisch aufgeladen, als Landlust knapp eine Dekade später zum erfolgreichsten Neuzugang des Zeitschriftenmarktes. Auch wer sich nicht mal eben ein Wochenendhaus in den Naherholungsgebieten der Ballungsräume vom Starnberger See über Taunus bis zur Uckermark oder gleich auf Sylt leisten konnte, trug wenigstens schon mal das passende Outfit für die widrigen Winde im Dickicht der Städte. Die innerliche Leere einer durch hoch bezahlte Arbeit am Tag und exzessives Ausgehen in der Nacht geprägten Stadtexistenz führte fast unausweichlich zur Sinnsuche auf den Ausfallstraßen über die Dörfer. Dass es sich bei den neuen Jüngern des biodynamisch genährten Lebensstils überwiegend um Charaktere handelte, die normalerweise rein interessetechnisch auf dem flachen Land nichts zu verlieren haben, geriet großzügig in Vergessenheit. Genau wie die bisweilen hochgradig fremdenfeindliche Grundeinstellung weiter Teile des ländlich durchpflügten Deutschbodens, denn auch als Stadtmensch ist man auf dem Land erst mal fremd, auf jeden Fall hochverdächtig und mit Vorsicht zu genießen. Aber auch das war kein echtes Problem. Man konnte sich die „netten“ neuen Nachbarn aus den bevölkerungsschwachen Teilen des Landes ja immer noch schön trinken. Es versteht sich von selbst, dass Landleben (aber nie ohne Hi-Fi und Wi-Fi!) ganz selbstverständlich mit der Gründung einer Familie einhergeht, die man weit weg von der Mitte der Welt viel besser vor den Unbillen des urbanen Malstroms bewahren kann: safe from harm eben und im Einklang mit der Natur, im Wissen, dass Milch von der Kuh und Eier von Hühnern kommen und Obst wie Gemüse problemlos auch selbst angebaut werden können. So wie es unlängst im Bekennerschreiben des Publizistenpaars der Stunde, Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer, dargestellt wird: „Stresst ihr noch oder liebt ihr schon?“, fragen sie, und erklären, wie man in Vorbereitung auf landwirtschaftliche Handgreiflichkeiten am besten erst mal 1 000 Würmer für den Komposthaufen bestellen sollte: online natürlich. Dass all die frischgebackenen Botho-Straußenpärchen aber auch nicht vor den Fehlern des Kopisten gefeit sind, merken die Neu-Brandenburger spätestens nach den ersten schweren Stunden auf dem Land. Das liegt daran, dass sich der Alltag in der Ackerzone für die Heils- und Sinnsucher aus den Städten mit den ein- (maximal zwei-)silbigen Autokennzeichen wesentlich von den gleich auf dem Grundstück nebenan aktiv produzierenden Landwirten unterscheidet.

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Während die Letzteren mit dem ersten Vogelgesang weit vor Sonnenaufgang schon in den Ställen stehen, um ihr Vieh zu versorgen, tagsüber unermüdlich die Felder bestellen und abends dementsprechend früh und vollkommen erschöpft zu Bett gehen, haben die Ersteren, weil sie ja gerade nicht arbeiten, jede Menge, genau genommen viel zu viel Zeit, um über sich selbst nachzudenken. Die Ergebnisse dieses Reflektionsprozesses, der automatisch dann beginnt, wenn man „kein Netz“ mehr hat, sind eher erschreckend. Der Komiker Louis C. K. hat das, was unter der gesamten Oberfläche des Lebens existiert, einmal treffend als „this thing deep inside you, this forever empty“ beschrieben: das Wissen darum, dass alles umsonst und jeder alleine ist. Und diese Elementar­traurigkeit ist es, die wir in solchen Momenten aushalten müssen. Wer darüber hinaus wissen will, warum wir froh sein könnten, nicht ununterbrochen mit der Natur leben zu müssen, sollte das Standardwerk zum Thema, die Einsiedlerbibel Walden aus der Feder des Amerikaners H. D. Thoreau, lesen. Der Mann verbrachte zwei seiner „besten“ Jahre in einer Blockhütte in Massachusetts, um herauszufinden, was es bedeutet, im Einklang mit der natürlichen Welt zu leben. „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.“ Das ist für den affluenten Hauptstädter mit status anxiety und dementsprechenden Ambitionen für ein wettbewerbstaugliches Haus am See natürlich schon zu viel an theoretischem Überbau. Es geht in der Regel um einfachere, alltagsnahe Fragen wie: ob man die strenge Fahne eines frisch gedüngten Ackers aushalten kann, ohne gleich an die chemische Keule moderner Agrarwirtschaft denken zu müssen und die Kinder hysterisch vom Spielen auf dem Feld zurück ins Haus zu kreischen aus Angst vor chronischen Vergiftungen. Wer dann noch in Abwesenheit oder auf Reisen dazu in der Lage ist, nicht alle zehn Minuten hektisch die App für die Hausalarmanlage zu aktualisieren, um russisch gehängte Frieze-Kunst und die über Jahre auf 1stdibs.com recherchierten Mid-Century-Originale zu sichern, hat das Landdiplom schon fast bekommen. Vielleicht ist es mit dem Leben auf dem Land aber auch wie mit allen Glücksversprechen und Wünschen: Sie locken einen so lange, bis man sie sich erfüllt hat und die Schattenseiten zum Vorschein kommen. Der erste septische Super-GAU mit der frisch installierten Bio-Sickergrube vor der gesamten Verwandtschaft auf Besuch. Das ausgerechnet am Wochenende ihrer Anwesenheit ausbrechende Ingmar-Bergman-Psychoscheidungsdrama eines komplizierten Paars, das man ohnehin besser nicht eingeladen hätte. Oder wie das ist, wenn man abends in geselliger Runde mit Besuch aus der Stadt vor dem Kaminfeuer sitzt und nicht mal gerade eben den fliegenden Händler der künstlichen Paradiese bestellen kann, um die erlahmte Konversation wieder etwas in Schwung zu bringen. Wer dann nach einer absurd zum Morgengrauen hin gedehnten Landnacht die Vögel zwitschern hört, dem kann es schon mal so gehen wie dem berühmtesten Stadtflüchtling der Musikgeschichte Syd Barrett von Pink Floyd. Der hielt seinen Rückzugsort so geheim, dass eine andere Band, die Television Personalities, ihm einen Song widmete, der schon in der Titelzeile nach Wikileaks und breaking news klingt: I Know Where Syd Barrett Lives. Das famose Stück endet mit einer subtilen Schleife von Vogelgezwitscher und dem finalen Aufschrei von Syd: „Oh, shut up!“

 

von Eckhart Nickel

23.11.2016 | Kategorien Essay, Magazin | Tags , , ,

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