„Dass Björk meine Musik beim Kochen hört, ist ein riesiges Kompliment.”

Die Newcomerin NAO serviert ein Debüt-Album, auf dem sich ein Ohrwurm an den nächsten reiht. Wir trafen sie in Berlin zum Gespräch, wo sie im ausverkauften Berghain das letzte Konzert ihrer Europa-Tournee gab.

Sie bezeichnet eine besondere Kategorie, die Art von Musik, die einen euphorisch macht, zum wilden Rumtanzen in der Wohnung anregt, die aber gleichzeitig mit überzeugenden Texten und durchdachten Arrangements auffährt. Hier sind auch Künstler wie Robyn, Little Dragon oder Pharrell Williams anzusiedeln – und auch Newcomerin NAO. Die Londonerin hat mit ihrem Debüt „For All We Know“ ein Werk mit lebendigen Tanz-Nummern und ergreifenden Slow Jams hervorgebracht und dafür seit der Veröffentlichung im Sommer dieses Jahres viel Lob eingeheimst.

Schon ihre zwei vorangegangenen Solo-EPs wurden von der digitalen Musikgemeinde ausgiebig gefeiert, weil der Sound der 28-Jährigen, den sie selbst als Wonky Funk bezeichnet, so unglaublich unverkennbar ist. In erster Linie liegt das an ihrer glockenklaren, honigsüßen Stimme, die man aus tausenden heraushört und die nie an Kraft oder Volumen verliert.

Doch weder der professionelle Gesang noch das Rampenlicht sind für NAO neues Terrain. Als Background-Sängerin, unter anderem für Pulp-Frontmann Jarvis Cocker, sang sie bereits vor einem globalen Publikum. Nun steht sie selbst im Mittelpunkt und überzeugt als Solo-Künstlerin mit einer dynamischen Bühnenpräsenz.

INTERVIEW: Als Sie anfangs Musik veröffentlicht haben, konnte man keine Bilder von Ihnen sehen. Es gab nur wenige Fotos, und auf diesen hatten Sie dann zum Beispiel Ihre Hände vor dem Gesicht. Warum?

NAO: Ich wollte, dass die Leute sich auf die Musik konzentrieren. Wir leben in einer Welt, in der man ständig mit Bildern auf Plattformen wie Instagram und Snapchat zugeballert wird, die zum Teil den ganz persönlichen Alltag von Künstlern zeigen. Ich wollte mich einfach zurückhalten und erst als Musikerin wahrgenommen werden. Auch heute gibt es noch Fans, die mir sagen: Ich höre deine Musik seit zwei Jahren und wusste bis jetzt nicht, wie du aussiehst. Das Ganze hat also offenbar funktioniert.

INTERVIEW:Erinnern Sie sich noch an den Moment, an dem es so richtig ernst mit der Karriere wurde?

NAO: Ich habe in den USA getourt und eine Headline-Show in New York City gespielt. Es waren schon einige große Dinge bis zu diesem Zeitpunkt geschehen, aber dieses eine Konzert fühlte sich aus irgendeinem Grund besonders an. Ich dachte bis dahin immer, vielleicht ist das alles bloß ein kurzlebiger Hype, aber dann war da dieses New-York-Erlebnis. Es war ein ausverkaufter Konzertsaal, und es kam so viel Reaktion vom Publikum, noch bevor ich überhaupt anfing zu spielen. Es fühlte sich auf einmal alles so real und greifbar an, auch, weil ich nicht in Großbritannien war. All diese Leute, auf einem anderen Kontinent, hatten meine Musik gehört – das war einfach unglaublich.

INTERVIEW: In einem Ihrer Doku-Videos sagen Sie: „Ich bin kein Popstar”. Es hat sich in den letzten Monaten seit dem Release Ihres Albums ja einiges getan – auch an Ihrer Einschätzung zum Popstar-Dasein?

NAO: Ich habe kein richtiges Empfinden dafür, wie andere mich sehen. Ich sehe mich jedenfalls selbst nicht als Popstar, zumindest nicht, wie er traditionell verstanden wird. Ich fühle mich im Grunde einfach nur wie eine Musikerin, die nun wahrgenommen wird. Mich haben Menschen in der Öffentlichkeit schon häufig erkannt, nachdem das Album rauskam, auch weil die Hörerschaft wuchs. Das ist möglicherweise ein Zeichen für eine Bewegung in Richtung Popstar-Dasein.

INTERVIEW: Und wie fühlt es sich für Sie an, erkannt zu werden?

NAO: Im Moment ist es in Ordnung und noch nicht allzu störend. Aber ich merke schon ab und an, dass ich ein wenig paranoid werde. Ich war letztens in der Tube, um zu meinem London-Gig zu kommen. Ich trug kein Make-Up und meine Haare sahen grauenvoll aus. Ich war müde und nicht gerade in bester Laune. Nach dem Konzert kam jemand auf mich zu und sagte: „Ich habe dich heute in der Tube gesehen, und wusste nicht, ob ich dich ansprechen soll.” Was mir dieser Moment zu verstehen gab, war, dass man manchmal von Menschen beobachtet wird, ohne dass es einem richtig bewusst ist. Danach habe ich mich häufig gefragt, wo mich sonst noch andere erkennen, ohne dass ich es richtig wahrnehme. Da kommt manchmal eine kleine Paranoia auf. Momentan ist es aber auf einem guten Level, es ist noch kein Amy-Winehouse-Phänomen.

INTERVIEW: Sie werden oft als „nahbar” bezeichnet. Das ist auch eine neue Kategorie von Popstars, die es früher so nicht gegeben hat. Adele oder James Blake gehören dazu, also Künstler mit Talent, an die man aber auch noch zusätzlich den Anspruch stellt, menschlich zugänglich zu sein. Was bedeutet der Begriff „Nahbarkeit” für Sie?

NAO: Ich glaube, das ist einfach Teil meiner Persönlichkeit, nicht bloß als Sängerin, sondern auch als Charakter. Ich rede gerne mit Menschen, stelle Fragen und interessiere mich für sie. Daher fühlt sich das für mich auch wie ein Kompliment an. Aber da denkt man natürlich auch: Öffne ich mich vielleicht zu sehr? Wenn Leute einen bloß durch die Musik kennen, sollte man eventuell eine bestimmt Distanz wahren, um sich nicht zu sehr zu offenbaren.

INTERVIEW: Sie haben auf Twitter geschrieben: „In meiner Jugend wollte ich bloß dazugehören, in meinen Zwanzigern anders sein und nun versuche ich, mich zu finden.” Was hat den Tweet inspiriert?

NAO: Irgendwie versuche ich immer noch, alles drei zu sein. Ich bin nun 28 Jahre alt und habe in diesem Moment einfach reflektiert, wie meine menschliche Reise bislang verlief. Es ist bei vielen so, dass sie in der Schulzeit damit beschäftigt sind, wie alle anderen sein zu wollen. Während der Uni-Phase bricht man dann aus und versucht, so eigen wie möglich zu sein. Ich denke, ich hatte mit beiden diesen Dingen lange zu kämpfen und fand erst kürzlich heraus: Wenn ich einfach ich selbst bin, kann ich sowohl individuell als auch zugänglich sein. Das war so ein Erleuchtungsmoment, als ich den Tweet verfasst habe; wahrscheinlich während einer schlaflosen Nacht, wenn ich üblicherweise solch tiefsinnige Gedanken habe.

INTERVIEW: Björk hat auf einem ihrer DJ-Gigs einen Ihrer Songs gespielt. Wie war das für Sie?

NAO: Das war eines der größten Komplimente, die ich je erhalten habe. Mir wurde immer wieder mal erzählt, dass Björk über mich gesprochen hat. Sie gab mal eine Vorlesung bei der Red Bull Music Academy und hat dabei erzählt, dass sie mein Album gerade hört, zum Beispiel während sie kocht. Sie sagte, dass Inhale, Exhale einer ihrer Lieblingssongs ist. Ich liebe Björk und schätze alles wofür sie steht. Sie ist eine der willensstärksten und mutigsten Künstlerinnen. Allein der Gedanke, dass meine Musik sie irgendwie erreicht hat, ist schon ein riesiges Kompliment, aber dass sie meine Tracks auflegt und mit anderen teilt, ist einfach großartig.

INTERVIEW: Gab es sonst noch Momente, die besonders für Sie waren?

NAO: Es gab viele kleine Dinge, die speziell waren. Ich finde es immer besonders, dass Menschen meine Songs unterschiedlich interpretieren. Es gab mal eine Anhängerin, die von Beginn an zu meinen Shows kam, seit dem allerersten Mal. Sie hatte sich in ihre Freundin verliebt und die Erfahrung mit meinem Song Apple Cherry verbunden. Sie wollte ihr einen Antrag machen und bat mich, dieses Lied zu singen, während sie um ihre Hand anhalte. Ich wollte das unbedingt für sie machen. Das war sehr schön, aber auch interessant, weil dieser Song eigentlich von unerfüllter Liebe handelt. Die beiden verbanden ihn allerdings mit dem Entstehen ihrer Beziehung – ein sehr besonderer Moment.  

INTERVIEW: Es gibt einen ganz offensichtlichen musikalischen Bezug zu den 90s auf „For All We Know”. Welche Künstler haben das inspiriert?

NAO: Ich bin in den Neunzigern groß geworden und liebe Gitarre, also war Prince für mich immer bedeutend. Diesen Einfluss hört man wegen der funky Gitarren-Sounds, die auf meinem Album hervorstechen. Ich liebe harte Basslines, das wurde von Künstlern und Künstlerinnen wie D’Angelo oder Missy Elliot inspiriert. Ich mag auch funky Beats, wie bei Pharrell oder Timbaland. Es gibt einen nostalgischen Aspekt in meiner Musik, ich hoffe aber sehr, dass sie dabei noch gegenwartsrelevant bleibt.

INTERVIEW: Wer wäre denn jemand, den Sie hören, der gegenwartsrelevant ist?

NAO: Ich liebe James Blake, Chance The Rapper und Kendrick Lamar. Little Dragon mag ich sehr, mit ihnen war ich mal auf Tour. Ich mag Künstlerinnen und Künstler, die ihre eigene Welt geschaffen haben und nicht so sehr fürs Radio wichtig sind. Man hört James Blake beispielsweise kaum im Radio, trotzdem hat er eine steile Karriere hingelegt und einen ihn kennzeichnenden Sound geschaffen. Man weiß immer gleich nach wenigen Takten, wenn ein Lied von ihm ist. Auch Musiker, die einen ähnlichen Sound haben, sind irgendwie immer eine Referenz zu ihm. Ich möchte das auch irgendwann erreichen, andere Musiker zu hören und dann zu denken, die haben sich vielleicht von mir inspirieren lassen, das wäre so cool. Ein Geheimtipp ist eine ganz neue Künstlerin, sie heißt Noname und kommt aus Chicago. Sie macht eine interessante Art von Poesie-Rap und ist unfassbar talentiert. Auch bei ihr ist dieses Konzept des Popstars nicht so richtig aufgehoben. Sie ist in erster Linie Künstlerin, vor allem anderen. Ich habe sie entdeckt und bin seitdem Fan, ja, fast schon Stalkerin (lacht).

Von: Osia Katsidou