Als Martin Margiela für Hermès designte

Es war eine ungewöhnliche Liaison: 1997 engagierte das Pariser Luxushaus Hermès den Avantgarde-Designer Martin Margiela. Eine Ausstellung zeigt Relikte der fast vergessenen Zusammenarbeit.

HERMÈS “Losanges” Spring/Summer 2003 - photo Nathaniel Goldberg MAISON MARTIN MARGIELA Spring/Summer 1989 - photo Ronald Stoops - graphic design Jelle Jespers

Für einen Designer, der schon vor Jahren aus dem Geschäft schied – und sich selbst zu aktiven Zeiten kaum vor einer Kamera blicken ließ –, ist Martin Margiela in der Mode erstaunlich präsent. Erfolgreiche Avantgarde-Labels wie Vetements orientieren sich mehr als deutlich an dem, was Margiela in den Neunzigern schneiderte. Es ist, so scheint es, immer die richtige Zeit für übergroße Mäntel, runde Absätze, offene Säume und fleischfarbene Einteiler.

Deutlich weniger bekannt als Margielas eigenes Label ist die Arbeit des belgischen Designers für Hermès. Dabei entwarf er immerhin sechs Jahre die Frauen-Kollektionen des Pariser Modehauses. Als er 1997 den Posten des Designers bei dem traditionsreichen Haus antrat, war das eine Überraschung. Martin Margiela hatte sich mit falsch herum getragenen Kleidungsstücken, Gesichtsmasken und Hang zur Dekonstruktion einen Namen gemacht. Modenschauen hielt er in den Neunziger-Jahren am Stadtrand von Paris ab, wo er seine Kollektion in Plastikbeuteln präsentierte. Hermès dagegen stand für Satteltaschen und wohl temperierte Seidencarrées. Manch einer erwartete schon, dass der Avantgarde-Designer das berühmte Halstuch zu Streifen schreddern würde. Immerhin hatte sich Margiela völlige kreative Freiheit als Bedingung der Zusammenarbeit ausbedungen.

Hermès A/W 1998-1999 Vareuse in double-faced cashmere, sleeveless high-neck pullover in cashmere, mid-length skirt in Shetland wool and boots in calfskin, ‘Le vêtement comme manière de vivre’ Le Monde d’Hermès, Photo: John Midgley

Doch es kam ganz anders: Margielas Kollektionen für Hermès waren, zum Schock vieler: schlicht und zurückhaltend. Er zeigte Mäntel mit geraden, lockeren Silhouetten und weichen Schultern und Pullover mit tiefen V-Ausschnitten. Darüber und darunter Lagen von Kaschmir in beige, grau und schwarz. Manch ein Kritiker war enttäuscht, dass Margielas Entwürfe für Hermès so gar nicht spektakulär sein wollten. Doch für den Designer standen hochwertige Materialien und Tragekomfort im Vordergrund. Bei Hermès wollte er nicht die Mode revolutionieren, sondern erwachsene Frauen anziehen. Bunt bedruckte Seidentücher und Kelly-Bags verbannte er wohlweislich vom Laufsteg.

Das Modemuseum Antwerpen widmet Margielas Zeit bei Hermès nun – nur einen kurzen Spaziergang entfernt von der berühmten Modeakademie, an der Margiela einst studierte – eine eigene Ausstellung. Margiela: The Hermès Years lässt Margielas 12 Kollektionen für das Pariser Modehaus Revue passieren, zeigt aber auch Stücke seines eigenen Labels. Denn, schaut man genauer hin, sind die gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man zunächst denken könnte.

„Margiela: The Hermès Years“

MoMu Modemusum Antwerpen

Die Ausstellung läuft bis zum 27. August 2017

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