"Ich habe immer das Ziel, mich bestmöglich zu offenbaren"

Als Österreichs Erzherzogin Maria Theresia Mitte des 18. Jahrhunderts Schloss Hof erwarb, hätte sie sich wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, wie Fotograf Michel Comte mehr als 260 Jahre später eine japanische Tänzerin in den Stallungen des barocken Anwesens posieren lässt. Aya Sato und die selbsternannte „Römische Kaiserin“ könnten allein optisch kaum unterschiedlicher sein und dennoch hat die zierliche Asiatin wie selbstverständlich mit Pferd und pinkem Kunstpelz posiert und uns ganz nebenbei noch ein Interview gegeben.

Ein Dienstag im Juni. Pfingsten liegt hinter uns und für den ein oder anderen schließt sich an die Feiertage ein Kurzurlaub an. Wer es im Zuge dessen bis ins Hinterland der österreichischen Hauptstadt, genauer gesagt in das beschauliche Dorf Hof, geschafft hat, den erwartet ebenda ein besonderes Highlight, denn Michel Comte ist zu Besuch und hat einen Stargast im Gepäck: Aya Sato, eine Hälfte des Tänzerduos Ayabambi. Die zierliche Japanerin erreicht mit ihrem einzigartigen Look – schwarzer Bob plus markanter Lidstrich – und Performancestil im Netz Hunderttausende, wodurch vor wenigen Jahren sogar Madonna auf Sato und ihre damalige Freundin und Tanzpartnerin aufmerksam wurde. Darauf folgten unter anderem Kollaborationen mit Shiseido und Alexander Wang.

Die Reise nach Hof hat zwar keinen tänzerischen Anlass, Ayas Look ist aber nicht minder extravagant. Die Fingernägel der Japanerin zieren Gold lackierte Rosendornen, der schwarze Bob ist um ein wasserstoffblondes Haarteil ergänzt worden, es folgen ein Reifrock, pinkfarbener Kunstpelz und ein mit Federn besetzter Hut. Barock meets Japan 2.0, Aya Sato gleicht einem Gesamtkunstwerk, das sich als perfekter Kontrast in die österreichische Idylle einfügt.

Fotografisch festgehalten wird dieses vom Schweizer Michel Comte, der in den Siebzigern eng mit Interview-Gründer Andy Warhol zusammenarbeitete, Kampagnen für Mercedes oder Armani geprägt hat und sogar bereits als Regisseur tätig war. Sein neuestes Projekt hat Comte nach Stuttgart verschlagen, genauer zum Fashion- und Lifestyle-Unternehmen Breuninger. Neben der Neugestaltung der Verkaufsflächen bezieht der Fotograf außerdem Stellung als Kreativdirektor des hauseigenen Breuninger Magazins. Für dieses wählt Comte Locations, Mode sowie Model und zeichnet verantwortlich für den künstlerischen Ansatz des Heftes.

Für die neueste Ausgabe fiel seine Wahl auf Hof und Aya Sato, was zum einen an der engen Freundschaft zu der Japanerin und zum anderen an Comtes Liebe zu deren Heimat liegen mag. In diese ist Aya allerdings erst vor Kurzem zurückgekehrt, lange Zeit hat sie in Los Angeles gelebt. „In Tokio kann ich mich jedoch besser zurückziehen“, erklärt sie ihren Umzug. „Ich bin so viel auf Reisen. Sobald ich zu Hause bin, möchte ich nicht mehr großartig rausgehen und shoppen oder so. Dafür ist Tokio perfekt, da kann ich mich gut verstecken.“ Während Aya zu George Michaels „Freedom“ durch den Stall tänzelt und ihren übergroßen Hut schwingt, können wir allerdings kaum nachvollziehen, wieso sich die junge Frau verstecken sollte.

Auf Madonnas Bühne zeigte sich die Tänzerin ähnlich ausdrucksstark. 2015 begleitete sie die Queen of Pop auf deren Rebel Tour. Wie sie es dahin geschafft hat? „Madonnas Tochter Lourde hat Bambi (Anm. der Redaktion: Bambi ist Aya Satos ehemalige Tanzpartnerin und Lebensgefährtin) und mich auf Youtube entdeckt. Über einen Freund in Los Angeles, der als Choreograph arbeitet, und zu der Zeit ein Video mit Madonna gemacht hat, wurden wir engagiert.“ Auch heute seien sie noch gut befreundet, erzählt Aya. „Ja, ich telefoniere öfter mit Madonna, wir schreiben uns auch und bald touren wir wieder zusammen.“ Was daran besonders erstaunlich ist: Aya Sato hat keine klassische Tanzausbildung. Lange Zeit war sie unsicher, wo sie hingehöre, probierte Ballett aus und lernte während ihrer Schulzeit klassische Tänze. „Ich wollte mich aber in keine Schublade stecken lassen, immer nach den Regeln spielen. Ich habe nach einem Weg gesucht, meine Inneres nach Außen zu tragen und meine komplexe Persönlichkeit, all meine Gedanken, auszudrücken. Ich will nicht so sein wie alle anderen.“ Den Grundstein dafür legte die Japanerin in Los Angeles. „Als ich nach Kalifornien zog, eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Ich begann mit Voguing, kaufte mir besonderes Make-up und Kleidung.“ Überhaupt scheint Ayas Mantra zu sein, nicht nach den Regeln zu spielen und das Unkonventionelle zu zelebrieren. Natürlich habe sie auf ihrem Weg auch oft gezweifelt, erzählt sie. „Allerdings bin ich heute nur da, wo ich bin, weil ich meinen eigenen, einen anderen, Weg gegangen bin. Nur deshalb habe ich jetzt das Glück, all die Dinge zu tun, die ich liebe.“

Dazu gehört offenbar auch eine Reise nach Hof, Kutschfahrten auf dem Schlossgelände und eine kurze Abkühlung im Brunnen. Alles für Michel Comte versteht sich. Und unweigerlich zur Unterhaltung der Besucher Hofs. Vor allem während der Mittagspause nahe des Streichelzoos der Touristenattraktion, zieht Aya im weißen Bademantel alle Blicke auf sich. Doch wie ihr Publikum auf ihren Look und Tanzstil reagiere, wolle sie ohnehin nicht steuern, erklärt Aya. „Ich möchte niemandem diktieren, wie er mich wahrnimmt. Ich beabsichtige keine bestimmte Reaktion beim Publikum. Alles was ich möchte, ist, anderen Menschen meine Welt zu zeigen. Wenn das jemand cool findet, ist das okay und wenn meine Performance jemanden irritiert, ist das auch in Ordnung. Mir ist wichtig, anderen durch meine Arbeit ein Gefühl zu vermitteln, das im Gedächtnis bleibt, an das sie sich erinnern. Ich habe immer das Ziel, mich selbst bestmöglich zu offenbaren.“

Wie Aya Sato das auf Schloss Hof vor Michel Comtes Linse gelungen ist, können Sie ab sofort im Breuninger Magazin sehen.

Alle Fotos © Michel Comte via Breuninger