Der Herrenmode-Designer Bent Angelo Jensen im A-Z Interview

Mit seinem Herrenmode-Label "Herr von Eden" wollte Bent Angelo Jensen dem deutschen Mann Lust auf die Selbstinszenierung machen. Vielleicht ging der Visionär dabei zu forsch ans Werk. Jetzt schlägt er leisere Töne an und führt seine Firma so aus der Insolvenz.

Bent Angelo Jensen, Foto: Bettina von Kameke

 

Autodidakt
1999 entwirft der einstige Vintageshop-Besitzer seinen ersten Anzug. „Ich wollte nicht als kauziger Trödelhändler enden“, erklärt Jensen den Schritt zum eigenen Label. Schnitt und Ausführung gibt er zunächst noch in die Hände seiner älteren Schwester, eine Modedesignerin aus Kopenhagen. Danach büffelt er einen Winter lang ihre Schulunterlagen und bringt sich Schnitttechniken und Nähen bei. „Kein anderer sollte hinter "Herr von Eden" stehen.“

Bestseller
Dem Wunsch nach einem eigenen Label ist auch die Suche nach dem perfekt sitzenden Anzug geschuldet. Seine erste Kreation ist für den Designer bis heute dieser Anzug, der sich nur marginal mit den modischen Strömungen weiterentwickelt hat. Ein schlichtes gradliniges Modell mit einem Sakko mit zwei Knöpfen, wahlweise mit steigendem Revers und Seitenschlitzen oder umgekehrt mit einem fallenden Revers und einem Schlitz im Rücken. „No Nonsens. Das ist der "Herr von Eden"-Klassiker. Er ist bis heute unser Topseller.“

Chef-Shop
Ende Juni 2013 meldet Bent Angelo Jensen mit seiner Firma Insolvenz an. Jetzt sucht der Designer die Nähe zu seinen Kunden. In seinem Atelier in Hamburg am Großneumarkt hat er einen Teil der Räumlichkeiten zu einem Laden ausgebaut, in dem er selbst bedient. „Wenn meine Kunden nach dunkelblauen Anzügen verlangen, dann gebe ich ihnen die besten dunkelblauen Anzüge, die ich machen kann.“

Bent Angelo Jensen, Foto: Bettina von Kameke

Detox
Der Designer sieht die Insolvenz als Chance, die maroden Strukturen seines Labels aufzubrechen und zu erneuern. Er kommerzialisiert seine Kreationen, entwickelt Hierarchien, um Verantwortungen zu verteilen und trennt sich schweren Herzens von zwei Mitarbeitern. „Ich bin durchs Tal der Tränen gegangen, jetzt haben wir Gott sei Dank wieder Boden unter den Füßen.“

Erleuchtung
Bents Vater stirbt, als er fünf Jahre alt ist. Der Junge aus Flensburg wächst in einem Haushalt voller „Powerfrauen“ auf. Mit vierzehn eröffnet ihm der Besuch in einem Secondhand-Shop plötzlich eine unbekannte, maskuline Welt aus Herrenanzügen, Manschettenköpfen, Fliegen und Krawatten. „Das half mir, meine Identität zu festigen“, erinnert sich Jensen. 

Frauen
„Um mich herum gab es ein liebevolles Auffangbecken von starken, weiblichen Persönlichkeiten: eine vollberufstätige Mutter, eine ältere Schwester, die italienische Großmutter väterlicherseits, die deutsche Großmutter mütterlicherseits und eine Nanny.“

Gentleman-Rapper
Bent entwirft seit knapp sieben Jahren die Bühnenoutfits für den deutschen Musiker Jan Delay. Der Designer über die Zusammenarbeit: „Eleganz in seinem Auftreten war schon immer Thema und hat sich stets entwickelt. Eine der vielen Parallelen zwischen uns. Ein Musiker, der mit Ende 30 immer noch im gleichen Crossover-Schlabber-Look auftritt wie 1995 und womöglich noch die gleichen Inhalte rappt, würde mich nicht interessieren“.

Haltung
Ein hochwertiges, perfekt geschnittenes Sakko verleiht einem Mann Stolz und unterstützt seine Persönlichkeit. „Das hat was mit dem Respekt vor sich selbst zu tun“, erklärt der 35-Jährige. 

Idole
Seine ersten männlichen Vorbilder sind ein paar ältere Jungs aus der Nachbarschaft. „Das waren Mods. Die sind Roller gefahren und haben Anzüge getragen“, erinnert sich Bent.

Joch
Den Erwartungen seiner Mutter zum Trotz, entscheidet sich Jensen gegen eine konventionelle Banklehre. „Meine Mutter hat es mir bis heute nicht übel genommen und war bisher immer Stolz auf mich.“

Bent Angelo Jensen, Foto: Bettina von Kameke

Kiez
In den 90er Jahren eröffnet der Abiturient seinen ersten Vintageladen in der Marktstraße in St. Pauli – damals das Zentrum der alternativen Szene. Punks und Autonome drängten die einst dort angesiedelten, traditionellen Geschäfte weg. Der Jung-Unternehmer, der es schon immer verstand Tradition und Punk zu vereinen, verhilft der Einkaufsmeile zu neuem Glanz.

Lust
Lackierte Nägel, ein moderner Dandy-Look aus weiter Hose und schmalem Pullover, dicke Ringe an den Fingern: Die Selbstinszenierung ist für den Designer purer Genuss, genau wie seine Mode.

Metropole
2005 bricht der Herrendesigner nach Paris auf. Er mietet sich ein kleines Appartement, kauft sich eine Nähmaschine und kehrt drei Monate später mit einer Frauenkollektion im Gepäck nach Deutschland zurück.

Nahbarkeit
Er scheitert mit seiner Marlene-Dietrich-Vision, die moderne Frau einzukleiden. Sein Fazit: „Ich wollte mich der Figur einer durchschnittlichen Westeuropäerin nicht anpassen.“

Ohnmacht
Drei Jahre brauchte der Designer, um sich der Insolvenz zu stellen: „Ich hatte Angst davor, als Shooting-Star der Mode mit so einer Meldung rauszukommen, 70 Lieferanten vor den Kopf zu stoßen und denen zu sagen 'Ich schulde euch 600.000 Euro und ich kann sie nicht bezahlen'.“

Pate
Der 64-Jährige Domenico Spaggiari ist der neue Produzent des Labels und wird in Italien als Papst der Textilbranche gehandelt. Der Italiener arbeitete bereits für große Modehäuser wie Wunderkind, Armani und Tom Ford.

Bent Angelo Jensen, Foto: Bettina von Kameke

Querulantin
Bent glaubt weiterhin an eine Damenkollektion mit Anleihen aus der Herrenmode. „Meine Ideen und meine Ansprüche sollen an einer 'normalen' Frau funktionieren.“

Rebell
„Das Thema Dandy – der Mix zwischen Tradition und Provokation – war von Anfang an für "Herr von Eden" ein großes Glück. Das Freiheitsliebende und das Rebellische wird auf keinen Fall sterben“, versichert er.

Stütze
Prominente Kunden wie Jan Delay, Udo Lindenberg und Rammstein unterstützten den Designer mit der Charity-Auktion "Bent Aid" in den Hamburger Deichtorhallen. Der Erlös kommt der Finanzierung des Insolvenzplans zu Gute.

TauchGANG
„Während meiner kreativen Schaffensphasen klinke ich mich aus dem Alltag völlig aus. Das kann in Paris sein, aber genauso gut in einer einsamen Hütte an der Ostsee“, verrät Bent.

Umbruch
„Wir haben die aktuelle Kollektion zum ersten Mal an zwei Männer-Typen fotografiert. Einmal an so 'nem Hungerhaken mit Größe 46 und einmal an einem Super-Size-Model mit Größe 56. Beide sehen super aus“, erklärt der Designer.

Vaterfigur
In der Herrenmode hat Bent einen Ersatz für eine fehlende männliche Identifikationsfigur gefunden.

Windjacke
„Die Outdoor-Kleidung wird immer modischer, nur leider verkümmert dabei die klassische Kleidung. Das ist ein Problem.“

X-Achse
Der Designer hat in Krisenzeiten zurückgeschraubt und sich auf seine Wurzeln besonnen.

Y-Achse
Steigende Verkaufszahlen sorgen für Optimismus. „Wir wollen in drei bis vier Monaten den Anlauf in die Freiheit wagen.“

Ziele
„In zwei Jahren werde ich Porsche fahren“, sagt Bent. Er meint es metaphorisch und mit einem Augenzwinkern.

Bent Angelo Jensen, Foto: Bettina von Kameke

 

Weitere Informationen zu "Herr von Eden" gibt es hier

- Christine Korte

 

23.01.2014 | Kategorie Fashion | Tags , , ,