DRIES VAN NOTEN
"Mit Mode kann man heute nicht mehr schockieren"

Er flog von der Jesuitenschule, revolutionierte mit den Antwerp Six die Mode und gehört zu den einflussreichsten Designern unserer Zeit. Sein Rezept: eine außerordentliche Liebe für Muster und Materialien (für belgische Standards sind seine Entwürfe fast romantisch) und äußerste Diskretion (keine Werbung). Der große Dries van Noten im Interview

© Romain Bernardie James


INTERVIEW: Die Arbeit mit Mode hat in der Familie van Noten große Tradition. Ihr Vater war Herrenausstatter, der Großvater Schneider. Zudem produzierte die Familie eigene Stoffe.

DRIES VAN NOTEN: Ja, das stimmt.

INTERVIEW: Gab es bei Ihnen nie den Impuls, etwas ganz anderes machen zu wollen?

DRIES VAN NOTEN: Ich hatte schon meine rebellischen Momente. Als ich 18 oder 19 war, haben wir auf dem Land gelebt. Das habe ich gehasst und wollte nur weg. Ich bin zwar der Mode treu geblieben, aber das Familiengeschäft war ja Einkauf und klassischer Verkauf. Mir war jedoch ziemlich schnell klar, dass ich selber designen wollte. Für meinen Vater war das ein großer Schock. Er hatte gehofft, dass ich den Familienbetrieb übernehme.

INTERVIEW: Gefallen Ihrem Vater denn die Schnitte, die den Namen van Noten weltberühmt gemacht hat?

VAN NOTEN: Er hat sehr lange gebraucht – fast 20 Jahre – bevor er zugeben konnte, dass das, was ich mache, auch nicht so schlecht ist. (lacht)

INTERVIEW: Wie haben Sie sonst rebelliert? Es heißt, Sie seien mal von der Schule geflogen…

VAN NOTEN: Oh ja. Ich war auf einer Jesuitenschule und da hat es ordentlich gekracht. Ich durfte schon früh meine Eltern auf deren Einkaufsreisen begleiten, denn ich interessierte mich sehr für Farben, Stoffe, Zeichnungen, Kunst und weltliche Dinge. Und das ist natürlich das Gegenteil von dem, wofür die Jesuiten stehen. Auf der Schule war schon der Kunstunterricht nicht gerne gesehen, pro Woche waren gerade Mal 45 Minuten dafür eingeplant. (lacht)

INTERVIEW: Und warum wurden Sie dann rausgeworfen? Weil Sie heimlich gemalt haben?

VAN NOTEN: Nein, ich war einfach kein besonders motivierter Schüler. Latein und Griechisch waren einfach nicht mein Ding. Die Art, wie man an meiner Schule den idealen Menschen gesehen hat, war ziemlich genau das Gegenteil von dem Menschen, der ich sein wollte.

INTERVIEW: Vor kurzem sollten Sie sich trotzdem in das Goldene Buch der Schule eintragen…

VAN NOTEN: … was ich aber abgelehnt habe. Ich fand das etwas heuchlerisch. Zumal ich wirklich überrascht war, überhaupt gefragt zu werden.

INTERVIEW: Herr van Noten, wie landet man als Jesuitenschüler bei den Antwerp Six?

VAN NOTEN: Eigentlich hat sich das zufällig ergeben. Die Mode-Akademie in Antwerpen war Ende der Siebziger ziemlich klein, es gab für die vier Jahrgänge nur zwei Klassen. Das erste und zweite Jahr saß zusammen in einem Raum und dann das dritte und vierte Jahr in einem anderen. Auf die Weise konnten wir uns gar nicht verpassen – obwohl Martin Margiela und Walter van Beirendonck ein Jahr über uns waren. Am Ende saßen wir einfach nur im selben Klassenzimmer.

Dries van Noten: “Ich trage nur meine eigenen Entwürfe – nicht aus Prinzip, sondern aus Faulheit.”
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INTERVIEW: Gab es anfangs unter den Antwerp Six eine bestimmte Rollenverteilung?

VAN NOTEN: Durchaus. Ann Demeulemeester hatte ein unglaubliches Zeichentalent und einen sehr guten Musikgeschmack, Walter liebte London und Punk und New Romantic, ich wusste gut über das Modegeschäft Bescheid. Jeder brachte ein, was er wusste, und das war wirklich inspirierend. Aber unser Verhältnis war vor allem freundschaftlich: Wir sind auch alle zusammen nach New York gefahren und haben die Stadt erkundet.

INTERVIEW: Wie steht es um den Kontakt untereinander heute? Sieht sich die Gruppe noch?

VAN NOTEN: Sehr oft sogar! Antwerpen ist ja auch eine kleine Stadt, da läuft man sich zwangsläufig über den Weg, das ist ganz normal. Dirk Bikkembergs sehe ich allerdings nicht so oft, er wohnt ja mittlerweile in Südafrika. Aber wenn er nach Antwerpen kommt, treffen wir uns immer.

INTERVIEW: Sie wohnen aber heute außerhalb von Antwerpen, oder?

VAN NOTEN: Ja.

INTERVIEW: Wie geht es Ihrem Garten?

VAN NOTEN: Ziemlich gut! Er ist sehr alt und war 50 Jahre lang verwahrlost. Wir haben ihn wieder auf Vordermann gebracht. Gartenarbeit ist für mich der perfekte Ausgleich zum ganzen Stress im Modegeschäft, denn beim Gärtnern steckt mit beiden Füßen im Dreck – und man kann nicht alles kontrollieren. Alles hängt vom Wetter ab. Der Garten macht mir die Vorschriften, nicht andersherum.

INTERVIEW: Was pflanzen Sie denn so an, eher Blumen oder doch lieber Gemüse?

VAN NOTEN: Alles, was wächst! Wir haben einen alten Gemüsegarten mit Gewächshäusern und solchen Sachen.

INTERVIEW: Sind Sie Selbstversorger?

VAN NOTEN: Ja!

INTERVIEW: Wirklich?

VAN NOTEN: Naja, im Winter nicht. Aber im Frühling und Sommer versuchen wir, nur Dinge aus dem Garten zu essen. Diese Zeit fängt gerade wieder an. Und glauben Sie mir: Es fühlt sich ziemlich gut an – in den Garten zu gehen, etwas zu pflücken und direkt zuzubereiten – und das ist dann das Essen, was auf dem Teller vor uns liegt, fantastisch!

INTERVIEW: Das bedeutet aber auch, dass Sie sehr saisonal kochen. Was steht dieser Tage auf Ihrer Speisekarte?

VAN NOTEN: Spargel. Und wilder Knoblauch, der ist fantastisch, die Blüten und die Blätter. Daraus kann man sehr gutes Pesto machen.

INTERVIEW: Darf ich fragen, was Dries van Noten zur Gartenarbeit trägt?

VAN NOTEN: Ach, es muss einfach praktisch sein. Feste Hosen und Lederstiefel. Deshalb erkennt mich auch niemand, wenn er bei mir am Garten vorbeifährt – was ich übrigens sehr angenehm finde.

INTERVIEW: Abseits des Gartens tragen Sie immer Ihre eigenen Entwürfe?

VAN NOTEN: Ja. Jedoch nicht aus Prinzip, sondern aus Faulheit. (lacht)

INTERVIEW: Weil Sie einfach entwerfen können, was Sie selbst anziehen wollen?

VAN NOTEN: Eigentlich denke ich nie an mich, wenn ich entwerfe. Denn sonst würden meine Kunden ja mit mir altern; und das wäre nicht gut. Aber grundsätzlich haben Sie natürlich Recht: Immer wenn ich ein Kleidungsstück aus einer Kollektion besonders mag, nehme ich mir einfach zwölf Stück davon mit nach Hause.

Dries van Noten: “Ich weigere mich, mir nach der Show die Videos vom Laufsteg anzusehen. Ich brauche eine Woche, um alles zu verdauen. ”
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INTERVIEW: Es heißt, Sie hätten Ihre Kollektion immer schon besonders früh fertig – während das Gros der Designer die Nächte vor der Show durchmacht und schwitzt …

VAN NOTEN: Ja, aber wir arbeiten auch mit einem total anderen System als die Kollegen. Beispielsweise gibt es bei uns keine Pre-Collections, weswegen wir den größten Teil der Kollektion bereits verkauft haben, bevor wir die Sachen überhaupt bei den Modeschauen zeigen. Wir laden unsere Kunden nach Antwerpen ein, dann kommt die Kollektion nach Mailand in den Showroom und danach erst zeigen wir sie in Paris bei den Schauen.

INTERVIEW: Dann ist die Pünktlichkeit eher ein praktischer Nebeneffekt und kein Charakterzug?

VAN NOTEN: Okay, es ist auch Teil meines Charakters. Die meisten Designer fummeln noch bis zur letzten Sekunde vor der Show an den Kleidern rum. Das bin jedoch nicht ich – ich mache eine Kollektion fertig und, um ehrlich zu sein, fange sogleich mit der nächsten an.

INTERVIEW: Sie machen sofort weiter? Ohne Pause?

VAN NOTEN: Das brauche ich. Ich bin Perfektionist – und sonst würde ich nie aufhören, noch Sachen zu ändern.

INTERVIEW: Aber wenn Sie die fertige Kollektion dann sehen, überkommt Sie dieser Impuls dann nicht?

VAN NOTEN: Doch, doch. Darum weigere ich mich auch, mir direkt nach der Show die Videos vom Laufsteg anzusehen. Ich brauche eine Woche, um die Modenschau zu verdauen. Erst dann kann ich mir anschauen, was ich wieder fabriziert habe. Sonst ist mir das zu emotional: Hier sitzt was falsch und dieses Model ist nicht richtig gelaufen …

INTERVIEW: Hat sich die Mode an sich eigentlich grundlegend verändert seit Sie angefangen haben – oder ist sie als Ganzes betrachtet doch im Wesentlichen gleich geblieben?

VAN NOTEN : Ja und nein. Offen gestanden passiert nicht mehr sehr viel. Wenn Sie sich die Siebziger-, Achtziger-, Neunziger- und Nullerjahre ansehen – im Vergleich zu den 30 oder 40 Jahren vorher, hat sich nicht viel geändert. Die letzte große Erfindung war Mary Quants Minirock – vielleicht noch die Schulterpolster in den Achtzigern – ansonsten kombinieren wir die Dinge zwar neu, aber die Sprache bleibt dieselbe. Eine Ausnahme waren allerdings auch die Japaner, die in den frühen Achtzigern etwas Neues gemacht haben.

INTERVIEW: Heute scheint alles ziemlich eklektisch, alles war schon mal da.

VAN NOTEN: Es ist eklektisch, genau. Alle verwenden unterschiedliche Rezepte – aber kochen mit den gleichen Zutaten. Vielleicht liegt es daran, dass es heute auch gar nicht mehr wirklich eine dringende Notwendigkeit gibt, eine neue Art von Mode zu entwerfen; nämlich die Mode, um sich von der Masse abzusetzen. In den Sechzigern sollte der Minirock schocken und die Befreiung der Frau demonstrieren – heute braucht man für so etwas keine Mode mehr, es gibt andere Wege: das Internet, die sozialen Medien.

INTERVIEW: Heißt das, Mode ist für Sie kein Ausdrucksmittel mehr?

VAN NOTEN: Sie bleibt ein Mittel um die eigene Persönlichkeit auszudrücken – aber keins um zu überraschen. Oder gar zu schockieren.



Von: Frauke Fentloh

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