"Paris ist wütend, flamboyant und dreckig"

Die Liebe führte Designer Francisco Terra nach Paris. Die aktuelle Kollektion seines Labels Neith Nyer widmete der Familienmensch seiner verstorbenen Schwester.

Foto: Claude Gerber

Den Designer Francisco Terra führte – was sonst – die Liebe nach Paris. Aus der Romanze, die während einer Urlaubsreise 2007 erblühte, wurde nach dem Umzug eine Ehe. Auch in seiner Arbeit folgt der Brasilianer seiner Intuition: von der Modeabteilung der UN über Raf Simons, Carven und Givenchy gelangte er schließlich zur Gründung seines eigenen Labels Neith Nyer. Das ist benannt nach seiner Großmutter, die ihm als Kind das Nähen und fantasieren beibrachte. Terra ist ein Familienmensch. Seine aktuelle Kollektion ist seiner Schwester gewidmet, die mit nur 18 Jahren verstarb. Inspiriert von ihrer Garderobe und ihrem Stilgefühl ist Neith Nyers Andenken an sie ebenso zart wie wild. In anderen Worten: Très Paris!



Was ist gerade so aufregend an Paris?

Ich habe das Gefühl nach 10 Jahren hier endlich meinen Platz gefunden zu haben. Ich kann jetzt zwei sehr unterschiedliche Seiten der Stadt genießen. Ich liebe das Klischee von Paris. Das der kleinen Cafés und exzentrischer Damen, die launischen Leute, immer am Rauchen und auf dem Sprung… aber ich fühle mich auch als Teil des kosmopolitischen Paris, das der Messen und Ausstellungen. Die Stadt heißt kreative Geister willkommen. Für mich ist das einer der Gründe aus dem die französische Bevölkerung so essentiell vielfältig ist.

 

Haben Sie einen Lieblingsort?

Das 18. Arrondissement. Dort wohne ich. Es ist lebendig. Und Aapoum Baapoum, weil es der beste Laden für Mangas ist.

Welche Zeit hätten Sie noch gerne in Paris erlebt?

Die späten Sechziger, als Leute unerschrocken und radikal neue Wege der Selbstdarstellung erfanden. In der Mode und Musik gab es Freigeister wie Pack Rabanne und Mort Garson… Außerdem bin ich fasziniert von den Fanzines der Zeit, Gandalfs Garten zum Beispiel. Die Graphiken sind spektakulär.

 

Haben Sie eine Lieblingserinnerung an Paris?

Meine erste Präsentation, Spring/Summer 2016. Sie fand im Palais de la Bourse statt, einem massiven und traditionellen Gebäude. Ich wollte, dass sie ernst aussieht – das ganze Ding machte meinen Traum von Paris zur Realität. Ich wusste endlich, wie ich mich in die Stadt einbringen sollte.

Welchen Pariser lieben Sie besonders?

Meinen Ehemann.

 

Vor Ihrer Modekarriere arbeiteten Sie bei der UN. Können Sie Ihre Arbeit, oder besser: Karrierewechsel, erklären?

Ich war in der Modeabteilung an internationalen Verhandlungen für den Dienstleistungsmarkt beteiligt. Technisch gesehen setzte ich Projekte um, die die Entwicklung von Textilfirmen in der Subsahara fördern sollen. Als ich mein Modestudium anfing, fühlte es sich nicht wie ein Karrierewechsel an. Aber meine Arbeit bei der UN prägte meine Beziehung zu dem Begriff „Mode.“

Beschreiben Sie Paris in drei Worten.

Wütend, flamboyant, dreckig.

 

Und was vermissen Sie an Brasilien?

Ich vermisse meine Familie. Ich vermisse die Volkserzählungen am Lagerfeuer, Karnevalnächte mit meinen Cousins, Telenovelas und die Xuxa-Programme nachts im TV. Und natürlich vermisse ich das Essen, besonders Piranha.

Fotos: Claude Gerber, Model: Fiona Radszuhn
08.12.2017 | Kategorien dailywow, Fashion | Tags , , ,