Ein Film zeigt das Leben eines obdachlosen Modefotografen

Tagsüber fotografiert er Modestrecken, nachts schläft er unter eine Plastikplane: Homme Less dokumentiert das Leben eines obdachlosen Modefotografen in New York.

Von außen sieht es so aus, als hätte Mark Reay das große Los gezogen: Er lebt ein glamouröses Leben in New York, wo er als Modefotograf arbeitet und darum naturgemäß zu exklusiven Partys geht und die schönsten Frauen der Stadt trifft. Reay – früher selbst Model – ist in seinen Fünfzigern und hat das elegant-graugesträhnte Aussehen eines großstädtischen Gentleman. Wer ihn im Anzug die Fifth Avenue hinuntereilen sieht, könnte ihn für einen Banker halten oder für einen Anwalt – jemanden mit geregeltem Einkommen und geregeltem Leben. Doch wenn Reay sich abends auf den Weg ins East Village macht, schließt er dort nicht die Tür zum Eigentumsloft auf, sondern steigt bis auf das Dach eines Apartmenthauses, um zum Schlafen unter eine Plastikplane zu kriechen.

Der österreichische Filmemacher Thomas Wirthenson dokumentiert Reays unglaubliches Leben zwischen Schein und Sein in seinem Film Homme Less. Wirthenson und Reay lernten sich vor über zwanzig Jahren in Wien kennen, als beide dort als Models arbeiteten. Im Verlauf der Zeit kreuzten sich ihre Wege immer wieder. Reay modelte noch mehrere Jahre in Europa, nahm Schauspielunterricht und begann, als Fotograf zu arbeiten. Doch für den großen Erfolg reichte es nie.

Als sich die beiden alten Bekannten 2010 erneut in New York trafen, weiht Reay Wirthenson in sein Geheimnis ein – dass er seit Jahren keine Wohnung hat. Und sich vor seinen Mode-Jobs auf öffentlichen Toiletten rasiert. „Erst dachte ich, er würde Witze machen“, sagt Wirthenson. „Es kam mir surreal vor.“ Dann beschließt er, einen Dokumentarfilm über Reays Alltag zu drehen.

Der Film zeigt ein paradoxes Leben zwischen Schein und Sein: Reay knipst backstage bei den Modenschauen der New Yorker Fashion Week, lädt die Bilder anschließend im W-Lan eines Coffee Shops hoch und verstaut sein Equipment in einem Schließfach der YMCA. Einmal hält er stolz eine Dazed & Confused in die Kamera: „Das ist das Magazin, für das ich fotografiere.“ Ein anderes Mal klingt er resignierter: „Ich habe viel erlebt, aber nicht viel erreicht“, sagt er mit Blick über die Skyline von Manhattan. Vom Dach, auf dem er sich eine Schlafstelle eingerichtet hat.

Wann Home Less in Deutschland zu sehen ist, steht noch nicht fest. Einen Überblick über aktuelle internationale Vorführungen gibt es hier.

Von: Frauke Fentloh