Die Männer-Versteherin
Martine Rose

Die Londoner Designerin bringt nicht nur Frauen dazu, Männermode zu tragen. Seit Kurzem steht Martine Rose auch dem Luxusmodehaus Balenciaga beratend zur Seite.

Foto: Alexandra Gordienko

Die Karriere von Martine Rose folgt sicher keinem gewöhnlichen Weg. Für eine einjährige Babypause legte die Designerin ihr nach sich selbst benanntes Modelabel kurzerhand lahm – normalerweise bedeutet das das Karriereaus. Ihre Rückkehr in den Kalender der Londoner Modewoche kündigte sie erst gar nicht an. Auch das ist Gift für eine Marke. Und statt mit einer Show zeigte sie ihre Kollektion für diesen Winter in einem Kurzfilm. Nun ja, eigentlich war es ein schwuler Softporno. Darin hockt ein junger Mann hinter einer verkachelten Glaswand, trägt Seventies-Hose mit freiem Oberkörper, dabei putzt er im Rhythmus eines Discosongs seine Schuhe so, dass man denken könnte, er masturbiert. Aber wie durch ein Wunder hat ihr all das nicht geschadet.

Ganz im Gegenteil. Ihr Label ist ein wahrer Exportschlager von der Insel. Obwohl die 36-Jährige offiziell Kleidung für Männer entwirft, tragen Frauen ihre Entwürfe mindestens genauso gern. Was daran liegt, dass sie mit verschiedenen Typen von Maskulinität spielt. Mal ist es der Dresscode schwuler Skinheads, mal der eines melancholischen Ravers. Damit reiht sie sich mühelos ein in eine neue Designergarde, zu der auch das Kreativteam von Vetements gehört. Und seit diesem Sommer ist sie nebenbei auch für die Männerlinie vom Luxusmodehaus Balenciaga im Dienst. Das ist gerade das hottest ticket in Paris.

Martine Rose | Porträt: Brian Doherty

Beinahe aus dem Stand ist es dem Balenciaga-Designer Demna Gvasalia und seiner Stylistin Lotta Volkova gelungen, mit einer Mischung aus Copy-and-paste-Mode des Belgiers Martin Margiela und Fetishwear die Modebranche auf den Kopf zu stellen. Sie scheren sich wenig um Geschlechterrollen, Businesspläne oder Modekalender, ganz ähnlich wie Rose. Sicher ein Grund, weshalb sie Rose an Bord holten. Sie weiß, dass man als Designer heute vielleicht nichts Neues mehr erfinden kann, aber die Mode wenigstens von überholten Regeln befreien. Dass Rose unorthodox arbeitet, liegt womöglich da­ran, dass sie nie ernsthaft vorhatte, Designerin zu werden. Ihre eigentliche Liebe ist die Musik. Zu gern wäre sie DJ geworden, aber weil sie in ihren Augen nicht begabt genug war, konzentrierte sie sich auf die Mode. Ihren Traum vom Auflegen lebt sie bis heute nur in ihrem Studio aus. Am liebsten für ihre Praktikanten. Schon in ihrem Elternhaus lief von Soulmusik über Coun­try – ihre jamaikanischen Großeltern waren große Jimmy-Dean-Fans – bis hin zu Drum ’n’ Bass alles, was ihr Spaß macht. Gerade liebt sie die Songs von Mark E. Smith der Post-Punk-Band The Fall. So überrascht es nicht, dass Rose ihren Weg zur Mode über die Musik fand.

Als Jüngste von drei Geschwistern liebte sie es, dabei zuzusehen, wie die sich abends für den Club zurechtmachten. „Ich sehe mich noch auf der Bettkante sitzen“, taucht sie in die Erinnerung an ihre Kindheit in London ab. „Meine Schwester stand total auf Reggae und Soulmusik und trug gern Jean Paul Gaultier und AlaÏa. Mein Cousin ging lieber auf Raves, er war ein typischer London-Boy.“ Kein Wunder, dass Rose ihre Hauptinspiration in Londons Club- und Jugendkultur findet. Für ihre letzte Winterkollektion vor der Babypause ließ sie sich von den Flyern jener Clubs inspirieren, in die sie als Teenager allwöchentlich gepilgert war wie andere in die Kirche. Man findet sie als Emblem auf übergroßen Kastenjacken und Hemden.

“Ich muss für meine Tochter die beste und auch glücklichste Version von mir selbst sein”
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Die Faszination für Jugendkulturen und die Jugend an sich zieht sich durch die gesamten Kollektionen der Designerin. „In keiner anderen Zeit definiert man sich so sehr über seinen Kleidungsstil“, findet sie. „Man experimentiert, um herauszufinden, wer man ist und sein möchte. Das zeigt sich zuallererst in der Kleidung.“ Auch andere erfolgreiche Jungdesigner wie etwa der russische Überflieger Gosha Rubchinskiy arbeiten und spielen mit sehr jugendlichen Einflüssen, sagt sie und liefert die passende Erklärung mit: „Es ist ein hypnotischer Mix aus Nostalgie und dem Wunsch nach Freiheit.“ Dass Jugend verführerisch wirkt, ist nicht neu. Aber der Jugendkult, dem auch Rose verfallen ist, ist roher als früher. Die Stadt London mit ihrer reichen Geschichte an Subkulturen und Underground-Strömungen bietet da den perfekten Hintergrund.

Zeit, um auszugehen, hat Rose heute nicht mehr. Neben ihrem Label und dem Zweitjob für Balenciaga muss sie sich um ihre kleine Tochter kümmern. Wie man als Designerin Familie und Karriere unter einen Hut bekommt, dafür gibt es bis heute wenige Vorbilder. Phoebe Philo oder Stella McCartney gehören dazu. Die Modedesignerinnen haben Rose gezeigt, dass man beides miteinander vereinen kann. Philo, die unter Céline neu definierte, was Frauen jeden Alters heute tragen möchten, verlegte ihr Atelier kurzerhand von Paris nach London. Einfach um näher bei ihren Kindern sein zu können. Von der vierfachen Mama McCartney wissen wir, dass sie es sich nicht nehmen lässt, ihre Kinder vom Fußballtraining und der Gymnastikstunde abzuholen und dennoch einen Vollzeitjob zu machen. Auch Rose war von Anfang an klar, dass sie früh wieder in ihren Beruf einsteigen würde. „Ich muss für meine Tochter die beste und auch glücklichste Version von mir selbst sein“, sagt sie. „Meine Arbeit macht mich glücklich. Ohne sie wäre ich ab einem gewissen Zeitpunkt verloren gewesen.“ Die Tatsache, dass sie vorwiegend für ihr eigenes Label arbeitet, gibt ihr natürlich ein wenig Freiheit. Und der Balenciaga-Job? Da ist sie pragmatisch. „Ich bin Beraterin der Männerkollektion, nicht die Designerin.“

Foto: Alexandra Gordienko

Ins Studio nimmt Rose ihre Tochter nicht mit. Dort gibt es Nähmaschinen, Nadeln und Scheren, das ist zu gefährlich. Aber gerade verbringt sie viel Zeit in Galerien für eine Recherche. Da kommt das Kind dann mit. Während die Tochter auf dem Schoß hockt, blättert sie durch Bildbände. Aktuell taucht sie in die Welt der New Romantics ein, einer Modewelle der Achtziger, in der sich heterosexuelle Männer geschminkt und extravagant gekleidet haben. Diesen Mut, Konventionen zu brechen, um sich auch als Mann zu schmücken, haben Männer schon häufiger in der Geschichte bewiesen. „Es ist nicht unbedingt ein neuer Ansatz. Aber für die jetzige Generation, für diese Zeit ist es neu.“ Ob es die Inspiration für ihre nächste Kollektion ist? „Wir werden sehen! Ich tauche gerade erst ein.“

von Inga Krieger