Marie-Ève Lecavalier: Hyères-Festival Gewinnerin 2018

Halluzinationen, Langeweile und recycelte Jeans: Marie-Ève Lecavalier, Gewinnerin des diesjährigen Chloé-Preis beim internationalen Hyères-Festival, spricht mit uns über ihre Kindheit, Nachhaltigkeit und ihre Zukunftsvorstellungen.

Marie-Ève Lecavalier, Foto: Saad Al-Hakkak

Von: Cara Lerchl

Mit ihrer Damenkollektion Come Get Trippy With Us setzte die junge Kanadierin Marie-Ève Lecavalier ihre Kindheitserfahrungen in Mode um. Damit gewann sie den begehrten Chloé-Modepreis mit besonderer Erwähnung beim internationalen Hyères-Festival. Stammend aus Saint-Hubert, einem kleinen Vorort von Montreal, wuchs sie in bescheidenen Verhältnissen auf und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode durch Fernsehen und Modifizieren der Kleidung ihrer Mitschüler. Als Absolventin der renommierten Kunst- und Designuniversität HEAD transformierte sie ihre Faszination für Subkulturen und Soziologie in Teile, die zwar weder avantgardistisch noch gewagt sind, aber umso mehr ihre innere Parallelwelt darlegen. Sie reflektiert mit ihrer Mode über kindliche Vorstellungskraft, Selbsthalluzination und der Vorstellung einer Frau, die „die erste Betrunkene auf einer Vernissage sein könnte“. Mit leuchtende Verzerrungen, breitbeinigen Jeans und Second-Hand Lederstrick-Teilen erinnern ihre klaren Designs ohne Zweifel an Entwürfe von Phoebe Philo. In unserem Interview verrät Marie-Ève, was hinter ihrer Mode steckt, spricht über ihren Standpunkt zur Nachhaltigkeit und ihre Zukunftsvisionen.

Foto: Studio Drama

Cara Lerchl: Auf welche Weise sind Sie der Mode anfangs begegnet, was war der erste Berührungspunkt?

Marie-Ève Lecavalier: Ich komme aus einer kleinen Vorstadt in Kanada und hatte nie Geld, um mir die Kleidung zu kaufen, die mir gefiel. Meine Großmutter war Näherin, sie lebte auf einem Bauernhof und brachte mir das Nähen bei, als ich 5 Jahre alt war. Es war frustrierend, bis ich realisierte, dass ich kreieren konnte, was immer ich wollte. In sehr jungem Alter begann ich damit, meine Kleidung zu verändern, Sachen für mich und meine Freunde in der Schule zu modifizieren. Ich kaufte bezahlbare Kleidungsstücke, veränderte sie mit der Schere, wechselte Details aus. Was am Anfang klein anfing, wurde mit der Zeit zu einem größeren Projekt, weil Anderen gefiel wie ich meine Patches machte. Ich dachte, nur weil man kein Geld hat, bedeutet das nicht, dass man nicht tragen kann was man möchte. Mode begeisterte mich, wenn ich vor dem Fernseher saß. Für mich war es diese wunderschöne, andersartige Welt, von der ich glaubte niemals ein Teil sein zu können. 

CL: Ihre Faszination für Halluzinationen spiegelt sich stark in Come Get Trippy With Us wider: Verformungen und Verzerrungen prägen Ihre Prints. Woher kommt diese Begeisterung?

ML: Als ich ein Kind war hatte ich viel Fantasie, das steht fest (lacht). Ich wurde damit geboren. Dazu kommt, dass ich oft sehr gelangweilt war. Ich fühlte mich in meiner Umgebung häufig fehl am Platz. Also habe ich mich damit amüsiert, die Dinge zu verformen, die ich sah. Selbsthalluzination war meine Art, in meiner eigenen Welt zu bleiben. Wenn ich beispielsweise Grafiken mit dem Auge fixierte, fingen sie an sich in meinem Kopf zu bewegen, zu verformen. Als junger Mensch war es ein Weg für mich, der Realität zu entkommen. 

CL: Welche Rolle hat die psychedelische Musik ihres Vaters in ihrer Kollektion gespielt?

ML: Die psychedelische Bewegung war eine sehr wichtige Inspiration für meine Kollektion. Da gibt es einerseits das Visuelle, aber auch die Musik mit ihren charakteristischen Wellen, die man anhand ihrer Konstruktion erkennen kann. Diese Art von Musik wird von Vielen als merkwürdig und laut wahrgenommen, doch für mich ist sie sehr gut konstruiert und durchdacht, also wollte ich mit dieser Idee arbeiten. Psychedelische Musik hat etwas sehr geniales, präzises und nachdenkliches, aber ich glaube nicht, dass jeder das so sieht, haha.

Marie-Ève Lecavalier: “They thought you had to take drugs to be into psychedelia. It's not about that, it's really more about the imagination.”
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CL: Haben Sie immer noch das Gefühl, zwischen Traum und Realität zu schwanken?

ML: Ich bin immer noch in meiner eigenen Welt, aber nicht mehr damals in meiner Kindheit. Vermutlich beziehe ich daher meine Ideen. Ich habe einmal gelesen, dass David Bowie gesagt hat, je älter man wird, desto besser wird man darin, zu werden, wer man sein möchte („Aging is an extraordinary process where you become the person you always should have been„). Jetzt wo ich älter geworden bin, fühle ich mich, als würde ich genau das leben, wovon ich immer geträumt habe. Ich hatte es mir nicht vorstellen, aber jetzt ist es da – das ist fabelhaft.

CL: Ich habe gelesen, dass auch Subkulturen Ihre Arbeit beeinflusst haben, konnte aber keine visuelle Referenz in ihrer Kollektion erkennen. 

ML: Dieser Einfluss zeigt sich nicht in der Kleidung selbst, sondern im Prozess. In meiner Jugendzeit war Hip-Hop das neue Ding, mich hat daran fasziniert, wie Menschen, die eigentlich kaum Geld haben, Luxus imitieren. In meiner Kollektion habe ich beispielsweise recycelte Jeans oder gebrauchtes Leder verwendet, wollte aber damit erreichen, dass meine Teile luxuriös wirken. Es ist meine Art, aus fast nichts meinen eigenen Luxus zu schaffen. 

CL: Damit verweisen Sie auf ein wichtiges Thema der heutigen Modeindustrie. Ist Second-Hand eine Vorliebe oder eine Politik? Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für Sie?

ML: Sehr wichtig. Die Modeindustrie ist eine der Branchen, die in vielerlei Hinsicht die meisten Schäden hinterlässt. Unsere Generation sollte über alternative Möglichkeiten zur Herstellung und Beschaffung von Stoffen nachdenken. Für Leder zum Beispiel gibt es so viele Qualitätsreste aus anderen Produktionen, die ich wiederverwenden konnte. Das war für mich der ideale Weg zu produzieren und einen alternativen Weg der Herstellung aufzuzeigen. Ich mag die Tatsache, dass die Stücke dadurch alle einzigartig geworden sind. Ich denke, wir müssen nachhaltigere Entscheidungen treffen und die Art und Weise, wie wir produzieren, verändern.

CL: Was haben Sie vor?

ML: Ich kann es kaum erwarten, weiter zu machen. Ich glaube, ich lebe für Mäntel. Ich könnte nichts anderes machen, haha. Ich liebe die Arbeit mit Stoffen, die gut altern und leicht zu pflegen sind. Meine Mäntel sind einfach, aber nicht zu einfach, sie sind durchdacht, ich lege viel Aufmerksamkeit auf den Schnitt und die Verarbeitung. 

CL: In ihrer Kollektion Come Get Trippy With Us schwelgen Sie in Referenzen an die 70-er Jahre, ihre Schnitte erinnern in ihrer Reduziertheit an Céline. Für welche Frau haben Sie die Teile entworfen?

ML: Die Frau, für die ich entworfen habe, hat kein Alter. Sie kann 50, oder genauso gut 20 Jahre alt sein. Sie schwankt zwischen Traum und Wirklichkeit. Sie ist stark und arbeitet viel, manchmal überschreitet sie Grenzen. Sie sieht immer gut aus, aber sie könnte die erste Betrunkene bei einer Vernissage sein.  Selbst wenn sie manchmal ein bisschen zu viel ist, geht es ihr nicht darum, sich zu kontrollieren, sondern sie selbst zu sein. 

CL: Sie haben für Alexander Wang und Raf Simons gearbeitet. Wer sind Ihre Vorbilder in der Modebranche?

ML: Für Raf Simons arbeite ich immer noch. Seine Art, die Dinge zu sehen und seine Arbeitsweise sind sehr inspirierend für mich. Phoebe Philo ist ein Genie, schade dass sie sich eine Auszeit nimmt, ich habe nur Gutes über sie gehört. Miuccia Prada gehört natürlich auch zu meinen Vorbildern. Meine Ledermäntel sind in erster Linie von ihren Kollektionen für Prada inspiriert, beeindruckend und stark. Ich liebe Jonathan W. Anderson für seine Arbeit bei Loewe und für das, was er für seine eigene Marke tut.

CL: Was mögen Sie an der Modeindustrie nicht?

ML: Viel. Ich mag, was derzeit unter den jüngeren Designern los ist, ihre Art und Weise mehr DIY-Zeug zu schaffen. Mode ist persönlicher und berührender geworden. Aber es bleibt eine harte, unfaire Industrie, besonders menschlich gesehen. Die Modebranche lebt von vielen Studenten, die für ihre Arbeit schlecht oder garnicht bezahlt werden, große Unternehmen benutzen ihre Kreativität. Ich denke, dass sich in dieser Hinsicht noch vieles ändern muss. Gemeinsam mit den anderen Designern in Hyères glaube ich, dass wir alle genug davon hatten. Deshalb möchte ich meine eigene Marke gründen und meine Kreativität für mich bewahren. Das Modesystem hilft nur Menschen, die aus wohlhabenden Familien kommen. Für mich war es wirklich sehr schwer, das realisieren zu können was ich tun wollte. Ich bin allerdings sehr froh, es trotzdem gewagt zu haben. Viele Leute hatten nicht so viel Glück wie ich. Ich wünschte, ich könnte das in Zukunft ändern, eine Stiftung gründen um Studenten zu helfen, die nicht von sich aus in der Lage sind, ihre Träume zu verwirklichen. 

CL: Was streben Sie für die Zukunft an?

ML: Seit allem, was in Hyères passiert ist, bekam ich für meine Arbeit sehr gutes Feedback. Selbst Haider Ackermann war sehr liebenswürdig zu mir. Vielleicht warten ja interessante Jobangebote auf mich, jedoch arbeite ich am Liebsten selbständig. Es war schon immer ein Traum von mir, meine eigene Marke zu starten. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr ist mir danach, zurück nach Montreal zu kehren. Das könnte ein guter Ort für Mode werden. Ich will weiter rausgehen und die Regeln verändern, zumindest ein bisschen. 

Credits:

Fotos: Julien T Hamon, Philipe Olivier for Soevent

Designs: Marie-Ève Lecavalier