Komische Körper und neue Silhouetten

Der Couture-Meister Cristóbal Balenciaga schneiderte seine Mäntel übergroß, die Japanerin Rei Kawakubo entwarf bucklige Kleider: Eine Ausstellung feiert die modischen Abweichungen des 20. Jahrhunderts.

Maison Martin Margiela, A/W 2000-01, Photo: Marina Faust

Gut verschnürt, gerade gerückt oder mehrlagig verpackt? Die weibliche Silhouette trifft immer auch eine Aussage darüber, wo die Frau, die in ihr steckt, im Zeitgeschehen so steht. Wer sich nicht rühren kann, kann schließlich auch gesellschaftlich wenig bewegen. Deswegen widmet das Modemuseum Antwerpen nun eine ganze Ausstellung den revolutionären modischen Formen des 20. Jahrhunderts  – setzt dabei aber einen angenehm neuen Schwerpunkt (darüber, dass Coco Chanel die Frau einst aus dem Korsett pellte, ist schließlich schon viel gesagt worden).

Im Mittelpunkt der Schau Game Changers steht dagegen die Arbeit von Cristóbal Balenciaga, Gründer des gleichnamigen Modehauses. Lange bevor das mit Designern wie Nicolas Ghesquière, Alexander Wang und Demna Gvsalia  zu einem der einflussreichsten und modernsten Labels der Branche wurde, revolutionierte Balenciaga selbst die Formen der Mode. Mitte des 20. Jahrhunderts entwarf er radikal neue Silhouetten: Statt Sanduhrformen zu zeichnen, ließ er sich von architektonischen Formen inspirieren, sein Markenzeichen waren die ungewöhnlichen Volumen. Der spanische Couturier schneiderte weite Abendkleider oder ausgestellte Mäntel mit überschnittenen Schultern, seine Kleider mit fledermausartig abgespreizten Kanten nahmen viel Raum ein – und gaben dem Körper Bewegungsfreiheit.

Iris Van Herpen, ‘Micro’, haute couture S/S 2012, Photo: Ronald Stoops

Die Ausstellung im Antwerpener Modemuseum sieht Balenciaga darum als zentrale Figur zwischen zwei Strömungen. Auf der einen Seite: Designer wie Coco Chanel und Madeleine Vionnet, die in den Zwanziger- und Dreißiger-Jahren mit progressiven Schnitten den Weg für neue Körperformen bereiteten. Auf der anderen Seite: die konzeptuell ausgerichtete Mode-Avantgarde der Achtziger-Jahre, die mit ihrem deutlich düstereren Ansatz die Krisen ihrer Zeit widerspiegelten. Rei Kawakubo von Comme des Garçons und Yohji Yamamoto steckten ihre Models in zerrissene Kittel und formlose Kleider und schufen mit Polstern buckelige Körper und verformte Silhouetten. Wenig später brachte der Belgier Martin Margiela mit scheinbar unfertigen Kleidungsstücken und offenen Nähten den Dekonstruktivismus in die Mode.

Auch wenn dieser Bogen weit gespannt ist: Mit ihren sehr unterschiedlichen Ansätzen haben Designer von Balenciaga bis Margiela die Grenzen der weiblichen Silhouette verschoben – und zwar ganz buchstäblich.



Game Changers: Reinventing the 20th Century Silhouette

Modemuseum Antwerpen

18. März bis 14. August

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