"Es gibt derzeit einen Boom fantastischer Talente und Projekte,
die vorher nicht möglich gewesen wären"

Bianca O’Brien hat bereits in London, New York, Mailand und Tokyo gelebt – bis Paris ihre neue Heimat wurde.

bianca O’brien I Foto: Claude Gerber, Styling: lu PhIlIPPe GuIlmeTTe

Was ist gerade aufregend an Paris?

Vieles hat sich in den letzten Jahren verändert und Paris blüht regelrecht. Als Stadt genoss sie in jüngster Geschichte nicht den Ruf eines Ortes der Verjüngung oder Neuerung. Paris gab sich lange Zeit mit ihrem Ruf als schöne und chice Stadt zufrieden, aber galt nicht als cool oder aufregend. Aber das ist heute anders. Ich kann nicht einschätzen wie lange das anhalten wird, aber momentan leben wir in einer Stadt voller Aufregung. Modelabels wie Y Project, Vetements und Jacquemus haben das scheinbar Unmögliche geschafft und eine Zeit von Farbe und Experimenten eingeläutet. Pariser beobachten die Menschen in der Stadt genauso gerne wie die Besucher. An der Mode, die viel getragen wird, lässt sich gut ablesen wie sich die Leute fühlen. Das ist also eine bedeutsame Veränderung, denn sie beweist dass Pariser in der Stimmung für Farbe und experimentierfreudig sind. Sie lassen sich gern auf Neues ein statt sich auf alte „Idole“ zu verlassen. Das hört man auch der Musik an: jetzt haben wir in Paris Qualitätsraves wie Cicciolina und weiterhin die Technoparty Kaliante und gute, lustige Popbands wie Papooz, La Femme und Polo and Pan. Nachdem sich die Pariser Kunstszene lange wie eine Wüste relativ uninspirierender Kunst anfühlte, gibt es derzeit einen Boom fantastischer Talente und Projekte, die vorher aufgrund traditioneller Regeln nicht möglich gewesen wären. Kurz gesagt: entlang der drei wichtigsten kulturellen Industrien inhalieren wir lebhafte, frische Luft und ich freue mich ein Teil davon zu sein.

 

Haben Sie einen Lieblingsort?

Wenn Sie die Schnittstelle zwischen der Musik-, Kunst- und Modeszene beobachten möchten, ist das Marais immer eine gute Entscheidung. Außerdem ist die Stiftung Louis Vuitton wirklich so spektakulär wie alle sagen. Und wenn Sie sich nach etwas frischer Luft sehnen, bietet sich der weitläufige Park Buttes Chaumont an.

 

Hätten Sie gerne noch eine andere Zeit in dieser Stadt erlebt?

Ich hätte liebend gern die 1920er hier erlebt – denken Sie an „A Moveable Feast“ und die Fitzgeralds – die Autoren, der Stil, die Musik – alle waren so frei und lustig und waghalsig… sehr Rock’n’Roll.

 

Warum haben Sie London für Paris eingetauscht?

Ich habe schon in London, New York, Mailand, Tokyo und vielen anderen Orten dazwischen gewohnt. Einfach gesagt: es wurde Zeit, dass ich auch hier wohne. Früher habe ich Paris gehasst, es kam mir so steif vor… aber diese Kälte gab mir auch etwas Anonymität, die meinem Schreiben gut tat was kritisches, analytisches und umfangreiches Denken betrifft. Außerdem war ich früher viel zu viel unterwegs! In einer arbeitsfanatischen Periode nahm ich zum Teil zehn Flugzeuge innerhalb von acht Tagen. Danach brach ich zusammen und blieb monatelang im Bett. Paris ist zentral gelegen für meine Arbeit und von hier aus kann ich auch Züge nehmen, wenn ich verreisen muss. Außerdem kann ich meine Familie besser besuchen.

 

Wie bleibt Mode für Sie interessant?

Ich bin sehr wählerisch mit den Projekten, an denen ich arbeite – und mit wem. Ich möchte Leute unterstützen, die talentiert sind, aber auch gute, nette Leute. Ich glaube an Loyalität und den Anspruch, die jeweils beste Arbeit im Rahmen eines jeden Projektes zu leisten. Wenn ich all das berücksichtige, denke ich kann es nur vorangehen. Das ist das Gefühl, dass ich immer brauche: dass es in meiner Arbeit Fortschritt und Momentum gibt.

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