PEOPLE OF INTERVIEW
Paris by Natacha Ramsay-Levi

Sie sind kreativ, sie inspirieren, und sie ­setzen Maßstäbe: Für die neue Folge unserer Serie People of Interview stellte die Pariser Muse und Modedesignerin Natacha Ramsay-Levi die Mannschaft auf. Voilà!

 Eine Auswahl von
Natacha Ramsay-Levi
Fotos: Michael HemyStyling: Niki PaulsRedaktion: Nils Binnberg
Haare: Olivier de Vriendt/Artlist Paris | Make-up: Hugo Villard/Atomo Management | Stylingassistenz: Antoinette Siaud
Fotoassistenz: Jan Rentrop | Produktion: Luisa Bonsen
NATACHA RAMSAY-LEVI | Bluse, Rock und Ringe: LOUIS VUITTON
Natacha Ramsay-Levi über sich selbst:
Eigentlich wollte ich Historikerin werden. Doch dann kam ich mit der Mode von Balenciaga in Berührung und warf, noch bevor das Studium losging, alles hin. Die Silhouette! Das Mädchen, das Nicolas Ghesquière vor Augen hatte! Ich wollte unbedingt ein Balenciaga-Girl sein: jung, cool, androgyn. Nach der Modeschule bewarb ich mich 2002 um ein Praktikum im Atelier. Man sagte mir, dass ich nichts anderes machen würde, als Kaffee zu kochen und Dokumente zu sortieren. Aber das war mir egal. Ich sagte trotzdem zu. Da das Team noch sehr klein war, habe ich sofort eng mit Nicolas zusammengearbeitet und für ihn Moods recherchiert. Die Marke wuchs damals ziemlich rasant, und ich bin in Rekordzeit zum Design Director aufgestiegen. Als Nicolas im Sommer 2012 zu Louis Vuitton wechselte, war ich gerade in Elternzeit. Danach habe ich sofort wieder angefangen, für ihn als Design Director zu arbeiten. Das Team ist wie eine Familie für mich. Viele Menschen, die ich hier vorstelle, kenne ich vom Job. Außer meinem Mann Olivier sind es Frauen. Als Frau Karriere zu machen – vor allem mit Kindern –, ist immer noch sehr schwierig. Da bin ich solidarisch.
Jane Whitfield | Mantel und T-Shirt: LOUIS VUITTON, Brille: Privat
Natacha Ramsay-Levi über Jane Whitfield: 
Jane ist Design Director für die Runway-Kollektionen von Louis Vuitton. Sie hat schon unter Marc Jacobs für das Haus gearbeitet. Fast 15 Jahre lang. Ich hatte sie vorher noch nie getroffen. Jetzt verbringen wir mehr Zeit miteinander als mit unseren Partnern. Und selbst in unserer Freizeit sehen wir uns ständig. Jane lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort westlich von Versailles, in einem wunderschönen Haus aus dem späten 19. Jahrhundert. Ihr Mann ist Designer bei Tommy Hilfiger und pendelt nach London. Sie haben zwei Kinder. Ich liebe es zu beobachten, wie cool und humorvoll sie mit ihnen umgeht. Jane ist Schottin und hat eine sehr trockene und schlagfertige Art. Obwohl sie seit mehr als einem Jahrzehnt in Frankreich lebt, ist sie immer noch very british. Sie bleibt immer höflich, egal wie stressig es ist, und gleitet elegant durch das Atelier. Allerdings ist sie auch ein wenig paradox. Eigentlich ist sie sehr zerstreut, etwas schusselig und ungewollt komisch. Im Job aber ist sie total präzise.
Allegria Torassa | Mantel und Overall: PALLAS PARIS, Schuhe: LOUIS VUITTON, Ohrring: LIGIA DIAS, Ring: BALENCIAGA VINTAGE
Natacha Ramsay-Levi über Allegria Torassa:
Ich habe Allegria 2007 kennengelernt. Wir suchten gerade nach einem Designer für Balenciaga, und ein Freund erzählte mir von „diesem sehr inspirierenden“ Mädchen. Als Allegria zum Vorstellungsgespräch kam, war ich sprachlos. Sie war überirdisch schön, hatte einen coolen Seventies-Look: grüner Parka und Mini-Shorts. Nur hatte sie keine Erfahrungen vorzuweisen. Ich habe sie trotzdem eingestellt, weil sie einen freien Geist hat und über den Tellerrand schaut. Sie arbeitete acht Jahre für mich als Head Designer für die Show-Kollektionen. Ich bewundere ihre Kraft. Allegria hatte vor einigen Jahren einen sehr schweren Unfall und hat seitdem zusammengeschraubte Knochen. Sie hat jeden Tag Schmerzen und trotzdem nie ihren Antrieb verloren. Inzwischen veranstaltet sie zusammen mit Niki Pauls die wildeste Party während der Pariser Modewochen: Cicciolina. Außerdem arbeitet sie für das französische Label Pallas, das hauptsächlich Smokings entwirft. Die Freiheit als Freelance-Designerin passt perfekt zu ihr.
 
Natacha Ramsay-Levi (über Allegria Torassa): “Ich schätze an Allegria, dass sie einen freien Geist hat und immer über den Tellerrand schaut”
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Moraima Gaetmank | Pullover und Schuhe: LOUIS VUITTON, Hose: CÉLINE, Armreif: MAISON MARGIELA
Natacha Ramsay-Levi über Moraima Gaetmank: 
Zweimal die Woche, morgens vor der Arbeit, habe ich ein Date mit Moraima – in ihrem Studio Kinétique. Moraima ist meine Pilatestrainerin, und sie hat es geschafft, dass ich zum ersten Mal seit meiner Schulzeit wieder Sport treibe. Das liegt daran, dass sie keine dieser Gesundheitsfanatikerinnen ist. Mit ihr kann man ausgehen und einen trinken. Ich konnte sie sofort gut leiden. Camille Bidault-Waddington hat mich vor anderthalb Jahren mal mit zu einer Stunde genommen. Moraima war gerade von New York hierhergezogen – ursprünglich kommt sie aus Argentinien. Wir haben einen Gyrotonic-Kurs gemacht. Die Übungen waren Hardcore. Ich bin auf Pilates umgestiegen. Die Übungen sind ästhetisch, beinahe intellektuell. Man muss sich wahnsinnig konzentrieren, kann nicht flüchten. Mich beeindruckt, wie gut sich Moraima mit dem Körper auskennt. Sie ist Tänzerin und trainiert unter anderem das Pariser Staatsballett.
Camille Miceli | Kleid: LOUIS VUITTON
Natacha Ramsay-Levi über Camille Miceli: 
So jemand wie Camille nennt man wohl ein echtes Fashion Kid. Als sie gerade mal 15 war, hat sie ein Praktikum bei Chanel gemacht. Nach der Schule hat sie dort angefangen, in der Presseabteilung zu arbeiten. Später wechselte sie zu Louis Vuitton, als Marc Jacobs dort Creative Director war. Gelangweilt von ihrem Job als PR-Managerin drängelte sie bei ihm so lange um eine neue kreative Aufgabe, bis er sie ins Accessoire-Team beförderte. Innerhalb eines Jahres arbeitete sie sich bis an die Spitze und wurde Head of Jewelry Design. Den Job hat sie danach einige Zeit bei Dior gemacht, bevor Nicolas Ghesquière sie vergangenes Jahr zu Louis Vuitton holte. Dort haben wir uns kennengelernt. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so kreativ ist wie sie. Sie hat eine unfassbar visionäre Vorstellungskraft von Objekten. Was mich aber an ihr besonders fasziniert: ihr südeuropäisches Temperament. Sie ist Halbitalienerin, hat eine mitreißende Energie und kümmert sich um jeden Mitarbeiter wie eine echte italienische Mama.
Camille Bidault-Waddington | Jacke: CÉLINE, Hose: CHRIsTOPHE LEMAIRE, Schuhe: LOUIS VUITTON
Natacha Ramsay-Levi über Camille Bidault-Waddington: 
Niemand beeinflusst meine Arbeit so sehr wie Camille. Sie ist meine Muse. Obwohl – Muse trifft es nicht ganz. Das Wort ist zu passiv. Sie ist meine Stil-Heldin. Ich kenne niemanden, der solch einen exquisiten Geschmack hat wie sie. Sie ist der Inbegriff französischer Eleganz, trägt meistens Heels und nackte Beine. Und sie bewegt sich sehr grazil. Sie kann aus einem Kartoffelsack ein Abendkleid machen. Auch als Stilistin hat sie es geschafft, einen ganz eigenen Look zu kreieren. Französischer bon goût ist bei ihr immer subversiv. Kitsch trifft auf Schick, Secondhand auf Couture. Viele Jahre hat sie in London gelebt – sie hat einen Sohn mit Jarvis Cocker, ihrem Ex-Mann –, und sie hat einen anderen Blick auf Mode als Franzosen. Sie arbeitet für die spannendsten Magazine, wie Self Service, Double oder Purple. Olivier ist schon seit Langem mit ihr befreundet. Durch ihn habe ich Camille überhaupt erst kennengelernt. Ich bewundere ihre Arbeit. Leider haben wir noch nie zusammengearbeitet. Das wäre ein Traum.
Olivier Zahm | Jacke: MAISON MARGIELA VINTAGE
Natacha Ramsay-Levi über Olivier Zahm: 
Olivier und ich sind uns vor acht Jahren begegnet. Damals bin ich noch sehr oft ausgegangen. Meistens mit dem Graffiti-Künstler André Saraiva. Er war schon länger mit Olivier befreundet. Durch ihn kreuzten sich unsere Wege. Erst wurden wir sehr enge Freunde, später ein Paar. Der Übergang war fließend. Wir glaubten an das Liebesideal der 70er-Jahre, führten eine offene Beziehung. Vor fünf Jahren sind wir daran gescheitert. Das Ende war äußerst theatralisch. Olivier machte unsere Trennung auf seinem Tumblr öffentlich. Inzwischen sind wir wieder ein Paar und haben vor zwei Jahren unseren Sohn bekommen, Balthus. Ich habe versucht, ohne Olivier zu leben. Aber es ging nicht. Er ist mein Mentor. Durch ihn habe ich Philosophie kennengelernt. Er ist wahnsinnig intellektuell, liebt Foucault und Žižek. Als er 1992 das Magazin Purple gründete, war es ein Kunstheft. Er war Teil der Szene um Philippe Parreno und Pierre Huyghe. Er ist sehr schlau. Ich verliebte mich in ihn, als ich ihm zuhörte. Und weil er gut küsst.
 
Natacha Ramsay-Levi über Olivier Zahm: “Olivier ist sehr schlau. Ich verliebte mich in ihn, als ich ihm zuhörte. Und weil er gut küsst”
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Lorelle Rayner | Jacke und BH: LOUIS VUITTON
Natacha Ramsay-Levi über Lorelle Rayner: 
Ich arbeite jeden Tag mit Lorelle. Sie ist unser Hausmodel bei Louis Vuitton. Als unsere Casting-Direktorin Ashley Brokaw sie uns vergangenes Jahr vorstellte, sagten wir alle gleichzeitig: „Wow!“ Nicolas und seine Stilistin, Marie-Amélie Sauvé, waren sofort begeistert. Die beiden sind besessen von Castings. Wir probieren alle Looks an Lorelle. Der Job ist sehr hart. Sie fängt um zehn Uhr morgens an und hat Feierabend, wenn der Letzte von uns das Studio verlassen hat. Manchmal ist das erst nach Mitternacht. Dazwischen hat sie oft sehr lange Pausen. Sie ist sehr interessiert an unserer Arbeit und weiß inzwischen, wie ein Kleidungsstück entsteht. Wir fragen sie oft auch nach ihrer Meinung. Lorelle verkörpert das Vuitton-Girl wie keine andere, ist stark, androgyn und supersmart. Eigentlich ist sie Journalistin und will irgendwann beim Hörfunk arbeiten. Für uns ist sie auch neben ihrem Look inspirierend. Durch sie verstehen wir, wie die junge Generation denkt und fühlt. Lorelle ist 22.
Natacha Ramsay-Levi über Lorelle Rayner: “Lorelle verkörpert das Vuitton-Girl wie keine andere: Sie ist stark, androgyn und supersmart”
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Ligia Dias | Bluse und Hose: PALLAS PARIS | Ring und Kette, als Gürtel getragen: LIGIA DIAS
Natacha Ramsay-Levi über Ligia Dias: 
Ligia ist eine meiner ältesten Freundinnen. Wir haben uns vor 15 Jahren während des Modestudiums kennengelernt. Ich war sofort fasziniert, wie unkonventionell sie denkt. Ligia hatte vorher schon an der École cantonale d’art de Lausanne Grafikdesign studiert und arbeitete wie eine Künstlerin. Sie interessierte sich schon damals für Schmuck. Heute ist sie eine der gefragtesten Designerinnen. Es hat mich nicht überrascht, dass sie nach ihrem Modediplom sofort von Alber Elbaz für die Jewelry-Linie von Lanvin verpflichtet wurde. Sie blieb drei Jahre bei dem Label, danach gründete sie ihr eigenes Label und kooperierte mit Comme des Garçons, Repetto und Balenciaga. Sie war eine der ersten neuen französischen Juwelierinnen, die Schmuck aus traditionellen und industriellen Materialien fertigte sowie High End mit Lowbrow in einem Objekt verband; Ketten mit echten Federn, Perlen, Plastikkügelchen und Kordeln. Sie macht kein Retro, kopiert keine anderen Stile. Sie denkt wirklich, wie Schmuck jetzig wird.
 

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