Porträt:
Modedesignerin Molly Goddard

Sie ist die heißeste Designer-Sensation der britischen Mode: Molly Goddards Aufstieg scheint unaufhaltsam. Wäre da nicht ein klitzekleines Problem. Es ist genau genommen das einer ganzen Branche.

Wenn es eine Farbe gibt, die wie keine andere für die Zeit steht, in der wir leben, ist das: Rosa. Die Farbe von Barbie und Bubblegum steht im Jahr 2017 nicht für Plastik und Zucker, sondern für selbstbewusste Weiblichkeit, die Art von Frau, die ihre Termine ins roségoldene iPhone tippt, das in der Farbe von erröteten Wangen gefärbte „Kinfolk“-Magazin in ihrer Mansur-Gavriel-Handtasche trägt und auf dem Weg zum Rosé-und-Lachshäppchen-Abend mit den Freundinnen kurz bei Acne reinschaut. Rosa Wände wirken – darauf hat das Model Kendall Jenner neulich hingewiesen – appetitdämpfend. Pantone erklärte „Pale Dogwood“ zur aktualisierten Version von „Rose Quartz“, der Farbe des vergangenen Jahres – „different shades of pink“. Manche nennen das blasse Rosa gleich „Millennial Pink“.

In jeder von Molly Goddards Kollektionen gab es ein rosafarbenes Kleid, gefertigt aus jeweils bis zu 30 Metern Tüll oder Baumwolle, unter der Brust aufspringend und in A-Linie bis zum Knöchel reichend. Eine Wolke aus Rüschen, mädchenhaft verträumter geht es nicht. „Eigentlich denke ich gar nicht so viel über Farben nach“, sagt Goddard.

Muss sie auch nicht, die Modewelt reißt sich auch so um ihre Kollektionen. Molly Goddard ist die Designerin des Augenblicks. Die 1988 geborene Londonerin hat einen Blitzstart hingelegt und gilt als die hoffnungsvollste britische Nachwuchsdesignerin seit Grace Wales Bonner. „Ich habe mich aus dem Showroom zurückgezogen“, sagt Goddard am Telefon von Paris aus. Die Fashion Week verbringt sie hauptsächlich im Stadtteil Marais, die Tage sind voll mit Presseterminen und Besuchen von Einkäufern. „Für mein Team ist es einfacher, die Kollektion zu erklären und darüber zu diskutieren, wenn ich nicht dabei bin“, sagt sie und lacht.

„Linkisch“ und „unbeholfen“ sind die beiden Stichworte, mit denen Goddards Stücke am häufigsten beschrieben werden. Am Anfang standen ihre eigenen Kleinkindkleider, die sie auf Erwachsenen­größe aufblies. Die entstehenden eigenartigen Proportionen mit zu weiten Ballonärmeln, überdimensionierten Rüschen und um ein entscheidendes bisschen zu langen Röcken erzählen von Goddards Faszination mit dem Erwachsenwerden und von ihrer Liebe zum Verkleiden. Was sich in allen ihrer in London produzierten Kollektionen finden lässt. Bislang sind es deren sechs.

Was bisher geschah: Ein Studium an der Central Saint Martins, Fachbereich Strick – „dabei war ich nie gut mit den Nadeln, ich mag es einfach, Texturen zu erschaffen“. Praktikum bei John Galliano, Meadham Kirchhoff, und nach dem Bachelor hatte Goddard – deren Nachname nicht wie der des französischen Regisseurs, sondern mit Betonung auf der ersten Silbe und mit dem D am Ende ausgesprochen wird –, Goddard also hatte irgendwie die Lust am Designen verloren. „Ich habe wirklich schlechte Arbeit gemacht zu dem Zeitpunkt. Ich versuchte sehr konzeptuell und clever zu sein oder habe Asymmetrien um der Asymmetrien willen gemacht.“ Sie bereitete sich darauf vor, irgendwo als fest angestellte Designerin zu arbeiten, die Präsentation ihrer Abschluss­kollektion sollte ihr einfach den Spaß an der Sache zurückbringen. Sie bat Freundinnen, auf einer Party ihre Kleider zu tragen, und ihre Familie, ihr zu helfen. Das Ganze kostete 50 Pfund und war ein großer Erfolg – in jeglicher Hinsicht. Magazine wie „i​-D“ und die britische „Vogue“ griffen die Kollektion auf, ein Einkäufer aus China platzierte die erste Order. Im vergangenen Sommer heiratete dann das zur Schauspielerin avancierte Model Agyness Deyn in einem weißen Goddard-Tüllkleid, unter das sie einen rosa Unterrock gezogen hatte, Rihanna trug beim Women’s March im Januar ein rosa Babydoll über hellblauer Jeans. Mächtige Moderedakteurinnen wie Suzy Menkes sind Fans, Goddards Kleider hängen im Dover Street Market in London und bei Colette in Paris. Gerade einmal drei Jahre sind vergangen, seit Molly Goddard den Spaß an der Mode verloren geglaubt hatte.

Das Label beschäftigt heute fünf Mitarbeiter, darunter Goddards Boyfriend Tom Shickle. Er kümmert sich um die Verkäufe, im Nebenberuf ist er Bassist bei der Indie-Band Spector, im Nebenberuf zum Nebenberuf arbeitet er als Model. Goddards Schwester Alice, Mitgründerin des Magazins „Hot and Cool“, casted und stylt die Models für die Shows, die Cousine Saffron macht das Naildesign, Goddards Mutter Sarah, eine Kunstlehrerin, designt die Sets, Vater Mark, Bildhauer, hilft beim Bauen. Dass sie mit Freunden und Familie zusammenarbeitet, hatte ursprünglich finanzielle Gründe. „Heute kann ich sie bezahlen und alles macht mehr Spaß. Nach wie vor verstehen sie mich besser als alle anderen auf der Welt.“

Das Team sitzt in einem 60- Quadratmeter-Studio auf der St Marks Road in West-London. Die Miete beträgt nicht mal 1 100 Euro, „im Monat“, ergänzt Goddard sicherheitshalber. Man weiß ja nie in London. „Im September werden wir da rausgeschmissen und ich habe wirklich keine Ahnung, was danach kommt.“ Das letzte Atelier, das sie sich angeschaut hat und das mit 200 Quadratmetern groß genug war für die wachsende Firma, kostete umgerechnet 16 000 Euro. Im Monat.

Der mit 300 000 Euro dotierte und Mitte Juni vergebene LVMH-Preis, für den sie gemeinsam mit 20 anderen Nachwuchsdesignern auf der Shortlist steht, könnte eine Rettung sein. Zumindest zeitweise.

„Mode war für mich nie etwas, das mit Verkäuflichkeit zu tun haben musste“, sagt Molly Goddard. „Wenn ich früher Modenschauen gesehen habe, ging es da nicht darum, die Kleider zu besitzen. Es ging um Aufregung, Sehnsucht und Inspiration.“ Molly Goddard will der Mode ihre Fähigkeit zum Träumen zurückgeben. Man kann beiden – Molly und der Mode – nur wünschen, dass ihr das gelingt.

von Anne Waak | Fotos: Lily Bertrand Webb und DH-PR

06.04.2017 | Kategorien Fashion, Kampagne, Magazin | Tags , , ,