"Angelina, welches Verhältnis haben Sie zu Vergebung?"

Sie ist die berühmteste Schauspielerin Hollywoods und seit dem Sommer mit dem berühmtesten Schauspieler Hollywoods verheiratet. Sie hätte jedes Recht, sich wie eine Diva zu benehmen. Stattdessen reist sie in Krisengebiete, unterhält sich mit Flüchtlingen und lädt zu Konferenzen über sexuelle Gewalt ein. Und weil das alles noch nicht genügt, ist sie auch Filmregisseurin, Vorsteherin einer Riesenfamilie, eine Getriebene, die sich dennoch nicht treiben lässt. Jolies neuestes Werk ist Unbroken, die Lebensgeschichte eines Kriegshelden, der zu einem engen Freund wurde.

Foto: Hedi Slimane | Styling: Joe Zee

Was geht durch den Kopf einer Frau, die viele der traurigsten Orte der Erde kennt, in jordanischen Flüchtlingslagern oder sudanesischen Camps gesessen hat, mehr als die meisten Politiker über die Flüchtlingsströme im syrischen Bürgerkrieg weiß und sich in ihrem Leben Aberhunderte Horrorgeschichten von im Krieg vergewaltigten Frauen angehört hat?

Manchmal ganz normale Mutterprobleme. Wie Weihnachten ablaufen soll, zum Beispiel. Oder wie man so kurz vor Halloween noch tolle Kostüme auftreiben kann. Oder wie man sechs Kids bei Laune hält. „Wussten Sie, dass man in Sydney im Zoo übernachten kann?“, lautete eine ihrer ersten Fragen, als ich Angelina Jolie im vergangenen Jahr bei Dreharbeiten in Australien besuchte. Ich wusste es selbstverständlich nicht. Aber es überraschte mich nicht, dass sie es wusste. Schließlich ist es eine der normalsten Reaktionen, sobald man sich mit ihr zu beschäftigen beginnt, dass man sich fragt, ob es denn etwas gibt, das diese Frau nicht drauf hat.

Der Film, den Jolie in Australien gedreht hat, heißt Unbroken. Er erzählt mit epischer Wucht die Lebensgeschichte des Olympioniken und Kriegshelden Louis Zamperini. Der war im Juni 1943 über dem Pazifik abgeschossen worden und trieb 47 Tage lang auf einem Floß, um schließlich in einem japanischen Kriegsgefangenenlager zu landen. Dort ertrug er zwei Jahre lang stoisch Erniedrigungen, Schmerzen, Hunger und Einsamkeit. Aber er überlebte alle Torturen und wurde 97 Jahre alt.

Zamperini wurde zu einem engen Freund Jolies, zu „einer Art großväterlicher Figur“, wie sie selbst sagt. Ihr Film ist ein Tribut und Liebesbrief an ihn, die Charakterstudie eines Mannes mit einem unbeugsamen Geist. „Ich möchte etwas an meine Kinder weitergeben – eine Botschaft fürs Leben“, sagt sie. Diese Botschaft lautet, dass man es durch Entschlossenheit im Leben weit bringen kann. Zamperini war ein Kind der Weltwirtschaftskrise, doch er schaffte es, aus sich einen berühmten Läufer und Olympiateilnehmer, einen Soldaten und Kriegshelden zu machen. „Sein Leben hat alles andere als perfekt begonnen“, erzählt Jolie. „Es ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass der Geist des Einzelnen – sein Wille, Gutes zu tun und für etwas einzustehen – sehr, sehr wichtig ist.“ Von Zamperini hat sie einen Satz gehört, den er 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin aufgeschnappt hat: „You can take it, you can make it“ – wenn du es aushalten kannst, kannst du gewinnen.

Angelina Jolie: “Ich möchte etwas an meine Kinder weitergeben – eine Botschaft fürs Leben”
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Es ist ein Lebensmantra, von dem sich Jolie angesprochen fühlte, weil auch sie ein Mensch ist, der selten aufgibt und sich enormen Herausforderungen stellt – ob es sich nun darum handelt, selbst ein Flugzeug zu steuern oder einen umstrittenen Film über Vergewaltigungen während des Bosnienkrieges zu drehen – und zwar zu großen Teilen in Serbokroatisch, wie die Sprache noch hieß, ehe die Jugoslawen beschlossen, einander zu hassen.

Mittlerweile ist Angelina Jolie das humanitäre Engagement so wichtig geworden, dass es manchmal scheint, sie wäre nur noch im Nebenberuf Hollywoodstar. Vor beinahe 15 Jahren stieg sie als Botschafterin für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in ein Flugzeug und flog zuerst an die Elfenbeinküste und danach nach Sierra Leone. Ein brutaler Bürgerkrieg hatte das Land zerrissen und unzählige Flüchtlinge hinterlassen. Viele der Überlebenden waren gezeichnet: Aufständische hatten wahllos Zivilisten die Arme am Handgelenk oder am Ellbogen abgehackt, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Diese erste Konfrontation mit dem wahren Elend der Welt hat Jolies Leben für immer verändert. Seitdem war sie in mehr als 50 UN-Missionen unterwegs, im Sudan, in Bosnien, im Irak, in Afghanistan, in Pakistan, sie kennt die Bekaa-Ebene und Zaatari, das größte Flüchtlingslager Jordaniens. Jolie ist so gut vorbereitet und informiert, dass sie vermutlich keine Schwierigkeiten mehr hätte, tatsächlich als Botschafterin oder Politikerin zu arbeiten, etwas, von dem sie selbst sagt, dass sie nie darüber nachgedacht hätte. Ihr sei es ja wichtig, Filme zu machen und Schauspielerin zu sein. Aber natürlich weiß sie auch um die Macht, die sie als öffentliche Person hat, und sie nutzt sie, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen.

Im vergangenen Juni, kurz bevor die Queen sie in London zu einer „Dame“ adelte, lud sie zusammen mit William Hague, der damals noch britischer Außenminister war, zu einer hochrangig besetzten Konferenz ein, die sich mit sexueller Gewalt während kriegerischer Auseinandersetzungen befasste. Sie war zusammen mit Brad Pitt und den Kindern angereist, wie immer, wenn es sich einrichten lässt, eine Familienherde, die sich durch keinerlei Verpflichtungen davon abbringen lässt, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Und eigentlich ein gefundenes Fressen für Boulevardreporter und Paparazzi. Doch selbst die nehmen Jolie mittlerweile eher als ernsthafte Person wahr, denn als jemand, der für saftigen Klatsch sorgt – jene Frau, die in legendären Interviews freimütig über ihre Sexspielchen Auskunft gegeben hat, existiert nicht mehr. Und das, womit sich Jolie dieser Tage beschäftigt, würde Lesern der Yellow Press gründlich die Laune verderben.

„Ich weiß einfach nicht, warum mein Leben meines ist und jenes ihres“, hat sie 2014 in ihrer Dankesrede gesagt, nachdem ihr der Jean Hersholt Humanitarian Award verliehen worden war, eine Art Ehren-Oscar für humanitäres Engagement. Der Satz scheint für sie zu einer Art Lebensmaxime geworden zu sein – sie hatte viel Glück, und deswegen will sie nun jenen Chancen eröffnen, die keines hatten. Ihr Ziel ist es, Regierungen dazu zu bringen, die Verantwortung für sexuelle Gewalttaten zu übernehmen, die während kriegerischer Auseinandersetzungen begangen werden, statt sie wie bisher als bedauerliche Kollateralfolgen zu behandeln, gegen die sich schwer etwas ausrichten lässt. Es ist ein anspruchsvolles Ziel, ehrgeiziger, als bei einem großen Hollywoodfilm Regie zu führen, aber das schüchtert sie nicht ein. In London erklärte sie mir in ihrem Hotelzimmer einen ganzen Abend lang, wie sich, Schritt für Schritt, ihr Programm umsetzen ließe, mit der diplomatischen Bedachtsamkeit eines Außenpolitikers, der weiß, wie man nicht auf Tretminen stapft.

Foto: Hedi Slimane | Styling: Joe Zee

Dass Jolie immerhin auch Mrs Pitt ist – die berühmteste Schauspielerin der Welt, die mit dem berühmtesten Schauspieler der Welt verheiratet ist –, merkt man in solchen Situationen nicht, abgesehen davon, dass nur wenige Menschen, die sich mit der Hilfe für Flüchtlinge und Kriegsopfer beschäftigen, von so überirdischer Schönheit sind. Für die Welt da draußen, die Fans und die Boulevardreporter, ist ihr Privatleben deutlich mehr Sensationsstoff als für Mrs und Mr Pitt selbst. Die beiden sind mittlerweile schon so lange zusammen und in vielem das, was man „ein gutes Team“ nennt, dass viele Menschen in ihrer Umgebung tatsächlich dachten, sie wären längst schon verheiratet. Die Hochzeit im August passte dann auch zu ihrem nicht glamourösen, um Normalität bemühten Lebensstil: kein Spektakel, sondern eine gemütliche Feier mit der Familie und Freunden. Die Kinder buken eine Torte und bastelten Kissen für die Eheringe, eine Feier der Liebe statt eine Show für die Welt, ein wenig so wie bei anderen guten Paaren, abgesehen davon, dass andere Paare sich nicht sechs Kinder lang Zeit lassen, ehe sie einander das Jawort geben, und das auch nicht in einem Château in Südfrankreich tun. Prickelnder für die Klatschinteressierten wird es wahrscheinlich erst wieder bei Angelina Jolies nächstem Film, den sie gerade auf Malta abgedreht hat – nicht ohne sich in den Drehpausen mit der Situation jener Flüchtlinge zu befassen, die in jämmerlichen Booten Europa übers Mittelmeer zu erreichen versuchen. By the Sea ist ein Psychodrama, das von der komplizierten Beziehung eines Paares und dessen Verhältnis zu einem anderen Paar erzählt, das ganz in der Nähe wohnt. Den Ehemann spielt übrigens Brad Pitt, dessen Frau die französische Schauspielerin Mélanie Laurent. Ist das nicht ein merkwürdiger Film für frisch Verheiratete? „Ach was“, lacht Jolie, „obwohl es Freunde gab, die wissen wollten, ob wir denn verrückt geworden wären.“ Aber sie habe nicht die geringste Angst um ihre Beziehung, die sich nach der Hochzeit doch ein wenig anders anfühlt als in all den Jahren zuvor: „Es ist einfach nett, wenn man Mann und Frau ist.“ Dann erzählt sie lieber wieder über die Sorgfalt, die Pitt und sie darauf verwandt haben, an einem verlassenen Strand auf Malta südfranzösische Sixties-Atmosphäre herzustellen, sie haben sich sogar die Mühe gemacht, authentische Flaschen für die Strandbar aufzutreiben.

Nun aber liegt ihr Unbroken am Herzen, ein Film mit großem Budget (65 Millionen Dollar), Massen-Appeal, möglicherweise auch mit Oscar-Chancen, aber vor allem ein Film, von dem sie meint, er solle den Menschen die Tugend der Unbeugsamkeit unter schwierigsten Umständen näherbringen. Louis Zamperini hat die Verfilmung seiner Lebensgeschichte nicht mehr sehen können, er ist im Juli 2014 gestorben, doch Angelina Jolie hat es noch geschafft, ihn in seinem Krankenhauszimmer einige Passagen vorzuführen. Wie sie darüber erzählt, merkt man, dass sie einen Freund verloren hat. Zamperini und sie hatten in Los Angeles in derselben Gegend gewohnt, von ihrem Haus in den Hollywood Hills aus konnte sie seines sehen, und nachdem sie es geschafft hatte, Universal davon zu überzeugen, diesen Film zu machen, ließ sie Brad Pitt im Garten ein Sternenbanner hissen, ehe sie Zamperini anrief, um ihm zu sagen, er solle zum Fenster hinaussehen. Louis, erzählt sie, sei ein völlig uneitler Mann gewesen, ohne jedes Interesse daran, bewundert zu werden: „Er wollte nicht, dass die Leute denken, er sei außergewöhnlich gewesen. Er wollte ihnen durch seine Geschichte zeigen, dass jeder Mensch außergewöhnlich sein kann.“ Nach seinem Tod ist Jolie entschlossener denn je, seine Botschaft zu verbreiten. „You fought harder than the other guys and you win“, lautet sie – wenn du härter kämpfst als die anderen, wirst du gewinnen.

Foto: Hedi Slimane | Styling: Joe Zee

INTERVIEW: Erzählen Sie doch mal, wie Sie auf die Geschichte gestoßen sind?

ANGELINA JOLIE: Wenn man bei einem Film Regie führen will, dann kann man es zum Beispiel so anstellen, dass man zu den Studios geht und sich eine Liste all der Filme geben lässt, die nie verwirklicht worden sind. Und auf der Liste der nicht realisierten Film bei Universal stand diese kurze Notiz: „die wahre Lebensgeschichte von Louis Zamperini, eine Geschichte über Willensstärke, Unverwüstlichkeit, Vergebung, Glaube, Zweiter Weltkrieg …“ Weil ich Geschichte so sehr mag und die Worte „Unverwüstlichkeit“ und „Willensstärke“ und „Vergebung“ herausstachen, dachte ich: „Zamperini? Was für eine Geschichte ist das?“ Dann bin ich nach Hause gefahren und erzählte Brad, dass mich dieser Unbroken-Stoff wirklich neugierig gemacht habe. Und er sagte: „Ach, Honey, dieser Stoff schwirrt doch schon seit Ewigkeiten rum.“ Das hat mich von meiner Neugier natürlich nicht abgebracht. Ich wollte immer noch wissen, was es damit auf sich hatte. Wie ich herausfinden sollte, wurde Louis Zamperinis Geschichte schon seit 57 Jahren als Filmstoff gehandelt.

INTERVIEW: Damals sollte Tony Curtis ihn spielen, oder?

JOLIE: Ja, Tony Curtis, genau. Unbroken war gewissermaßen ein Filmstoff, von dem jeder wusste, der aber auf mich zu warten schien. Ich habe mir dann das komplette Material besorgt, das zu dem Projekt existierte, doch irgendwie wollte es mir nicht gelingen, eine Verbindung dazu herzustellen. Erst als ich Laura Hillenbrands Biografie über Louis Zamperini gelesen hatte, wusste ich, dass ich mich auf die Reise begeben musste, und zwar als Mensch. Ich wollte von Zamperini lernen, in seine Fußstapfen treten. Es ging mir dann gar nicht mehr um die Frage, bei welchem Film ich Regie führen könnte. Es ging mir vielmehr darum, womit ich mich die nächsten zwei Jahre beschäftigen, von wem ich lernen und mit wem ich diesen Film machen wollte – nämlich mit Louis Zamperini.

INTERVIEW: Was gibt Ihnen das Regieführen in kreativer Hinsicht, was Ihnen das Spielen nicht gibt? Für viele Schauspieler ist es ja die Kontrolle, die Möglichkeit, ihre Vision bei einem Projekt komplett zu verwirklichen.

JOLIE: Natürlich geht es dabei auch um Kontrolle. Beim Regieführen übernehme ich von Anfang bis Ende die volle Verantwortung – für den Sound, die Darsteller, die Spezialeffekte. Ich setze den ganzen Film sozusagen zusammen.

INTERVIEW: Haben Sie dabei immer Vertrauen in Ihre Entscheidungen?

JOLIE: Das muss ich, da habe ich keine andere Wahl. Aber ich bin smart genug, mich mit wirklich schlauen Leuten zu umgeben. Auf die höre ich und auf die kann ich mich verlassen. Film ist ja etwas, das sich nur in der Gemeinschaft realisieren lässt. Aber am Ende des Tages, falls der Film nichts wird, bin ich es, die die Schläge einsteckt. Dann ist es mein Fehler.

INTERVIEW: Was waren für Sie als Regisseurin die größten Herausforderungen? Es gibt einen Flugzeugabsturz, ein Gefangenenlager …

JOLIE: Es gibt sogar zwei Flugzeugabstürze, drei Gefangenenlager, 47 Tage auf See, die Olympischen Spiele 1936 in Berlin und die 20er- Jahre in Kalifornien.

INTERVIEW: Was hat Ihnen von all den Sachen die größten Sorgen bereitet? So nach dem Motto: „Wenn wir das im Kasten haben, dann …“?

JOLIE: Im Grunde war es bei allen Dingen so, jeden Tag, das fing schon mit dem Budget an. Als es verhandelt wurde, machte ich mir ernsthaft Sorgen, ob die beiden Flugzeugabstürze drinbleiben würden. Ich wusste ja, dass bestimmt jemand mit dem Vorschlag kommt, dass ein Flugzeugabsturz eigentlich auch reicht. Aber einer reicht eben nicht (lacht). Ebenso bei den Olympischen Spielen. Klar, man hätte auch nur Zamperinis Gesicht in Großaufnahme zeigen können und sich so viel Aufwand ersparen können. Oder man hätte einen kleinen, kostengünstigen Ausschnitt gewählt. Aber ich wollte die Spiele wirklich inszenieren, ich meine, es ging ja um Olympia (lacht). Ich hatte das große Glück, dass Roger Deakins mein Kameramann war, der dann gleich sagte: „Nein, man kann es nur so und nicht anders schießen“, und auf ihn hört man eben, weil er sein Handwerk versteht.

INTERVIEW: Es gibt ein Interview, das Sie und Louis Zamperini der NBC gegeben haben. Darin erzählen Sie, wie sehr Sie ihn lieben, und man hat fast den Eindruck, dass Sie ihn als eine Art Großvater adoptiert haben. War Ihnen die Zeit des Zweiten Weltkriegs eigentlich durch die Erzählungen Ihrer eigenen Großeltern vertraut?

JOLIE: Zu denen hatte ich keine enge Beziehung. Zwei meiner Großeltern waren bereits gestorben, bevor ich zur Welt kam. Einer starb, als ich neun war, und die Mutter meines Vaters, ich weiß es gar nicht mehr so genau, starb, als ich ein Teenager war. Aber auch ihr stand ich nicht besonders nahe. Von ihnen weiß ich also nicht viel über die Zeit. Vielleicht gab es deshalb zu Louis diese besondere Bindung, weil es in meinem Leben nie einen richtigen Großvater gab. Und so ein großväterlicher Einfluss ist natürlich wichtig und ging für mich über den Film hinaus. Ja, also Louis war ein großartiger Freund und in gewisser Weise auch Familie.

INTERVIEW: Was haben Sie von ihm gelernt?

JOLIE: Er hatte diese Gabe, alles von einem positiven Standpunkt aus zu sehen. Weil er daran glaubte, dass man von allem etwas lernen könnte. Er glaubte daran, dass alles ein Segen sein kann.

INTERVIEW: Was sicher hilft, wenn man in die Welt hinausgeht und schlimme Orte sieht.

JOLIE: Ja, man sieht die schlimmsten Dinge, man schaut Nachrichten und fängt an, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Oder überhaupt den Glauben zu verlieren. Oder Wut dem Glauben gegenüber zu empfinden, weil solche Dinge auf der Welt passieren. Louis wollte uns nicht zeigen, dass er besonders war, im Gegenteil: Er wollte uns klarmachen, dass er eine total gewöhnliche, durchschnittliche Person gewesen ist. Und er wollte, dass man durch ihn sieht, dass jeder zu Außergewöhnlichem fähig ist. Er hat gewisse Entscheidungen in seinem Leben getroffen, er ist durch dunkle Zeiten gegangen, er ist wieder aufgestanden, er hat versucht, es besser zu machen, und ist gescheitert und hat trotzdem nicht aufgegeben. Man hört es seinen Kindern und Enkeln an, wenn man mit ihnen spricht: Er war der beste Vater, der beste Großvater, der beste Freund, der er sein konnte. Auf seiner Beerdigung traf ich jemanden, der mir erzählte: „Mein Vater hat mich verlassen. Und Louis ging mit mir campen und hat mir gezeigt, dass man nicht viel Geld braucht, um Spaß zu haben. Er war wie ein Vater für mich, er war einfach eine großartige Person.“ Man hört und sieht solche Dinge und versteht, dass es das Einzige ist, was einem bleibt, um der Bosheit und Gewalt in dieser Welt zu trotzen.

 

INTERVIEW: Sie haben gesagt, dass eines der Themen, die Sie an diesem Film interessiert hat, Vergebung war. Was für ein Verhältnis haben Sie zu Vergebung?

JOLIE: Ein ziemlich schwieriges (lacht). Ich habe darüber viel nachgedacht. Könnte ich jemandem vergeben, der mich misshandelt hat? Ich denke, ja, wahrscheinlich auf irgendeine Art und Weise schon. Doch wenn es darum ginge, dass jemand meine Kinder misshandelt hätte, denke ich nicht, dass ich dazu in der Lage wäre. Ich glaube daran, dass ein bestimmter Grad an Vergebung möglich ist, aber es muss auch Gerechtigkeit und Veränderung geben. Wenn ich Menschen treffe, die vergewaltigt oder missbraucht worden sind, finde ich es unpassend, ihnen zu sagen, dass sie vergeben sollen. Zuerst sollte Gerechtigkeit geübt werden, und dann kann man versuchen, alles daranzusetzen, dass der Schmerz und der Hass einen nicht von innen auffressen. Denn wenn man die andere Seite hasst, tut man nicht ihr weh, sondern nur sich selbst. All die Jungs, die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Hause kommen, voller Wut und Gewalt. Es bringt sie um und wir müssen ihnen helfen. Es geht nicht darum, ihnen zu sagen, dass sie darüber stehen und vergeben sollen. Es geht darum, dass sie verstehen, was sie heilen kann.

INTERVIEW: Die Mutterfigur im Film ist sehr stark. Haben Sie etwas von ihr gelernt?

JOLIE: Magdalena (Ischiale, die Schauspielerin, die Louise verkörpert) ist eine umwerfende Person. Als sie auf die Beerdigung kam, war es, als ob Mamma Louise selbst dort gestanden hätte. Alle umarmten sie (lacht). Es fühlte sich an, als ob sie erschienen wäre. Die echte Louise hat angepackt, sie war hart im Nehmen: eine Mutter durch und durch. Man sieht, welchen Einfluss sie und der Bruder auf ihn hatten, und man sieht auch, wie viel ein starker Familienzusammenhalt ausmacht. Es hat mich noch einmal darin bestärkt, wie wichtig ein solcher Zusammenhalt ist, weil ich in einer kaputten Familie aufgewachsen bin. Diese Generation, die die Rezession und den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, musste bereits früh große Opfer bringen. Es waren andere Zeiten, auch was die Familienstruktur angeht, aber es ist sicher gut, das zu reflektieren und zu schauen, wie meine Jungs mehr wie Louis’ Bruder Pete sein können und ich mehr wie Louise.

INTERVIEW: Ich glaube, dass in der Generation, über die Sie sprechen, elterliche Fürsorge vor allem bedeutete, den Laden am Laufen zu halten. Heute geht es mehr darum, mit seinen Kindern über seine Gefühle zu sprechen.

JOLIE: Ich verstehe, was Sie meinen. Es gab eine klarere Hand, weil es nicht anders ging. Und ich denke, es ist ein Hinweis darauf, wozu unsere Kinder in der Lage sind, was man von ihnen erwarten kann und worüber man mit ihnen sprechen kann. Es gab diese Einheit oder dieses Ideal von einer Einheit, die man bildet, die sich unterstützt und gegenseitig hilft. Wenn dein Bruder in Schwierigkeiten ist, siehst du zu, dass du alles stehen und liegen lässt und ihm hilfst. Oder wenn dein Vater eine schwierige Zeit auf der Arbeit hat, musst du aushelfen, wo du kannst, weil es das ist, was er seiner Familie gegenüber auch schon geleistet hat und was ihn zu der Person macht, die er ist.

INTERVIEW: Wenn wir über Krieg sprechen, fällt es da schwer, keine Partei zu ergreifen? In dem Film werden die Japaner schlimm dargestellt. Ich mag mich irren, aber ist es schwer, sich auf keine Seite zu stellen, wenn man einen historischen Stoff erzählt?

JOLIE: Nun ja, ich sehe das Ganze aus Louis’ Augen, und das heißt, was Louis sah, war ein Land im Krieg, diese Länder waren im Krieg, diese Herrscher waren im Krieg, aber er war nicht im Krieg mit den Bürgern dieses Landes oder dem Land selbst. Er sah den Tod von Unschuldigen, er sah, wie Menschen verbrannten oder bombardiert wurden. Das war hart und berührte ihn so stark, dass es sein ganzes Leben veränderte. Er war sich der Tatsache sehr bewusst, dass die Situation nicht einfach nur schwarzweiß ist, und auch, dass es kaum lohnenswert ist, sich blindem Hass hinzugeben. Und er fällte eine Entscheidung, und zwar, dieses Land und seine Leute nach dem Krieg in einem neuen Licht zu sehen: zurückzugehen und Fragen zu stellen und zu verstehen, was passiert war; Hände zu schütteln und es zu versuchen, sich wieder mit den Menschen dieses Landes zu verbinden. Und er ging zurück, ja, man bat ihn sogar darum, zurückzukommen, um bei den Olympischen Spielen mit der Fackel zu laufen. Ich denke, er sah einen Weg nach vorn. Was wir im Film zu zeigen versuchen, ist das, was ich schon vorhin erwähnt habe: dass wir nur einen Aspekt der Geschichte sehen. Wir sind auf Louis’ Seite in diesem Krieg. Wir waren sehr bemüht zu zeigen, dass sie unter den Händen der Japaner litten, aber auch, dass es einige Wächter gab, die sehr nachdenklich waren, und dass es einige Menschen gab, die litten, und auch Kinder, die an ihrer Seite litten. Wir versuchten, dieses Gleichgewicht herzustellen, und so wird der Film selbst zu einer Botschaft von Verzeihung und Liebe. Das ist es, was Louis gewollt hätte. Louis hätte keinen Film gewollt, der den Graben zwischen den USA und Japan vertieft.

INTERVIEW: Hat er Sie um irgendetwas Konkretes gebeten? Ich meine, er hat Ihnen die Geschichte anvertraut, und ich bin sicher, dass er Ihnen eine Carte blanche gegeben hat – aber gab es irgendwas, von dem er sagte: „Ich will dass es so und so ist“?

JOLIE: Ja, viele lustige Sachen, die ich aber nicht erzählen kann. Er führte dieses Camp, das Victory Boys Camp für verhaltensauffällige Teenager, als er aus dem Krieg zurückkehrte, und er holte sogar Kinder aus den Gefängnissen und kümmerte sich für ein Wochenende um sie. Er zeigte ihnen, wie man klettert und solche Sachen, er zeigte ihnen, dass sie etwas erreichen können. Also wenn die Jungs irgendwann ihre Zeit abgesessen haben und wieder draußen sind, dann wissen sie, dass sie zu Größerem fähig sind, als sie vielleicht dachten. Er machte das, bis kurz vor seinem Tod. Da war dieser Junge, Kyle, er sprach kürzlich in Torrance, und er hielt auch eine Rede auf der Beerdigung. Kyle hatte einige Schwierigkeiten in seinem Leben, und Louis hatte ihm geholfen – und das in den letzten sechs Monaten seines Lebens! Louis hörte nicht auf, das zu tun, und es war nicht einfach eine menschliche Geste oder Gutmenschentum, so war er nicht. Wenn er merkte, dass jemand dachte, er sei nicht gut genug, dann belastete ihn das. Er wollte den Menschen klarmachen, wozu sie fähig sind. Deshalb wollte er auch, dass der Film zu einer Weihnachtsgeschichte wird für die Menschen. Darum versuchen wir, eine Altersfreigabe ab 13 zu bekommen. Wir möchten, dass sich Familien den Film anschauen. Du kannst mit den kleinen Kindern und den kleinen Jungs ins Kino gehen, und sie spüren, dass es etwas Positives gibt, auf das sie hinarbeiten können, etwas, das sie positiv beeinflusst. Und das ist es, was Louis wollte.

INTERVIEW: Wann ist ein Film für Sie als Regisseurin erfolgreich? Ist es bereits ein Erfolg, wenn der Film Ihrer Vision entspricht? Oder brauchen Sie ein bisschen mehr, muss es ein riesiger kommerzieller Erfolg werden?

JOLIE: Das ist in diesem Fall ziemlich schwierig. Ich meine, klar, dieser Mann bedeutet mir viel und diese Geschichte bedeutet mir viel, weshalb wir uns extrem verantwortlich für sein Werk fühlen, weil er ja erst kürzlich gestorben ist. Für mich ist entscheidend, wie er den Film empfand, als wir zusammen im Krankenhaus waren, und wie seine Familie den Film empfinden wird, und das ist das Einzige, was zählt: dass sie sagen, das zeige ihren Vater, so wie er war, und dass die Leute etwas für Louis empfinden. Es ist ehrlich gesagt etwas, was ich noch nie zuvor gefühlt habe: diese Verantwortung, es richtig zu machen. Das ist ziemlich schwer.

Text: Janine di Giovanni

Interview: Ekaterina Yarotskaya

Haare: Adam Campbell/ The Rex Agency | Make-Up: Toni G. | Set Design: Peter Klein/ Frank Reps