"Amy ging immer von Null auf Hundert!"
Regisseur Asif Kapadia über AMY WINEHOUSE

© 2015 PROKINO Filmverleih GmbH

Vor knapp vier Jahren starb Amy Winehouse mit nur 27 Jahren. Nun erzählt ein Dokumentarfilm von Asif Kapadia vom Leben und Tod der Soulsängerin

 

VON: Annette Walter

 

INTERVIEW: Herr Kapadia, Amy war immer meine Lieblingssängerin. Ich finde, Sie haben den ultimativen Film über sie gemacht. Besser geht es nicht.

ASIF KAPADIA: Vielen Dank!

 

INTERVIEW: Haben Sie sie je getroffen?

KAPADIA: Nein.

 

INTERVIEW: Und ein Konzert von ihr live gesehen?

KAPADIA: Auch nicht. Und Sie selbst?

 

INTERVIEW: Leider auch nicht. Aber ich weiß noch genau, wo ich an Amys Todestag am 26. Juli 2011 war. Können Sie sich erinnern, was Sie damals gemacht haben?

KAPADIA: So vage. Ich erinnere mich, dass in London an diesem Tag sehr schönes Wetter war. Ich wohne ja in der Nähe von Amys damaligem Haus in Camden Town. Ich hatte gearbeitet und lief abends heim. Dann hörte ich die Nachricht von ihrem Tod im Radio. Für mich war es kein Schock, sondern fast schon unvermeidlich. Ich hatte damit gerechnet. Ich glaube, ich hatte sogar das Gefühl, ob es nicht vielleicht besser für sie sei. Lieber jung sterben als so ein qualvolles Leben führen. Ein schlimmer Gedanke. Heute fühlte es sich für mich schrecklich an, so etwas empfinden zu haben, wenn eine so junge Frau gleich um die Ecke in meiner Stadt stirbt.

 

INTERVIEW: Ich liebe The Libertines und hatte damals befürchtet, dass Pete Doherty an einer Überdosis stirbt. Er war ja ein guter Freund von Amy.

KAPADIA: Viele dieser Leute in Amys Umfeld haben sehr lange sehr viele Drogen genommen. Amy war dennoch ein ganz spezieller Fall. Bei ihr gab es keine Kontrolle. Es ging immer von Null auf Hundert. Sie fügte ihrem mageren Körper, der durch die jahrelange Bulimie geschwächt war, immensen Schaden zu. Die anderen Drogensüchtigen haben wenigstens normal gegessen.

 

 

Asif Kapadia (über den Drogenkonsum von Amy Winehouse): “Amy war dennoch ein ganz spezieller Fall. Bei ihr gab es keine Kontrolle. Es ging immer von Null auf Hundert. ”
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INTERVIEW: Genau diese Selbstzerstörung macht Ihren Film so unglaublich traurig: Amys Verfall in 127 Minuten. Von einer lebenslustigen 14-Jährigen mit einer fantastische Stimme bis zu ihrem Tod mit fast vier Promille Alkohol im Blut.

KAPADIA:  Ja, ich finde das auch so traurig. Und wissen Sie, was mich daran so bewegt hat? Dass es erst vor kurzem passiert ist. Wir erinnern uns, wie wir zu ihren Songs tanzten und ihre Platten hörten. Der Film ist nicht nur über sie, sondern über uns. Das ist unser Leben im Hier und Jetzt.

 

INTERVIEW: Und das Leben in London.

KAPADIA: Genau, es ist mein London-Film. Dieser Ort, der so erstaunlich kreativ ist. Du kannst sein und aussehen, wie du willst, originell und lustig sein oder eine große Klappe haben. Aber es gibt eben auch Ecken und Kanten, gerade in Camden. Dieser Stadtteil kann ziemlich düster sein.

 

INTERVIEW: Ich habe mich immer wieder gefragt, ob jemand Schuld an Amys Tod hat. Was ist Ihre Meinung?

KAPADIA: Ich will niemandem die Schuld zuweisen. Viele Menschen haben viele Entscheidungen getroffen, die egoistisch und nicht gut für Amy waren. Ich hatte aber vor der Arbeit an dem Film keine Agenda, mit der ich jemanden bloßstellen wollte. Ich habe einfach alle getroffen und interviewt.

 

INTERVIEW: Welche Rolle spielte Blake Fielder-Civil, mit dem Amy verheiratet war?

KAPADIA: Ich habe ihn ein paar Mal getroffen. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. Mir war vorher nicht klar, was für ein kaputtes Kid er ist. Mittlerweile sieht er 20 Jahre älter aus als er tatsächlich ist. All das muss man auch berücksichtigen, wenn man über ihn urteilt.

 

INTERVIEW: Aber Amy war in ihn verliebt.

KAPADIA: Sie war verrückt nach ihm. Es war ihr fast schon peinlich, wie sehr. Als ich mir Filmmaterial von den beiden ansah, habe ich es in ihren Augen gesehen.

 

INTERVIEW: Was hat die beiden verbunden?

KAPADIA: Sie war kaputt, er war kaputt. Sie hatte diese Vision, ihn retten zu wollen. Manche Frauen denken, sie können so einen Bad Boy ändern. Amy machte sich nie Sorgen um sich selbst, sie machte sich die ganze Zeit Sorgen um andere Menschen.

 

INTERVIEW: Eine der besten Szenen Ihres Film ist die Grammy-Verleihung 2008. Amy ist erst 24 und bekommt fünf Grammys. Sie ist nicht bei der Verleihung in Los Angeles, weil ihr die Einreise in die USA wegen ihres Drogenkonsums verweigert wurde. Sie steht also in diesem Studio in London, aus dem sie live zugeschaltet ist, und befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Und was macht sie? Sie jammert, das ist langweilig ohne Drogen“. Verrückt, nicht wahr?

KAPADIA: Das ist die Tragik ihrer Psyche. Es wurde so normal für sie, high zu sein, dass sie nichts mehr nüchtern genießen konnte. Ich kenne viele Leute, die so sind, deshalb schockiert mich das nicht. Sie war eben eine Künstlerin, die Depressionen hatte. Selbst im glücklichsten Moment ihres Lebens fand sie einen Grund, unglücklich zu sein.

 

INTERVIEW: Ihre Erklärung dafür?

KAPADIA: Die Gründe, dass sie sich nicht gut fühlen konnte, liegen in ihrer Kindheit. Ihr fehlte die Selbstachtung. Sie hatte nie das Gefühl, etwas Großartiges erreicht zu haben.

 

INTERVIEW: Lag ihre Unsicherheit tatsächlich daran, dass ihr Vater Mitch die Familie verlassen hatte, als sie ein Mädchen war? Sie hatte sogar ein Tattoo, „Daddy’s Girl“.

KAPADIA: Klar, schon ihr erster Song „Stronger than me“ legt offen, dass sie einen männlichen Beschützer suchte. Sie war sich dessen sehr wohl bewusst. Sie hat ja alles in ihren Songs aufgeschrieben. Das ist auch der Grund, wieso die Szene mit dem Sänger Tony Bennett am Ende meines Films so bedeutend ist, als die beiden 2012 das Duett „Body and Soul“ im Studio aufnehmen. Er ist der Mann, nach dem sie gesucht hat: eine ältere Vaterfigur, die sie beschützt und ihr Selbstvertrauen und Liebe gibt: „Du bist toll! Mach dir keine Sorgen!“ Sie brauchte das.

 

INTERVIEW: Aber sie wehrt ihn ab.

KAPADIA: Genau das ist der Punkt. Sie ist bei der Aufnahme bescheiden und nervös. Tony ist überwältigend: Wie er sie motiviert, indem er ihr sagt, dass sie gut sei. Das ist genau das, was sie hören will. Sie sagt ihr ganzes Leben lang negative Dinge und hofft, dass jemand etwas Positives entgegnet. Und dann versucht sie, alles zu zerstören und erwidert, ‚ich bin schrecklich, ich will eure Zeit nicht verschwenden’.

 

INTERVIEW: Welcher Mechanismus steckt dahinter?

KAPADIA: Für mich ist alles, was sie tut, ein Hilferuf. Sie handelt wie ein Kind nach dem Motto ‚Ich stoße dich weg und sage, ich hasse dich. Je mehr ich das tue, desto mehr will ich, dass du mich umarmst und dich um mich kümmerst’. Wie im Song „Rehab“. Je mehr sie ‚Nein, nein, nein’ sagt, desto mehr meint sie ‚Ja’.

Asif Kapadia (über Amy Winehouse): “Für mich ist alles, was sie tut, ein Hilferuf. Sie handelt wie ein Kind.”
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INTERVIEW: Brauchte sie das private Drama, um kreativ zu sein?

KAPADIA: Ja, das war ihre Art zu arbeiten. Alles war persönlich. Das funktionierte erst toll, aber das, was sie anfangs benutzte, um kreativ zu arbeiten und Songs zu schreiben, wurde später zum Problem. Denn irgendwann litt sie an einer Schreibblockade, weil sie kein richtiges Leben mehr führte. Sie hatte keine Beziehung und lebte zurückgezogen. Sie befürchtete, sie habe nichts zu erzählen. Ihre Freunde haben mir erzählt, dass Amy sie förmlich anbettelte, ‚erzähl mir von Deinem Leben, damit ich darüber schreiben kann‘.

 

INTERVIEW: War sie vom „Live fast, die young“-Rock’n’Roll-Mythos besessen?

KAPADIA: Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Einige Leute haben mir erzählt, dass sie kurz vor ihrem Tod über den Club 27 sprach, dieser dummen Idee. Ich will das nicht zelebrieren und erwähne es nicht im Film, weil ich nicht will, dass Heranwachsende das sehen und meinen, es sei cool, jung zu sterben. Ich denke aber, es gab definitiv einen Punkt, an dem sie und Blake es genossen, außer Kontrolle zu sein und diesen Sid-und-Nancy-Punk-Lifestyle zu leben. Von außen mögen sie für manche Menschen cool gewirkt haben. In Wahrheit war Crack rauchen im Fünf-Sterne-Hotel nicht besonders glamourös. Es war einfach nur eine unglaubliche Verschwendung!

 

INTERVIEW: Noch eine letzte Frage: Sie haben sich so intensiv mit Amy beschäftigt. Wie würden Sie sie in drei Worten beschreiben?

KAPADIA: (überlegt sehr lange) Hmm, sie war ehrlich, sie war lustig. (sehr lange Pause) Ich würde gern die positiven Sachen betonen. (überlegt wieder) Und sie war kompliziert.

 

Amy“ läuft ab 16. Juli im Kino. 

 

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