"Isle of Dogs":
Ein Hundeleben

Japanische Zustände: Wes Andersons „Isle of Dogs“ eröffnet die Berlinale. Die Hunde sind putzig, die Menschen weniger.

© 2018 Twentieth Century Fox

Manch ein Hund führt ein besseres Leben als mancher Menschen. Nicht jedoch im neuen Film von Wes Anderson, Vierbeiner möchte man hier nicht sein. „Isle of Dogs“, Andersons zweiter Animefilm, spielt in Japan, in einer düsteren Metropole namens Megasaki City. Dort hat sich aus einigermaßen unerklärlichen Gründen ein allgemeiner Hass gegen Hunde eingeschlichen. Vielleicht liegt es daran, dass die japanische Kultur mit ihren Winkekatzen und Katzencafés prinzipiell eher über eine Neigung zur Katze verfügt, wenn es um mittelgroße Haustiere geht.

Auf Betreiben des sinistren Bürgermeisters Kobayashi (und des ihn umgebenden Zirkels von Hundegegnern) werden die Kläffer der Stadt auf einer Insel entsorgt, die als im Meer liegende Müllkippe fungiert. Dort fristen die früheren Schoßhunde, Sportmaskottchen und Familientiere ein, ach, wahres Hundeleben. Es gibt wenig zu beißen, der Himmel ist grau und außerdem haben alle Schnupfen. Man ist mit dem allgemeinen Überlebenskampf beschäftigt, als plötzlich ein Junge in einer Propellermaschine vom Himmel fällt. Es ist nicht der Kleine Prinz, sondern der zwölfjährige Atari, der seinen Hund Spots von der Todesinsel retten will.

Mithilfe eines ziemlich abgewirtschafteten Rudels (deren Mitglieder in der englischen Originalversion von Hollywoodstars wie Bill Murray, Edward Norton und Bryan Cranston gesprochen werden) beginnt Atari seine Odyssee über Müllgebirge und durch Industrieruinen. Natürlich erst, nachdem innerhalb der Hundegruppe mit Mehrheitsrecht darüber abgestimmt wurde, ob man den Gast lieber verspeisen sollte. Wie das Schicksal so will, ist Atari obendrein das Mündel von Bürgermeister Kobayashi, der am anderen Ufer umgehend die Propagandamaschine anwirft, um das Hundeproblem ein für alle mal aus der Welt zu schaffen. Dahinter glüht der Mount Fuji violett am Horizont.

Man muss kein Freund des Animefilms sein, um diesen Film zu mögen. Tatsächlich kann man ihn sogar mögen, wenn man Animefilms entschieden nicht mag. Schuld sind zum einen die tatsächlich sehr sympathischen und unschoßhundhaft niedlichen Hunde, die über mehr Mienenspiel verfügen als mancher Mensch. Die Menschen im Film fallen einem sowieso deutlich schneller auf die Nerven. Was im wahren Leben ja ähnlich ist.

Gedreht hat Wes Anderson erneut im extrem aufwändigen Stop-Motion-Verfahren. Die Szenen werden mit Puppen eingestellt, die für jedes neue Bild um Milimeterbruchteile bewegt werden. Besonders schön anzusehen ist das übrigens, wenn die Handlung abschweift, etwa in einem kulinarischen Intermezzo, das ausführlich die Herstellung einer vergifteten Bento-Box zeigt.

Generell hat der Ausstattungsnerd Anderson, der für Filme wie „The Royal Tenenbaums“ oder „Grand Budapest Hotel“ seltsame Welten aus buntem Interieur, Retro-Klamotten, exzentrischen Frisuren und exzentrischeren Charakteren bastelt, den Fimmel fürs ästhetische Detail auch in „Isle of Dogs“ beibehalten. Eigentlich soll sich das Geschehen zwar 20 Jahre in der Zukunft zutragen, doch Andersons Japan wirkt wie eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit – so hat man sich wahrscheinlich in den Vierzigern die Zukunft vorgestellt.

Darum sieht alles auf sehr altmodische Weise japanisch aus. Also ziemlich gut. Es gibt Kabuki-Theater und hin und wieder rollt eine Hokusai-Welle ins Bild. Die amerikanische Austauschstudentin (gesprochen von Greta Gerwig) trägt Matrosenanzug und das Haar wie Kinderstar Shirley Temple. Mit den grauen Uniformen, Massenversammlungen und autoritären Herrschern erinnert das Ganze obendrein an Japans quasi-faschistische Vergangenheit. Eine Totalitarismus-Fabel in bunter Verkleidung.



Bildmaterial: © 2018 Twentieth Century Fox

15.02.2018 | Kategorie Film | Tags , , , ,