Mit größter Enschlossenheit umkippen

In „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ spielt Joaquin Phoenix einen gelähmten Alkoholiker auf Entzug. Das ist lustiger, als es klingt.

© 2018 AMAZON CONTENT SERVICES LLC / Scott Patrick Green

Es gehört wohl zu den eher unerfreulichen Dingen im Leben, den Anonymen Alkoholikern beizutreten. Angenehmer kann es Ganze ausfallen, wenn die Gruppe, vor der man seine persönlichen Unzulänglichkeiten ausbreitet, so unterhaltsam ist wie bei Gus Van Sant. Im Stuhlkreis analysieren ihre Traumata: Kim Gordon (hier: wohlstandsgelangweilte Hausfrau, mag kein Tennis mehr spielen), Udo Kier (Kindheit im Schwarzwald) und Beth Ditto (Herzkrankheit, vermutlich metaphorischer Art). Den guruhaften Gruppenleiter gibt Jonah Hill. Als solcher ist er auch Millionenerbe und hat eine Vorliebe für Laotse und Discomusik. Es sind, man ahnt es schon, die späten Siebziger. Mittendrin in alledem sitzt John.

In „Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ erzählt Gus Van Sant die Geschichte eines Menschen voller Unzulänglichkeiten. John, den Joaquin Phoenix mit entschiedenem Mut zur Hässlichkeit spielt, ist Alkoholiker, querschnittsgelähmt und adoptiert, was seiner Meinung nach der Grund für seine Verlustängste im Speziellen und sein vermurkstes Leben im Allgemeinen ist. Trotzdem ist es eine Geschichte, die sich irgendwie zum Guten wendet – man würde sie für weit hergeholt halten, wenn sie nicht wahr wäre.

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Der John, um den es hier geht, ist der Comiczeichner John Callahan, der in den Achtzigern mit meist recht politisch unkorrekten Cartoons berühmt wurde. Zu Beginn des Films allerdings hat Callahan vor allem ein Interesse: Saufen. Wenn er aufwacht, hat er ungefähr eine Stunde Zeit, bis der Rausch von gestern Abend verschwunden ist und der Kater von heute Morgen einsetzt, weswegen Callahan schnellstmöglich aus dem Bett in die Schnapsabteilung des Supermarkts gelangen muss, um diese Katastrophe abzuwenden. Die erste Zigarette des Tages wird darum aus Zeitgründen unter der Dusche geraucht.

Weil draußen die Sonne scheint und der Strand nicht fern ist, scheint alles gar nicht so schlimm. Bis es dann richtig schlimm wird: John steigt vollberauscht zu einem Saufkumpanen ins Auto und schläft umgehend auf dem Beifahrersitz ein. Leider ergeht es dem Fahrer ebenso. Als Callahan in der Notaufnahme aufwacht, ist er gelähmt. Er bräuchte jetzt wirklich dringend einen Drink.

Regisseur Gus Van Sant hat mit „Good Will Hunting“ und „Milk“ Hollywood-Blockbuster gedreht und mit „My Own Private Idaho“ und „Paranoid Park“ Klassiker des Indie-Films. Meistens ging es dabei um gesellschaftliche Außenseiter: schwule Aktivisten, Skater, Stricher, Junkies. Mit „My Own Private Idaho“ machte er Joaquin Phoenix‘ Bruder River Phoenix und Keanu Reeves zu Teenager-Idolen.

„Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot“ erzählt ganz offensichtlich eine ähnliche Außenseitergeschichte, bloß geht es diesmal ein wenig gemächlicher zu: Die große Katastrophe ist schon passiert, für Callahan geht es darum, sein grundvermurkstes Leben irgendwie doch noch umzubiegen – Entzug, Gruppentherapie, Zeichnen, Rooney Mara als schwedische Physiotherapeutin. Trotzdem ist das meistens ziemlich lustig. Etwa, wenn Joaquin Phoenix mit versteinertem Gesichtsausdruck im Rollstuhl den Fußweg entlang rast und mit größter Enschlossenheit umkippt. Irgendwann schwant einem, dass der katastrophale Unfall, der sein Leben auf den Kopf gestellt hat, vielleicht das Beste ist, was ihm passieren konnte.