Berlin
Syndrome

Wenn das so weiter geht, sollte man den Sozialbau am Kottbusser Tor unter Denkmalschutz stellen. Als Filmkulisse kann es der Soziale Brennpunkt mittlerweile mit Gedächtniskirche und Fernsehturm aufnehmen. Das Publikum sieht die Arenaförmige Anlage und weiß: Aha, Berlin.

Max Riemelt und Teresa Palmer

Teresa Palmer spielt eine Rucksacktouristin aus Australien, die in die Deutsche Hauptstadt gekommen ist, um die Architektur der ehemaligen DDR zu studieren. Am Kottbusser Tor lernt sie bald einen freundlichen Deutschen kennen. Max Riemelt spielt den charmanten Lehrer. Er zeigt ihr die verborgenen Schätze der Stadt – unter anderem Schrebergärten – füttert sie mit Erdbeeren an und sperrt sie nach einer Liebesnacht in seiner Wohnung ein. Die stellt sich als schallisoliert und zudem ausbruchssicher heraus. Warum er die Australierin dort gefangen hält, bleibt lange unklar.

Die Gefangene und ihr psychotisch gestörter Wärter verletzen sich bis aufs Blut. Unter anderem kommt es zu einem berlinesken Revival der legendären Eispickelszene aus Basic Instinct. Aber, schließlich befinden wir uns mittlerweile im 21. Jahrhundert, Berlin Syndrome ist nicht mehr eine Metapher für die Furcht vor einer HIV-Infektion. Im Zeitalter der Gleichberechtigung von Frauen und Männern erscheinen beide, Gefangene und Einsperrer als gestört und durch die gemeinsame Leidenszeit voneinander abhängig geworden. Das darf nicht gut ausgehen, aber, soviel sei verraten: zu einem klassischen Showdown des Genres Revenge Porn kommt es auch wieder nicht.

Dementsprechend tumulthaft endete die Vorführung auf der Berlinale: eine selbsterklärte Feministin aus dem Publikum – selbst wie aus einem historischen Film gekleidet mit Nietenhalsband und hennagefärbtem Haar – bezog die Spielhandlung auf das potentielle Schicksal alleinreisender Frauen weltweit. Ein Eindruck, dem die australische Regisseurin Cate Shortland nicht widersprechen wollte. Für sie besteht der Reiz des Stoffes in einer Parabel auf totalitäre Regime. Beispielsweise halt auch jenem der DDR.

Interessant für Berliner war die Information im Abspann des Psychothrillers, dass Teile des Filmes in Australien gedreht wurden. Man konnte es sich auch mit viel Phantasie nicht ausmalen, welche. Es sei denn, es handelte sich dabei um das leerstehende Haus, in dem ein Großteil der Handlung spielt. Denn die werden ja in Berlin tatsächlich knapp. Die Romanvorlage von Melanie Joosten wurde bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Von: Joachim Bessing