Gemetzel zu Tisch

Just ist Richard Gere in Berlin, um seinen Film „The Dinner“ vorzustellen: einen Thriller in appetitlicher Luxuskulisse. Die Berlinale-Review

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Die wenigsten Menschen muss man überreden, sich in edle Restaurants ausführen zu lassen, so lange sie nicht bezahlen müssen. Champagner zu Kleinwagenpreisen, Pariser Rübe an Basilikumschaum, so was. Doch Paul, Typ zynischer Intellektueller mit obsessivem Interesse an der Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs, ziert sich, als würde er selbst zur Schlachtbank geführt. Zumindest seine Frau Claire ist entzückt. Eingeladen zum Dinner, so der Name von Oren Movermans Film, hat Pauls älterer Bruder Stan. Und schnell wird klar, dass der hier zu Grunde liegende Problemfall nicht nur kulinarischer Natur ist.

Das Essen in spiegelglatter Luxuskulisse erweist sich als Doppeldate der eher nervenaufreibenden Art. Stan, von Richard Gere mit solch weltläufiger Souveränität ausgestattet, dass man ihm glatt das amerikanische Präsidentenamt anbieten möchte, steht mitten im Wahlkampf und steuert mit Hochgeschwindigkeit auf das Gouverneursamt zu. Seine Frau Katelyn ist jung, hübsch, und trägt trotz schummeriger Lichtverhältnisse Designersonnenbrille, damit man die verheulten Augen nicht sieht. Bei Tisch gibt es nämlich eine heikle Angelegenheit zu bereden: Die pubertierenden Söhne der beiden Paare haben im Suff ein Verbrechen begangen, das bald der ganzen Familie um die Ohren fliegen könnte. Auf Youtube ist es jedenfalls schon.

Eigentlich sollte The Dinner Cate Blanchetts Regiedebüt werden. Doch Blanchett überlegte es sich anders, weswegen Oren Moverman übernahm, der das Drehbuch zum Film geschrieben hatte. Das beruht wiederum auf Hermann Kochs gleichnamigen Beststeller-Roman, der 2009 veröffentlicht und seitdem bereits zweimal verfilmt wurde (einmal in den Niederlanden und einmal in Italien). Doch Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn es nicht auch noch seine eigene Version drehen würde. Und hier muss man sagen: zu Recht.

The Dinner ist perfektes Kino (und das ist ganz und gar positiv gemeint). Atmosphärisch irgendwo zwischen Gott des Gemetzels und House of Cards verhandelt der Film Themen, an denen Amerika gerade laboriert: die Frage etwa, ob man Verantwortung übernimmt oder sich selbst der Nächste ist, Klassenunterschiede, Rassismus, wohlstandsverrohte Teenager. Und sieht dabei auch noch ziemlich gut aus.



Von: Frauke Fentloh