Berlinale 2016
So war Tag 4!

Auch am vierten Tag waren wir auf der Berlinale unterwegs – Fazit: schwierige Familiengeschichten allerorten. Und: Wenn man einmal „In Bed With Madonna“ war, hat das ein Nachspiel. Hier sind die Reviews des Tages!

Little Men | Junge Männer Generation USA 2016 REGIE: Ira Sachs Michael Barbieri, Theo Taplitz

Auf der Berlinale ging es dieser Tage familiär zu, zum Beispiel in Ira Sachs‘ Little Men: Es ist Sommer in Brooklyn, als Theo (Jake Jardin) mit seinen Eltern, einer ambitionierten Psychologin und einem mittelmäßig erfolglosem Schauspieler, in das Haus des verstorbenen Großvaters zieht. Hier lernt er Jake (Michael Barbieri) kennen, dessen Mutter das Ladenlokal im Haus angemietet hat. Zwischen Theo und Jake entsteht eine Teenagerfreundschaft par excellence – mit langen Nachmittagen im Park und vor der Spielekonsole, mit eingesteckten Ohrfeigen, ersten Flirtereien und langen Gesprächen, in denen beide von einer Zukunft als Schauspieler und Künstler träumen. Überschattet wird das jugendliche Idyll lediglich von den zunehmenden Spannungen zwischen Jakes Eltern und Theos Mutter, die sich über die steigenden Mietpreise zerstreiten, was beide Seiten final vor eine ökonomische oder moralische Entscheidung stellt.

Little Men ist ein netter Unterhaltungsfilm, der von zwei überaus authentischen Jungschauspielern lebt, denen die erwachsenen Darsteller allerdings nicht so richtig das Wasser reichen könnte. Während Jakes Vater (Greg Kinnear) eher unter der Loser-Mentalität seiner Rolle leidet, tritt Jennifer Ehle – in der Rolle der Mutter – vor allem wegen ihrer überzeichneten Performance und dem nervtötendem Dauergrinsen in den Hintergrund.

24 Wochen | REGIE: Anne Zohra Berrached, MIT: Julia Jentsch

Komplizierte Familiengeschichten, die Zweite. Bei Astrid (Julia Jentsch) läuft es richtig gut. Sie ist erfolgreiche Kabarettistin und liebevolle Mutter, mit ihrem Lebensgefährten und Manager Markus (Bjarne Mädel) liegt sie beruflich wie auch privat auf Augenhöhe. Tochter Nele ist neun und Astrid erneut schwanger; die Eltern sind euphorisch – bis ihnen die erste Diagnose eine andere Realität vor Augen führt: Ihr Kind hat Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom. Nach ersten Diskussionen entscheiden sich die Eltern für eine Geburt, sind bemüht den heranwachsenden Sohn mit ungetrübter Vorfreude zu erwarten. Dann erschweren Komplikationen den Schwangerschaftsverlauf und stellen erneut alles in Frage.

Ruhig und konstant begleitet die Kamera von Regisseurin Anne Zohra Berrached die wachsende Sorge der Mutter, die Gespräche mit Ärzten, die Konflikte innerhalb der Beziehung und vor allem: den Kampf mit dem eigenen Gewissen. „Geht das überhaupt, ein Schwangerschaftsabbruch in der 24. Woche?“ fragt sich auch der Zuschauer, dem in diesen 102 Minuten einiges abverlangt wird. Dezidiert begleitet er die Eltern auf langwierige Arztbesuche, durchlebt mit ihnen Freude, Leid, Verzweiflung. Was sich anfänglich als filmische Länge in ärztlichem Fachjargon und zwischenmenschlichen Konflikten anlässt, entpuppt sich als Auftakt eines emotionalen Klimax, der sich gewaschen hat.

Julia Jentsch spielt großartig überzeugend, Bjarne Mädel tritt authentisch hinter seiner Frau, aber auch hinter seinem schauspielerischem Gegenüber zurück. Ein Film, der wie wenige Beiträge des Wettbewerbs das reale Leben berührt, es aber so authentisch spiegelt, dass er zuweilen nur schwer zu ertragen ist.

Strike a Pose © Lisa Guarnieri

Auch der Dokumentarfilm Strike A Pose ist in gewisser Weise eine Familiengeschichte – wenn auch nicht im ganz herkömmlichen Sinn. Darum geht’s: Als Madonna 1990 ihre Blonde-Ambition-Tour antritt, ist das ein großes Skandal-Projekt mit Spitztüten-BH und Masturbationssimulation, aufgeführt von New York bis Madrid. Anschließend bringt sie In Bed With Madonna heraus, einen Dokumentarfilm, der das Tourleben zeigt (etwa, wie die Pop-Queen in Montreal fast verhaftet wird oder backstage ihren damaligen Freund Warren Beatty abkanzelt) und zu einer der erfolgreichsten Dokus aller Zeiten wird. Die heimlichen Stars des Films aber sind Madonnas Background-Tänzer, die kaum zwanzig sind, subkulturell versiert und mehr oder weniger offen schwul. Was die Doku für Teenager auf der ganzen Welt zu einer Art Erweckungserlebnis macht und den Tänzern bis heute Dankesbriefe ins Haus flattern lässt.

Doch anders als In Bed With Madonna vermuten lässt (in dem die Sängerin ihre Schützlinge gerne als ihre Kinder bezeichnet), ging es hinter den Kulissen nicht immer fröhlich zu. Denn nicht alle wollten sich tatsächlich vor der Kamera outen, andere zerbrachen fast am Wissen, sich mit HIV infiziert zu haben. Einige Tänzer zogen gegen Madonna vor Gericht. Diese Geschichten erzählt Strike A Pose, sozusagen der Dokumentarfilm zum Dokumentarfilm. Für den haben die holländischen Regisseure Ester Gould und Reijer Zwaan 25 Jahre nach Blonde Ambition die Männer getroffen, die Madonna das Voguen beibrachten, aber nie mehr an den frühen Ruhm im Windschatten des Superstars anknüpfen konnten. Ein guter und sehenswerter Film, der gegen Ende noch ein wenig am Kitsch schrammt.



Von: Anneli Botz und Frauke Fentloh