BERLINALE 2016
Von Sekten und Superkäften

Regisseur Jeff Nichols veranschaulicht  in seinem Wettbewerbsfilm Midnight Special, wie gefährlich Superkräfte werden können.

Berlinale / PR

Superkräfte sind ebenso praktisch wie gefährlich. Sie setzen Elektrogeräte außer Kraft, lassen Schlafzimmer einstürzen oder Satelliten vom Himmel fallen. Außerdem holt man sich mit ihnen nicht nur texanische Sekten, sondern auch noch FBI und NSA ins Haus – ein Dilemma, das Regisseur Jeff Nichols in seinem Wettbewerbsfilm Midnight Specialveranschaulicht. Das ist mit dem tollen Michael Shannon und Kirsten Dunst starmäßig besetzt, und Girls-Schauspieler Adam Driver ist freundlicher NSA-Mann auch mit dabei und scheint von seiner fiktiven Arbeitgeberin den Auftrag erhalten zu haben, deren ramponiertes Image ein wenig aufzupolieren

Das Problem mit den Superkräften hat allerdings der achtjährige Alton, gespielt von Jaeden Lieberher, dem immer mal wieder zerstörerische Lichtstrahlen aus den Augen scheinen, weswegen er vorsichtshalber eine Taucherbrille trägt. Alton kann außerdem Daten aus verschlüsselten Geheimdienstsatelliten auslesen, in Zungen sprechen und andere einigermaßen unbegreifliche Dinge tun. Deswegen hat ihn eine fundamentalistisch christliche Sekte zum Messias erkoren und ihrem Sektenführer als neuen Sohn überantwortet. Weil Altons richtiger Vater (Shannon) das nicht so gut findet, begibt er sich mit seinem Sohn auf die Flucht, sammelt auf dem Weg noch Altons Mutter ein (Dunst), als Freund der Familie ist Joel Edgerton als Lucas auch mit dabei. Das ergibt ein sehr spannendes und ziemlich gutes Scifi-Roadmovie, in dem es natürlich auch wieder irgendwie um amerikanische Paranoia geht. Vielleicht geht es aber auch um den Abschied zweier trauender Eltern von ihrem kranken Sohn und das alles ist nur eine Metapher. Alles ist möglich. Den Showdown im Kornfeld hätte man dann aber doch ein wenig subtiler gestalten können.

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Auch nicht sonderlich subtil sind Terry Monroe und Bob Bolano, zwei Polizisten, die man nicht konsultieren möchte, wenn es brenzlig wird. Sie fahren schlecht und betrunken Auto, koksen im Dienst und sind korrupt bis von New Mexico (ihr Einsatzgebiet) bis Island (wohin es sie tatsächlich verschlägt). Deswegen sind sie auch nur eine Suspendierung vom Rausschmiss aus dem Polizeidienst entfernt, was sie aber nicht davon abhält, sich in die Vorbereitungen zu einem Raubüberfall einzuschalten, dessen Beute sie selbst einstecken wollen.

Es ist kaum zu überblicken, was John Michael McDonaghs in dem Panoramabeitrag War On Everyone alles an Referenzen verwertet. Er packt Buddy-Movie, Cop-Movie und Tarantino zusammen und garniert das das Ganze mit Minderheitendiskriminierungen jeglicher Art, Glen Campbell, The Clash, Bildungsfernsehen und Retro-Autos. Das ergibt eine abstruse und sehr unterhaltsame Mischung aus Trash und Intellekt, bei der man fast vergisst, dass es eigentlich keinen richtigen Handlungsfaden gibt. Macht aber auch nichts. Man schaut sich auch so gerne an, wie Schwedens Hollywood-Export Alexander Skarsgård im dreiteiligen Maßanzug und einem Bier in der Hand durch die Wüstenstadt Albuquerque stiefelt (die übrigens deutlich freundlicher aussieht als in Breaking Bad) und Michael Peña sich mit seinem fettleibigen Sohn um die X-Box streitet oder mit seiner Frau über Simone De Beauvoir und philosophische Aphorismen. Kann man machen.
Wie man es eher nicht macht, zeigen Sérgio Andrade und Fábio Baldo in dem Panoramabeitrag Antes O Tempo Náo Acabava, was übersetzt so viel wie Time Was Endless heißt, und damit das Gefühl, das man als Zuschauer hat, exakt beschreibt. Ein junger Indio in Brasilien zwischen Tradition und Moderne, Männern und Frauen, dies und das. Nicht viel handlungsreicher geht es in Doris Doerries neuem Werk Grüße aus Fukushima (Panorama) zu. Ein deutsche Gauklerin fährt nach Tokio, wo sie sich mit einem anderen Gaukler trifft, um dann den Leuten in Fukushima gemeinsam etwas vorzugaukeln.

Den besseren deutschen Film gibt es während der Berlinale wie üblich in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Nachdem die Regisseurin Janna Ji Wonders den von Glashütte Original gestifteten Perspektive Förderpreis „Made in Germany“ erhielt, wurde die Sektion am Freitagabend mit dem Film Meteorstraße von Aline Fischer eröffnet. Sie erzählt darin von zwei jungen Männern aus dem Libanon, die ohne ihre Eltern, die man abgeschoben hat, in Berlin leben und versuchen auf jeweils ihre Weise mit der Situation klarzukommen. Viel Handkamera, viel Verzweiflung, viel Schweigen, viel Geschrei, viel Hilflosigkeit, zwei tote Hunde, kaum Auswege Richtung Glück, ein sehr guter Debütfilm.

Von: Frauke Fentloh und Harald Peters