BERLINALE Tag 5
Liebe im Sex-Club, Liebe unter Akademikern

Nicht gerade romantisch, aber: Der fünfte Tag der Berlinale handelt von der Liebe. Von der Liebe in Pariser Sex-Clubs, zwischen New Yorker Akademikern und von der zu einem verstorbenen Sohn.

Jon Pack © Hall Monitor, Inc

Maggie braucht keinen Mann (zumindest hat sie keine große Hoffnung, bald ein brauchbares Exemplar zu finden), aber ein Kind. Die Samenspende eines College-Bekannten, der es inzwischen zum erfolgreichen Gurken-Entrepreneur geschafft hat, soll es richten. Doch dann, und das ist wohl die Quintessenz von Rebecca Millers Maggies Plan, geschieht mit Maggies Plänen das, was mit Plänen oft geschieht: Sie gehen nicht auf. Denn einen falsch zugestellten Scheck später hat Maggie sich plötzlich doch einen Mann angelacht, der sich auch noch als echtes Projekt erweist. John unterrichtet wie sie an der New Yorker New School, will aber eigentlich Romanautor sein, woran ihn die sehr anstrengende Ehe mit seiner Frau Georgette hindert, die sich als eine Art akademische Domina geriert. Ihm bleibt einfach keine Zeit für die Muse, während er seiner wissenschaftlich erfolgreicheren Frau zu Hause den Rücken freihält. Darum lässt sich John nur allzu gern von Maggie aus seiner Ehe retten. Und schon sind die beiden verheiratet und haben eine Tochter.

Wenn das nicht alles so schnell gegangen wäre, könnte man meinen, hier sei schon Schluss mit der Großstadtromanze. Doch langsam dämmert es Maggie, dass das mit John vielleicht alles eine Schnapsidee war und ihre Lebenspläne mal wieder reif für eine Revision sein könnten. Was wäre da passender, als den Ehemann mit seiner Ex zu verkuppeln – zurück an den Absender, sozusagen? Dieser Film will einem das Adjektiv großstadtneurotisch geradezu aufdrängen. Greta Gerwig spielt mal wieder eine nette und etwas unbedarfte New Yorkerin, aber mit mehr Überlebensfähigkeiten als ihr Alter Ego Frances Ha. Ethan Hawke geht einem mit seiner kreativen Bequemlichkeit konsequent auf die Nerven und Julianne Moore ist sehr lustig als komplett humorlose Power-Akademikerin. Komisch nur, dass deren Eisigkeit demonstrativ damit begründet wird, dass sie Dänin ist. Da fragt man sich doch, warum Moores Akzent irgendwie gar nicht dänisch klingt.

Maxence Germain © Ecce Films

Womit wir zu einer anderen dringenden Frage kommen: Wie lang sollte eine lange Sexszene sein? Der französische Panoramabeitrag Théo et Hugo dans le même bateau von Olivier Ducastel und Jacques Martineau gibt darauf zwar keine letztgültige Antwort, geht aber mit 20 Minuten ins Rennen. Die finden gleich zu Beginn des Films im Keller eines Pariser Sexclubs statt, wo sich Théo und Hugo kennenlernen, während sie jeweils mit anderen Männern Sex haben. Trotz betrüblicher Lichtverhältnisse schauen sie sich dabei derart tief in die Augen, wobei solch eine Energie entsteht, dass die beiden anderen Männer freiwillig das Feld räumen und Théo und Hugo endlich miteinander Sex haben können – was beide Seiten als so intensiv empfinden, dass es nur den Schluss zulässt, dass sie mindestens füreinander bestimmt sind: Liebe auf den ersten Fick. Dummerweise stellt sich anschließend heraus, dass Théo im Eifer des Gefechts vergessen hat, ein Kondom zu benutzen, was insofern ungünstig ist, als dass Hugo positiv ist. Steht die junge Liebe dadurch vor dem Aus? Die Regisseure begleiten ihre beiden Helden bis zum Morgengrauen durch das nächtliche Paris, gehen mit ihnen ins Krankenhaus, in den Imbiss, fahren mit ihnen Metro, bis Théo und Hugo beschließen, für zwanzig 20 Jahre zusammenzubleiben, um sich dann zu trennen, weil das ja alle so machen. Schöner Film.

Marcel Hartmann © X Filme Creative Pool

Weniger gelungen ist dagegen Vincent Perez‘ Fallada-Verfilmung Alone in Berlin. Im Jahr 1940 erreicht das Ehepaar Quandt von der Front die Nachricht vom Tod des einzigen Sohnes. Nach anfänglicher Verzweiflung und Trauer beginnt sich in Vater Otto Quandt (Brendan Gleeson) die Wut zu regen. Sie richtet sich gezielt gegen das NS-Regime, gegen die propagandistische Bevölkerungsmanipulation, gegen Adolf Hitler. Im Stillen schwört er Widerstand und macht sich gemeinsam mit seiner Frau (Emma Thompson) daran, Postkarten mit regimekritischen Nachrichten der Freien Presse zu beschriften und in ganz Berlin zu verteilen. In kürzester Zeit sind ihnen Gestapo und SS auf den Fersen.

Alone in Berlin basiert auf einer wahren Geschichte und berührt deswegen. Otto und Elise Hampel verteilten tatsächlich zwischen 1940-43 über 200 Postkarten in Berlin – ihr persönlicher Aufruf zur Kritik am Nationalsozialismus. Ein Geschichte von ehrenwertem Widerstand, die bei Perez den Sprung auf die Leinwand leider nur teilweise schafft. Seinem Film mangelt es an Tiefe, die Ausarbeitung der Charaktere bleibt oberflächlich, das Stadtbild wirkt eintönig und grau. Fast drängt sich der Eindruck auf, neunzig Prozent der Handlung würden in nur einer Straße stattfinden – und diese erinnert stark an Babelsberger Kulisse. Da kann auch die Besetzung wenig retten, selbst wenn Daniel Brühl überzeugend den Gestapo-Kommissar mimt und Emma Thompson sich größte Mühe gibt, nicht englisch, aber doch englisch, aber irgendwie deutsch zu sprechen.



Von: Frauke Fentloh, Harald Peters und Anneli Botz

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