Marseille, die Vorhölle

Christian Petzolds toller Film „Transit“ macht Anna Seghers‘ Exilgeschichte modern. Die Kulisse: die Wohnsilos und Hafenstraßen von Marseille.

© Schramm Film / Marco Krüger

Christian Petzolds neuer Film ist eine einzige Durchgangszimmersituation. Unermüdlich werden Koffer ein- und wieder ausgepackt, praktisch jedes der vielen Autos oder Schiffe, die es zu besteigen gilt, wird vorzeitig wieder verlassen. Immer hat es sich der Reisende anders überlegt, immer müssen in letzter Sekunde noch Papiere, Fußbälle oder Liebesschwüre ausgetauscht werden. Marseille, der Ort des Geschehens, ist eine Vorhölle – hier kann man nicht bleiben, aber man kann auch nicht weg.

Für „Transit“, den überhaupt ersten starken Beitrag im Berlinale-Wettbewerb, hat Petzold, wie schon für „Barbara“ oder „Phoenix“, Vergangenheit verfilmt, nur ganz anders. Vorlage war Anna Seghers‘ gleichnamiger Roman einer Flucht vor den Nazis: über Paris, nach Marseille. Und von dort, wo die Geflüchteten in überteuerten Pensionen hocken und allmorgendlich in die Konsulate marschieren, um, hoffentlich, irgendwann ein Visum zu ergattern, nach Übersee. Nur dass bei Petzold eigentlich nichts nach Vergangenheit aussieht. Es gibt praktisch keine historische Ausstaffierung, keine Filzhüte, keine dunklen Kopfsteinpflastergassen.

© Schramm Film / Marco Krüger

Alles sieht so aus, wie es in Marseille oder Paris eben heute aussieht: Nissans auf der Straße, Wohnblöcke am Hafen. Wird eine Razzia durchgeführt, stampfen die Polizisten in hochmoderner Riot-Gear durchs Hotel. Hier und da schleicht sich ein historischer Pass ins Bild, gelegentlich sieht eine Klamotte in die Jahre gekommen aus, was in Zeiten von Vintage-Mode und ewigem Retro-Recycling aber ja auch nichts mehr zu bedeuten hat. Es ist das Beste, was dem Film passieren konnte. Es entsteht eine erst irgendwie seltsame, dann faszinierende Mischung: Die deutschen Flüchtlinge sind auf der Flucht vor Nazis und Vichy-Soldaten, während Rucksacktouristen durch die Straßen ziehen und Kreuzfahrtschiffe durch den Hafen schieben. Dazu spricht ein Erzähler Passagen aus dem Seghers-Buch, was ebenfalls klingen mag, als würde es nicht passen, aber ganz wunderbar passt. Entwickelt hat Petzold das noch mit Harun Farocki.

Worum aber geht es eigentlich?

© Schramm Film / Marco Krüger

Franz Rogowski spielt Georg, der mit seinem sterbenden Freund in einem hochmodernen Containerzug nach Marseille entkommt, in der Tasche Briefe und ein Manuskript des Schriftstellers Weidel (ebenfalls tot). Eigentlich eher zufällig nimmt Georg im Süden Weidels Existenz an. Mit dem Visum des Schriftstellers will er nach Mexiko. Während er auf die Schiffspassage wartet, läuft ihm zwischen Flüchtlingspension und Pizzeria immer wieder eine junge Frau über den Weg (gespielt von Paula Beer, die wirklich sehr, sehr viele Straßen rauf und runter rennen muss).

Es kommt wie es kommen muss: Die beiden lernen sich kennen, Marie ist Weidels Frau. Die hatte den Schriftsteller verlassen (woraufhin er sich das Leben nahm, was sie nicht weiß), es dann aber gleich wieder bereut. Nun hat sie gehört, dass Weidel in Marseille ist. Aber egal, wohin sie kommt, immer hat sie ihn gerade verpasst, immer ist er gerade noch da gewesen. Sie liebäugelt mit Georg, will aber mit dem Arzt Richard in See stechen, dann doch wieder nicht. Denn eigentlich wartet sie immer noch auf Weidel. Es ist: kompliziert. Aber wunderschön.

© Schramm Film / Marco Krüger