„Mir wurden keine Popcorn-Filme angeboten“

Anfang der Neunziger nahm Chloë Sevigny am Wochenende den Zug nach New York, um den Skatern vom Washington Square Park zuzuschauen. Der Rest ist Geschichte

© Brigitte Lacombe

Mit Stil und nonchalanter Lässigkeit wurde Sevigny zum It-Girl des East Village. Sie trug Skaterhosen und Cord-Overalls und, es waren die Neunziger, die kürzesten Minikleider zu Gummisandalen. Selten kosteten ihre Outfits mehr als 10 Dollar. Das Magazin „Sassy“ machte sie zur Praktikantin, dann zum Coverstar, was Kim Gordon dazu verleitete, die damals raspelkurz frisierte Sevigny für das Sonic-Youth-Video „Sugar Kane“ zu engagieren. Während sie mit Larry Clark den Film „Kids“ drehte, widmete der „New Yorker“ Sevigny 1994 jenen folgenschweren Artikel, der sie zum coolsten Mädchen der Erde erklärte.

Doch im Gegensatz zu anderen Downtown-Idolen der Neunziger, die im Drogenrausch verglühten oder in der Bedeutungslosigkeit verschwanden, vollzog Sevigny einen schockierenden Schritt: Sie blieb. Ihre Filmkarriere handhabte sie mit der gleichen Selektivität wie ihre Garderobe. Sevigny drehte mit vielen der wichtigsten Regisseure der Gegenwart (Lars von Trier, Woody Allen, Werner Herzog), ohne je eine richtig große Hauptrolle zu übernehmen. Für ihre Darstellung eines White-Trash-Teenagers in „Boys Don’t Cry“ erhielt sie eine Oscar-Nominierung. Weil das New Yorker East Village inzwischen signifikant mehr Saftbars als Subkultur beherbergt, zog Sevigny schweren Herzens nach Brooklyn.

Dieses Jahr wird sie in einem halben Dutzend Filmen zu sehen sein, unter anderem spielt sie in „Snowman“ neben Michael Fassbender und in „Lizzie“ mit Kristen Stewart. Nebenbei hat Sevigny begonnen, hinter der Kamera zu arbeiten. Ihr Regiedebüt, der Kurzfilm „Kitty“, feierte in Cannes Premiere. Ihr zweiter Film „Carmen“, in dem sie die Stand-up-Comedian Carmen Lynch im neonausgeleuchteten Portland porträtiert, ist Teil der Miu-Miu-Serie „Women’s Tales“, für die schon Miranda July oder Ava DuVernay Filme beisteuerten. Auch wenn ihre modischen Entscheidungen noch immer mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt, fotografiert und kopiert werden: Mit 42 ist Chloë Sevigny kein It-Girl mehr.



INTERVIEW: Frau Sevigny, es gibt ein Bild von Ihnen und Kate Moss aus dem Jahr 1995, das Sie beide im BH-Top hinter den Kulissen einer Miu-Miu-Show zeigt. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie dieses Foto sehen?

CHLOË SEVIGNY: Ach, das Bild verkörpert vieles für mich, ich liebe es sehr. Es sieht wirklich ulkig aus, wie ich mich an mein Champagnerglas klammere, während Kate ganz Herrin der Lage ist und sexy posiert. Man sieht sofort, wie unwohl ich mich fühlte.

INTERVIEW: Ach, finden Sie?

SEVIGNY: Das sehe ich zumindest. Kate ist total selbstbewusst, ah! Und ich mehr so: Iik! Ich war ja kein Model, ich war ein Street-Kid. Und plötzlich sollte ich hinter Kate Moss über den Laufsteg schreiten. Es steht mir praktisch ins Gesicht geschrieben, dass ich denke: „Wie bin ich hier gelandet?“ Ich finde das Bild sehr charmant.

INTERVIEW: Wie hatten Sie das geschafft? Sie hatten gerade die Hauptrolle in „Kids“ gespielt und waren in New Yorks Downtown-Szene bekannt, aber nicht jede junge Schauspielerin ziert gleich die Kampagnen von Miuccia Prada.

SEVIGNY: Ich war damals auf dem Cover vom Interview Magazine. Und Ingrid Sischy, die Chefredakteurin, war sehr gut mit Miuccia Prada befreundet. Miuccia unterstützt oft junge Schauspielerinnen, und ich glaube, das begann damals mit Drew Barrymore und mir. Ich war gerade 18 oder 19, und das hat meiner Karriere wirklich auf die Sprünge geholfen. Ich stehe also tief in Miuccias Schuld.

INTERVIEW: Weswegen Sie nun einen Kurzfilm für Miu Miu gedreht haben: Er handelt von einer jungen Frau namens Carmen, die als Stand-up-Comedian in Bars auftritt, die mit Slogans wie „Ladies Night, 2 Dollars a Shot“ werben …

SEVIGNY: Eigentlich wollte ich den Film „Ladies Night“ nennen, aber das wäre vielleicht doch ein bisschen zu naheliegend gewesen. Außerdem gab es schon einen spanischen Film mit dem Namen. Ich wollte die Geschichte einer Künstlerin auf Tour erzählen. Als ich Carmen Lynch das erste Mal traf, saß sie auch gerade nach einem Auftritt allein an der Bar: Auf der anderen Seite des Tresens standen die Kellnerinnen, ein paar Hocker weiter saßen die männlichen Comedians zusammen. Ich bin ja selbst oft allein in fremden Städten, wenn ich arbeite. Da plagt man sich natürlich mit einer gewissen Einsamkeit herum.

Chloë Sevigny: “Auf dem Bildschirm älter zu werden ist schwierig. Es ist einigermaßen herausfordernd, sich im Großformat zu betrachten und keine Existenzkrise zu bekommen”
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INTERVIEW: Was tun Sie, wenn Sie nicht allein an der Bar sitzen wollen?

SEVIGNY: Ich kaufe in Vintageläden ein, meiner Meinung nach der beste Weg, eine Stadt zu entdecken. Ich finde heraus, wo es die Secondhandshops gibt, und treibe mich in der Nachbarschaft herum. Dann trifft man jemanden, den man nach weiteren Läden fragen kann und so weiter. Das ist mein Rezept. Irgendwie geht es dabei natürlich auch darum, die Leere durchs Einkaufen zu füllen. Ohnehin ist Vintage-Shopping meine große Sucht. Ich habe ein echtes Problem damit (lacht).

INTERVIEW: Shoppen ist Ihre Therapie?

SEVIGNY: Nun, zumindest sind es nur Secondhandkleider. Und später verkaufe oder verschenke ich sie oft. Es geht mehr um den Nervenkitzel der Jagd.

INTERVIEW: Fällt es Ihnen leicht, sich von Dingen zu trennen? Ihr Kleiderschrank muss sehr voll sein.

SEVIGNY: Ich habe tatsächlich eine Art Kleiderarchiv in Connecticut, ein Lager, in dem ich meine Kleidungsstücke alphabetisch sortiere. Da bin ich wohl etwas neurotisch. Ich behalte zum Beispiel alle Kleider, in denen ich fotografiert wurde, außerdem Stücke von wichtigen Designern oder aus wichtigen Kollektionen. Kürzlich habe ich allerdings das Bedürfnis entwickelt, auch Vintagestücke einzulagern, wunderbare Kleider aus den 30er- oder 40er-Jahren oder aus noch früheren Zeiten. Denn das sind Teile, die man immer weniger findet. Es fällt mir also wirklich, wirklich schwer, mich von Dingen zu trennen. Ich versuche gerade herauszufinden, was ich dagegen tun kann.

INTERVIEW: Sie galten seit jeher als Königin des Indie-Films. Wieso haben Sie den Schritt nach Hollywood gescheut?

SEVIGNY: Mir wurden ja nie wirklich viele Popcornfilme angeboten! Das ist ein großes Missverständnis. Andererseits habe ich mich auch immer eher als arbeitende Schauspielerin verstanden. Ich mag Ensemble-Filme, da gibt es weniger Druck. Wenn man erst mal Starstatus hat, ist es schwierig, den aufrechtzuerhalten. Da bin ich lieber eine Schauspielerin als ein Filmstar.

INTERVIEW: Das hat ja auch den Vorteil, dass Sie nicht beim Shoppen erkannt werden.

SEVIGNY: Nun ja, gelegentlich werden ein paar Leute ein wenig aufgeregt. Aber die jüngere Generation weiß sowieso nicht, wer ich bin. Die kennen ja die ganze Neunziger-Geschichte nicht. Jetzt kommen die Kids rüber und sagen: „Oh, waren Sie nicht die Mutter in ,American Horror Story‘?“ Und ich: „Äh, ja, ich denke schon. Ich war die Mutter, stimmt.“ Da findet sozusagen ein Wachwechsel statt.

INTERVIEW: Nervt Sie das Älterwerden?

SEVIGNY: Man kommt ja nicht umhin festzustellen, dass sich der Körper verändert. Da passieren Dinge, die man nicht rückgängig machen kann. Erschreckend. Auch einer der Gründe, warum ich das Regieführen erkunde: Auf dem Bildschirm älter zu werden ist sehr schwierig. Es ist einigermaßen herausfordernd, sich im Großformat zu betrachten und keine Existenzkrise zu bekommen. Eigentlich wollte ich das aber schon tun, seit ich in meinen Zwanzigern war – ursprünglich, um einen Jungen zu beeindrucken. Irgendwie peinlich, das zu sagen, aber es stimmt.

© Brigitte Lacombe

INTERVIEW: Mit dem ersten eigenen Film hat es dann aber doch noch ein paar Jahre gedauert.

SEVIGNY: Richtig. „Kitty“ zu drehen fiel mir dann recht leicht, vielleicht auch weil ich mich innerlich schon recht lange darauf vorbereitet hatte. Es war eine Geschichte, die ich einfach aus mir herausbekommen musste, eine Geschichte, von der ich besessen war. Anschließend hatte ich all diesen 35-Millimeter-Film übrig und dachte mir: „Jetzt muss ich damit noch etwas anderes drehen.“

INTERVIEW:Sie haben mit Filmgrößen wie Lars von Trier, David Fincher oder Werner Herzog gearbeitet, sagten aber kürzlich, dass Sie nun lieber mit Frauen arbeiten. Was haben diese Herren getan, um Sie zu verschrecken?

SEVIGNY:Ich dachte dabei eher an weibliche Produzenten und Frauen in anderen Machtpositionen im Filmgeschäft. Ich finde es einfacher, mit ihnen zu kommunizieren, weil ich weniger darauf achten muss, was ich sage. Es ist auch leichter, emotional zu sein, weil Frauen da verständnisvoller sind. Und ich finde Emotionen sehr nützlich, wenn man Kunst macht. Männliche Regisseure hingegen – die drei, die Sie erwähnten – haben alle einen gewissen Ruf. Sie sind tolle Regisseure, aber auch sehr besondere, etwas rauere Zeitgenossen. Wobei ich das Glück hatte, sie alle unversehrt zu umschiffen.

INTERVIEW: Werden Sie als Frau im Regiestuhl anders behandelt als Ihre männlichen Kollegen?

SEVIGNY: Sehr anders, 100-prozentig. Von der Crew, den Schauspielern, allen. Männer sind es einfach nicht gewohnt, Frauen in Machtpositionen zu sehen. Es kann recht schockierend für sie sein. /



Von: Frauke Fentloh