Erfolgsanalyse:
Warum Toni Erdmann?

In Cannes umjubelt, sogar für den Oscar in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ nominiert – Maren Ades Toni Erdmann war einer der großen Leinwanderfolge des vergangenen Jahres. Aber wieso eigentlich? Eine Analyse von Thomas Beranek.

Fast drei Stunden Laufzeit, kaum bekannte Schauspieler, keine Bestsellervorlage oder Adaption eines bereits bewährten Stoffes: eine Low-Budget-Produktion aus Deutschland, die größtenteils in Rumänien spielt – nicht unbedingt die Zutaten eines Filmerfolgs. Auch nicht in Deutschland. Trotz dieser ungünstigen Startbedingungen hat es Toni Erdmann aber geschafft, als Erfolgsfilm wahrgenommen zu werden. Vom Filmfest in Cannes bis nach Hollywood. Jack Nicholson soll sich für das Remake gar aus dem Schauspielerruhestand locken lassen. Der Film selbst ist hierbei nur eine Variable, wenn er auch den Keim eines potenziellen Erfolgs in sich trägt.

Toni Erdmann ist unabhängig mit vergleichsweise geringem Budget produziert worden. Die Werbeetats großer Mainstream-Produktionen standen nicht zur Verfügung. Um früh Aufmerksamkeit zu generieren, sind Filmfestivals ein ideales Vehikel. Cannes ist hierbei die Königsklasse. Toni Erdmann war dort im Wettbewerb. Ein deutscher Beitrag ist bereits exotischer als einer aus Ungarn oder von den Philippinen. Dass sich die internationale Filmkritik auch noch zu den überschwänglichsten Reaktionen der letzten Jahre hinreißen ließ, krönte diese erste Etappe. Die komödiantischen Aspekte von Toni Erdmann halfen hierbei sicherlich. Im Kontrast zum meist bedrückenden Programm bei A-Festivals stechen Momente des herzhaften Lachens heraus. Sind diese in einen Qualitätsfilm eingebettet und die Urheber auch noch die angeblich humorlosen Deutschen, sind bereits wesentliche Aufmerksamkeitsverstärker auf der Seite des Films. So konnten die Rechte am Vertrieb rund um die Welt verkauft werden. Die dadurch ermöglichten internationalen Kinostarts von Toni Erdmann sind für deutsche Produktionen keine Selbstverständlichkeit. Für den kommerziellen Erfolg beim Kinogänger ist damit noch keine Garantie gegeben. Sämtliche weiteren 20 Filme des letztjährigen Wettbewerbs in Cannes haben zusammengenommen haben nicht einmal annähernd die deutschen Besucherzahlen von Toni Erdmann erreicht. Darunter Filme von etablierten Kinomeistern wie Pedro Almodóvar, Jim Jarmusch, Ken Loach und Asghar Farhadi. Auch Maren Ades Vorgängerfilm Alle anderen kam auf der Berlinale gut an. Trotz zwei Hauptpreisen konnte der Film jedoch nicht in breitere Zuschauerschichten vordringen. Insgesamt sahen ihn 200 000 Besucher – immerhin.

Toni Erdmann startete im Sommer 2016 in vergleichsweise wenigen Kinos. Doch die Säle waren ständig voll. Der Kritikerjubel hatte zum Filmstart eine kritische Masse in die Kinos gelockt. Am Startwochenende belegte er nach absoluten Zahlen zwar nur Platz fünf der Charts, hatte aber im Durchschnitt die meisten Besucher pro Kino. Die Verfügbarkeit von Toni Erdmann für potenzielle Besucher wurde hiermit für die kommenden Wochen garantiert. Kinobetreiber setzen schließlich primär Filme ein, von denen sie sich die höchsten Einnahmen versprechen. Auch Zuschauer finden eine Komödie, die sie in einem voll besetzten Saal sehen – verstärkt durch ansteckendes Lachen im Dunkeln –, lustiger. Noch wichtiger für den Erfolg des Films ist die dadurch generierte Mund-zu-Mund-Propaganda, die weitere Besucher anzieht. Die dem Film eigene Qualität, seine abseitige Ästhetik im Verbund mit dem limitierten Filmstart sorgten für die wertvolle Aura des Geheimtipps. An diesem Geheimwissen, dem Geheimlacher Toni Erdmann, wollten dann auch breitere Schichten teilhaben – nicht bloß die Cineasten.

Geholfen hat hierbei vor allem die Figurenkonstellation des Films. Im Vergleich zu Maren Ades Vorgänger Alle anderen, der unter frustrierten Berliner Mitdreißigern auf Sardinien spielte, fühlen sich von einer Vater-Tochter-Geschichte per se mehr Menschen angesprochen. Familie kennt jeder, aber nicht jeder kennt frustrierte Berliner. Dass zudem für den Konflikt weniger der offene Streit als ein spielerisches Ringen qua Verkleidung gewählt wurde, macht das Lachen im Saal barrierefrei. Die originelle Idee eines Alter Egos mit falschem Gebiss macht sich nicht nur gut in den Filmausschnitten und auf Standbildern im Feuilleton, der Gag lässt sich auch gut weitererzählen – Toni Erdmann wird zum Conversation Piece. In Deutschland zählt Toni Erdmann gegenwärtig knapp 850 000 Kinozuschauer. Aber um in Regionen mehrerer Millionen Besucher zu kommen wie in der Spitze Honig im Kopf (7,2 Millionen Besucher), ist Maren Ades Film dann doch zu speziell geraten: mit seiner klischeefreien Ästhetik, den ausgehaltenen Peinlichkeiten, seinem Verzicht auf ein Happy End, auf Stars in der Besetzung et cetera.

An Stars mangelte es Vier gegen die Bank aber nicht, als das Ensemble aus Schweiger/Schweighöfer/Herbig/Liefers gerade mal 1,1 Millionen Menschen ins Kino zog. Knappe 30 Prozent mehr als Toni Erdmann. Trotzdem gilt Vier gegen die Bank als Flop.

Thomas Beranek arbeitet in London als Film-Analyst.

Im vergangenen Sommer haben wir übrigens bereits mit Regisseurin Maren Ade gesprochen. Hier geht’s zum Interview.

06.04.2017 | Kategorien Essay, Film, Tipp | Tags , , , , ,