EXKLUSIV INTERVIEW
Julian Assange  
 

Julian Assange ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten unserer Zeit. Ebenso umstritten wie faszinierend. Seit fast zwei Jahren sitzt der WikiLeaks-Gründer in London in der ecuadorianischen Botschaft fest. INTERVIEW hat ihn für die neueste Ausgabe des Heftes getroffen. Regisseurin Angela Richter – die Assange kennt, seit sie 2011 bei Ebay einen Platz bei einem Benefiz-Lunch für Wiki-Leaks ersteigerte – führte das Gespräch. Hier finden Sie Ausschnitte, das komplette Interview ab dieser Woche in unserer neuesten Ausgabe 05/14 am Kiosk

 

Fotos: Elfie Semotan

 

Seit Juni 2012 sitzt Julian Assange in der Londoner Botschaft Ecuadors fest. Er weiß: Sobald er sie verlässt, wird er möglicherweise nach Schweden ausgeliefert, wo wegen sexuelle Vergehen gegen ihn ermittelt wird. Assange bestreitet diese Vorwürfe und sieht sie als Teil eines Komplotts. Seine Organisation WikiLeaks hat mehrere 100.000 Geheimdokumente veröffentlicht. Unter anderem enthüllte WikiLeaks, wie die Kriege gegen den Terror geführt wurden und was US-Diplomaten über Verbündete denken. Assange hat sich dabei mit Regierungen, Geheimdiensten und Unternehmen angelegt. Er hätte viele Gründe, Angst zu haben. Aber er kennt auch seine stärkste Waffe: die Öffentlichkeit. Regisseurin Angela Richter sprach für „Interview“ mit ihm über sein Leben auf engem Raum, seinen Kampf für Informationsfreiheit, prominente Unterstützer, Enttäuschungen – und über Sophokles.

 

Die ecuadorianische Botschaft in London befindet sich im feinen Stadtteil Knightsbridge, direkt nebenan liegt das berühmte Kaufhaus Harrods. Julian Assanges Zimmer, in dem in regelmäßigen Abständen die Möbel umgestellt werden, ist etwa 30 Quadratmeter groß. Zur Einrichtung gehören mehrere Bücherregale, ein Schreibtisch mit Laptops, eine Tageslichtlampe, ein weiterer Tisch, Stühle und eine Power-Plate, die ihm die Musikerin M.I.A. geschenkt hat. Irgendwann während unseres Gesprächs auf einem großen Ledersofa kommt ein WikiLeaks-Mitarbeiter mit einem großen Strauß rosa Tulpen, den eine Frau an der Tür für Julian abgegeben hat.

Assange und Richter in London

 

Angela Richter: Julian, im Juni werden es zwei Jahre, die du in der ecuadorianischen Botschaft lebst. Wie ist dein Leben hier? Fühlt sich die Botschaft mittlerweile wie ein Zuhause an?

Julian Assange: Nun, die Botschaftsangehörigen sind für mich ein wenig wie eine Familie geworden. Vielleicht sogar etwas zu viel. Und Familie kann anstrengend sein.

Richter: Wie sieht ein typischer Tag in der Botschaft aus?

Assange: Kein Tag ist typisch, das gehört zu den Annehmlichkeiten meiner Arbeit. Natürlich gibt es rund um das Gebäude ein paar Routinen. Alle vier Stunden ist Schichtwechsel. Dann fahren Polizeiwagen vor, finden Übergaben statt, werden Funkgeräte überprüft und so weiter. An Werktagen geht es hier wie in den meisten Botschaften zu.

Richter: Du hast dich den Umständen irgendwie angepasst ...

Assange: Das ist bei mir wie bei anderen Menschen, die eingesperrt sind. Nach einiger Zeit schrumpft die Welt auf den Raum zusammen, den man noch hat. Man hört auf, das Wetter wahrzunehmen, oder welche Jahreszeit gerade ist. Glücklicherweise kann ich immer noch mit der Außenwelt kommunizieren. Also weiß ich, was da draußen passiert, und kann mich auf unseren Kampf konzentrieren.

Richter: Wie viele Besucher hast du im Durchschnitt, und was sind das für Leute?

Assange: Ganz verschieden. Die Sicherheitssituation lässt es logischerweise nicht zu, dass ich mich hier mit meinen Quellen oder wichtigen Mitarbeitern in verwundbaren Positionen treffe. Und das hat natürlich Auswirkungen auf unsere Operationen. Aber die Situation hat auch einen Vorteil: Sie macht uns wachsamer, als wir vielleicht sonst wären.

Richter: Ich nehme an, die meisten deiner Besucher sind Freunde und Menschen, die etwas mit deiner Arbeit zu tun haben. Aber manchmal tauchen auch berühmte Leute hier auf. Lady Gaga etwa oder Russell Brand.

Assange: Wir sind an jedem interessiert, der uns privat oder öffentlich unterstützt oder sich für befreundete Organisationen und Anliegen engagiert, die uns wichtig sind, für Chelsea Manning zum Beispiel.

Richter: Und nützt das was?

Assange: Es hilft uns, wenn Prominente sich bei ihrem Publikum für uns einsetzen. Die Unterschiedlichkeit dieser Menschen ist ziemlich interessant. Manche tun hinter den Kulissen mehr als im Vordergrund. Manche behaupten in der Öffentlichkeit, dass sie eine Menge tun, und dann findet man heraus, dass das meiste davon bloße Show ist. Manchmal wird man sehr angenehm überrascht. Zum Beispiel bei John Cusack oder Peter Sarsgaard oder Maggie Gyllenhaal oder John Pilger ...

Richter: Wie engagieren sich diese Menschen?

Assange: John Cusack tut viel für uns. Er hat Artikel geschrieben, er hat uns hier besucht. Er hat Geld gespendet und ist auf unseren Vorschlag dem Leitungsgremium der Freedom of the Press Foundation beigetreten. John Pilger hat im Hintergrund viel unternommen. Es gibt interessante Unterschiede bei den Leuten, die uns unterstützen. Manche tun es öffentlich, manche privat, und dann gibt es jene, die beides tun. Die zweite Position ist die stärkste: Menschen mit der Bereitschaft, für ihre Überzeugungen einzustehen, aber nicht um der Publicity willen, sondern weil es ihnen ein persönliches Anliegen ist. Aber es gab auch welche wie Lady Gaga, die in gewisser Hinsicht eine Enttäuschung waren. Ich habe viel Zeit damit zugebracht, sie zu überreden, Chelsea Manning während ihres Prozesses zu unterstützen. Sie hat einiges versprochen. Und nichts davon gehalten.

Richter: Eigenartig. Sonst engagiert sie sich doch sehr offensiv, unter anderem für Schwulenrechte.

Assange: Sie erzählt, das Weiße Haus hätte ihr nahegelegt, sich nicht für Manning zu engagieren. Sie hat mit vielen Leuten gesprochen, darunter auch mit welchen im Weißen Haus, und die hätten ihr gesagt, sie solle ihr politisches Kapital nicht verschleudern. Und dass sie sich nicht gleichzeitig für Manning und die Legalisierung schwuler Ehen einsetzen könne.

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Richter: Ich bin nun ja schon öfter hier gewesen. Deswegen weiß ich, dass du viel arbeitest. Aber die Menschen da draußen fragen sich, was du den ganzen Tag lang tust.

Assange: Ja, das ist interessant. Für Menschen ist das Körperliche so wichtig, dass ihr Bild von Arbeit immer etwas damit zu tun hat, dass man ein Feld bestellt, Erde umgräbt, auf die Jagd geht oder ein Haus baut. Um meine Situation verstehen zu können, stellt man sich am besten vor, dass man seine ganz normale Arbeit hat, aber dann in eine Lage gerät, in der man sich nicht mit anderen Leuten treffen und nicht einmal selbst in einen Laden gehen kann. Es gibt jede Menge Restriktionen – die völlige Einschränkung der Bewegungsfreiheit und substanzielle Beschränkungen der Kommunikation. So etwas wird die Effizienz der Arbeit nicht erhöhen, sondern verringern. Deswegen habe ich in meiner Lage mehr Arbeit als vorher, nicht weniger. Andererseits hat die Umgebung hier auch etwas Gutes. Jeder Reporter, der sich auf Fragen der nationalen Sicherheit spezialisiert hat, träumt davon, in einem Land zu sein, in dem es keine Polizei gibt. Hier gibt es ja weder britische noch ecuadorianische Polizisten. Und auch keine Gerichtsvorladungen.

Richter: Hast du hier Zugang zu Kultur – sagen wir zu Büchern oder Filmen? Hast du für so etwas überhaupt Zeit?

Assange: Ich habe Besucher aus dem Kulturbereich. Wenn man in einem großen Konflikt steckt, versucht man, die eigene Verteidigung möglichst breit aufzustellen. Deswegen sprechen wir Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen an, ob sie nun aus der Sphäre der Politik, des Rechts, der Geheimdienste, der Wirtschaft oder eben der Kultur kommen.

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Richter: Als du noch Museen besuchen konntest, hast du dich da eher für alte Meister interessiert oder für, sagen wir, Konzeptkunst?

Assange: Für alles, das diesen Effekt des Staunens und Lernens hervorruft, ob es nun alte Meister, Impressionisten oder Filme sind. Eher selten dreidimensionale Kunst. Ich glaube zwar, dass es gute dreidimensionale Kunst geben kann, aber es gibt sie selten. Andererseits, wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir gar nicht so sicher, ob die Trefferquote wirklich so viel schlechter ist und ob es nicht nur daran liegt, dass es weniger dreidimensionale Kunst gibt. Es gibt ja unzählige miserable Filme und Gemälde.

Richter: Als ich dich bei unserem ersten Treffen überreden wollte, mit mir an einem Theaterstück zu arbeiten, war ich überrascht davon, wie viel Ahnung du vom Theater hast. Du hast damals erwähnt, dass du mit deinem Sohn Antigone und König Kreon gespielt hast. Kannst du mir diese Geschichte genauer erzählen?

Assange: Es war die Sophokles-Antigone. Ich war Kreon, mein Sohn hat alle anderen Rollen gespielt, Antigone und so weiter.

Richter: Warum hast du das gemacht? Und warum dieses Stück?

Assange: Um die 20 herum habe ich viel in den Klassikern gelesen. Antigone hat mich interessiert, weil es das wichtigste Stück von Sophokles ist. Und es war kurz und einfach genug, um es tatsächlich aufführen zu können.

Richter: Wie alt war dein Sohn damals?

Assange: Fünf ungefähr.

Richter: Mein Gott, und dann musste der arme Junge ... Machte ihm das Spaß?

Assange: Er ist gut mit Sprache, also ...

Richter: Konnte er denn schon lesen?

Assange: Ja.

Richter: Bist du viel ins Theater gegangen?

Assange: ...ich frage mich gerade, ob ich mich noch an den Text erinnere ...

Richter: Nur zu!

Assange: „Männer, euch hieß durch Boten ich vor allen andren hier erscheinen; denn ich weiß das gar zwar wohl, dass ihr Laios’ Thron und Macht von je verehrt habt ...“

Richter: Jetzt bin ich beeindruckt (lacht). Wenn ich mal eine alte Regisseurin bin, werde ich auf dich zurückkommen und dir den Kreon anbieten (beide lachen).

 

„Lady Gaga war in gewisser Hinsicht eine Enttäuschung. Sie hat einiges versprochen. Und nichts davon gehalten“

 

Assange: Für mich ist das ein politisch interessantes Stück. Es geht darum, wie die Macht der Politik zugunsten der kulturellen und religiösen Traditionen beschränkt werden soll.

Richter: In Deutschland bringt man die Figur der Antigone häufig mit Menschen wie Gudrun Ensslin in Verbindung.

Assange: Antigone ist eine Traditionalistin mit der Auffassung, dass die moderne politische Ordnung gottlos geworden sei. Und dass die Sphäre der Politik, egal wie viel Macht ihr eingeräumt wird, sich niemals über die kulturellen Grenzen erheben darf, weil sie sonst scheitern und untergehen muss.

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Richter: Wie kam es eigentlich dazu, dass du bei den Simpsons mitgewirkt hast?

Assange: Ich wurde 2011 gebeten, für die 500. Folge der Simpsons, in der es eine Julian-Assange-Figur gab, meinen Text selbst einzusprechen. Das kam ziemlich überraschend. Der WikiLeaks-Konflikt war 2011 auf seinem Höhepunkt, und deswegen war das möglicherweise ein schlauer PR-Schachzug der Simpsons-Leute. Aber es war auch ziemlich mutig in einem Kontext, in dem Joe Biden mich einen Hightech-Terroristen nannte, in dem es Aufforderungen gab, mich umzubringen, und in dem der Fall in Schweden hochkochte. Für uns war es gut, den Leuten zeigen zu können, dass wir cool sind, keine Terroristen. Wir sind Publizisten, die sich auf die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen spezialisiert haben, aber wir sind keine Terroristen.

Richter: Magst du die Simpsons denn?

Assange: Als es mit ihnen losging, fand ich diese wunderbare amerikanisch-jüdische Ironie ziemlich gut, Homer, der in einem Atomkraftwerk arbeitet, und sein böser Chef Mr. Burns. Mittlerweile ist das zu einer Art Fabrik geworden. Aber es ist eine gute Fabrik. Dafür, dass es schon mehr als 500 Folgen gibt, ist die Qualität immer noch erstaunlich hoch.

Richter: Hast du es lustig gefunden, deine eigene Rolle zu übernehmen?

Assange: Nicht wirklich.

Richter: Hast du den Text umgeschrieben?

Assange: Ja. Und Kathy Lette hat einen Witz beigesteuert.

Richter: Und mochtest du das Ergebnis?

Assange: Es war okay, und einer der Witze war ziemlich klasse. Es war auf jeden Fall gut für die Wahrnehmung, die man in den USA von uns hat. Wenn die Simpsons etwas mit einem machen, kann man nicht ganz böse sein. Jemanden wie Osama bin Laden hätte man ganz sicher nicht um ein Voiceover gebeten.

Richter: Zurück zu deiner Situation hier: Hat es dich überrascht, wie viel Geld die britische Regierung für die Polizei ausgibt, die vor der Botschaft steht? Wie viel war es noch gleich?

Assange: Sie haben 8 Millionen Dollar für die vergangenen 18 Monate zugegeben. Dazu kommen noch die Ausgaben für die Geheimdienste.

Richter: 8 Millionen Dollar bloß für die Polizei, die vor der Botschaft steht?

Assange: Na ja, da sind auch noch Zivilpolizisten. Und die Abteilungen, die die Einsätze koordinieren. Also 12 Leute 24 Stunden täglich, Zivilpolizisten und Menschen, die das alles koordinieren. Aber so viel ist das nicht, wenn man es mit der WikiLeaks-Taskforce des Pentagons vergleicht. Das waren 120 Leute rund um die Uhr.

Richter: Wenn wir schon vom Geld reden: Hat sich die finanzielle Situation von WikiLeaks wieder entspannt? Aufgrund einer Blockade durch Banken und Kreditkartengesellschaften war es ja für die Menschen recht schwer, dich finanziell zu unterstützen.

Assange: Ungefähr ab August 2010 wurden wir blockiert, ohne dass es irgendeinen rechtmäßigen Beschluss gegeben hätte. Das ist einfach gemacht worden. Paypal, Visa, Diners Club, Western Union, Bank of America, Swiss Post Finance, JCB, American Express haben uns boykottiert, und das hat 95 Prozent unserer Einkünfte betroffen. Das war eine sehr ernste Situation für uns. Im Lauf der Zeit haben wir getan, was der Iran, Kuba oder die Hisbollah auch tun: Wir haben für das Geld alternative Wege geöffnet, Unternehmen, die T-Shirts oder Sticker oder Produkte verkaufen, Verteidigungsfonds und so weiter. Und dann haben wir begonnen, Tochterunternehmen von Visa und Mastercard zu verklagen, die zusammen 90 Prozent des Kreditkartenmarkts in Europa beherrschen. Alle diese Klagen haben wir gewonnen. Das Europäische Parlament hat Bestimmungen erlassen, die den Missbrauch der Monopolstellung von Kreditkartenfirmen verhindern sollen. Also haben wir die Blockade, die gegen uns verhängt worden ist, im Großen und Ganzen besiegt, und nun fordern wir 77 Millionen Dollar Entschädigung. Mastercard hat sich aus der Blockade zurückgezogen, Visa scheint die Blockade auf- gegeben zu haben, Paypal blockiert uns nicht mehr.

Richter: Es ist also wieder möglich, an euch zu spenden?

Assange: Meistens klappt das. Die Bank of America blockiert uns noch immer, jedenfalls hat sie es vor sechs Monaten noch getan. Yoko Ono verleiht einen Courage Award for the Arts, und 2013 war ich dessen Gewinner. Das Preisgeld beträgt 25 000 Dollar, aber weil mein Name auf einer Liste steht, die Politically Exposed Persons List heißt und von Thomson-Reuters kontrolliert wird, kann ich fast nirgendwo Bankkonten eröffnen oder Unternehmen gründen. Dieser Award ging an mich, aber es war nicht möglich, mir das damit verbundene Preisgeld zukommen zu lassen. Also bat ich darum, den Betrag meiner Partei in Australien zu geben, die Geld gut gebrauchen kann. Doch die Bank of America hat das abgelehnt. Die Bank of America boykottierte Yoko Ono, weil sie einer Partei Geld zukommen lassen wollte, die in ihrem Namen das Wort „WikiLeaks“ trägt.

Richter: Ist es ihr gelungen, dir das Geld dann doch zukommen zu lassen?

Assange: Ja. Sie hat es schließlich einer vermittelnden Stiftung in den USA überwiesen.

Richter: Aber du hast genug Geld, um weitermachen zu können. Ganz offenkundig arbeitest du ja.

Assange: Wenn man einen Blick auf das große Ganze wirft, kann man sehen, dass wir seit Ende 2010 im Unterschied zu fast jedem anderen Medienunternehmen keinen einzigen Mitarbeiter entlassen haben und in den schwarzen Zahlen sind. Das ist uns gelungen, obwohl wir es mit einer weltweiten Blockade, einem Dutzend gerichtlicher Auseinandersetzungen, FBI-Informanten und Politikern zu tun hatten, die unsere Köpfe forderten. Ich finde, für ein kleines Medienunternehmen ist das eine ziemlich gute Bilanz.

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Richter: Du hast zum Beispiel mit der !Mediengruppe Bitnik zusammengearbeitet. Deren Projekt mit dem Titel Delivery for Mr. Assange könnte man als eine Art 32 Stunden lange „live-mail art performance“ bezeichnen: Anfang 2013 gaben sie in Zürich ein Paket auf, das an Julian Assange adressiert war, und in diesem Paket befand sich eine Webkamera, die durch ein kleines Loch aufnahm und in Echtzeit alle zehn Sekunden über eine Mobiltelefonleitung ein Foto auf Twitter veröffentlichte. Nach 32 Stunden ist dieses Paket tatsächlich bei dir in der ecuadorianischen Botschaft in London angekommen.

Assange: Ich glaube, es waren 36 Stunden.

Richter: Wie sind diese Leute mit dir in Kontakt gekommen? Mochtest du ihre Idee von Anfang an?

Assange: Ich habe davon erst erfahren, als es schon lief.

Richter: Die haben sich also nicht mit dir in Verbindung gesetzt, dass sie da dieses tolle Konzept hätten.

Assange: Nein, nein, ich erfuhr davon erst, als das schon lief. Kann sein, dass sie uns davor mal geschrieben haben. Aber irgendwann haben sie getwittert, dass das jetzt auf dem Weg sei, und das hat mich darauf aufmerksam gemacht.

Richter: Sehr schlau.

Assange: Ich dachte sofort: „Da bin ich dabei.“ Diese Sendung bewegte sich ja durch das Postsystem, von dem wir irgendwie vergessen, dass es existiert – so wie die Menschen auch vergessen, dass das Internet ein physikalisches System ist, das Zeug von A nach B transportiert.

Richter: Stimmt. Man denkt, dass das abstrakt und aufgrund irgendeiner Magie einfach irgendwie da ist.

Assange: Aber zu diesem System gehören Kabel und Drähte und Stromgeneratoren und Menschen, die all das in Schuss halten und reparieren. So, wie es im Postsystem Postarbeiter und Postämter und Lastwagen und Computer gibt, um alles zu koordinieren. Während das Paket durch das Postsystem geschickt wurde, konnte man das alles sehen. Normalerweise bekommt man das ja nie zu Gesicht. Sehr altmodisch, Lastkarren und Taschen und so weiter ...

 

„Ich will nicht in die Lage geraten, dass Angehörige als Druckmittel gegen unsere nächste Veröffentlichung missbraucht werden“

 

Richter: Ich frage mich gerade, ob man eigentlich noch Telegramme verschicken kann.

Assange: An manchen Orten geht das noch.

Richter: Durch diese Aktion ist mir klar geworden, dass es dieses Postsystem immer noch gibt. Und vielleicht ist es mittlerweile sogar sicherer.

Assange: Ist es. Weil sich die Überwachung nicht automatisieren lässt. Man braucht den direkten Zugriff.

Richter: Was mehr Arbeit macht und höhere Kosten verursacht.

Assange: Es ist sehr viel mehr Arbeit, die Post zu überwachen, die aus Großbritannien hinausgeht. Zu viel Arbeit und zu leicht zu bemerken. Aber manche Staaten scannen die Vorderseite der Umschläge.

Richter: Alle Umschläge? Automatisiert?

Assange: Alle. Sie scannen die Adressen.

Richter: Ich würde gern noch über deine Familie sprechen, denn natürlich hast du auch Familienangehörige. Haben die eine Möglichkeit, dich zu besuchen? Deine Kinder, deine Eltern? Zu Beginn unseres Gesprächs hast du die Botschaftsangehörigen als Familie bezeichnet, aber wie verhält es sich mit deiner wirklichen Familie?

Assange: Das Einzige, was mir an der Situation, in die ich geraten bin, wirklich zu schaffen macht, ist der Umstand, dass meine Familie unter ihr zu leiden hat. Was ich und einige von unseren Mitarbeitern durchmachen, ist eine Konsequenz unseres Jobs, das haben wir in Kauf genommen – nicht jeden Aspekt, aber im Großen und Ganzen. Aber ein Kind hat sich ganz sicher nicht vorgenommen, plötzlich keine richtige Beziehung mehr mit seinen Eltern führen zu dürfen. Ich kann darüber aber nicht im Detail sprechen, weil ich nicht in die Lage geraten will, dass Angehörige als Druckmittel gegen unsere nächste Veröffentlichung missbraucht werden.

Richter: Es wäre zu gefährlich, wenn sie den Versuch unternähmen, dich zu besuchen?

Assange: Je mehr über sie und über ihre Beziehung mit mir bekannt wird, desto größer ist die Gefahr, dass jemand versucht, sie als Druckmittel gegen mich einzusetzen.

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Das komplette Interview finden Sie in Ausgabe 05/2014

02.05.2014 | Kategorie Film | Tags