Feiertagsfilmmenü

Das Wetter schlecht, das Essen schwer, da bleibt nur noch – der Fernseher. Die Filmredaktion hat für Sie ein festliches TV-Dinner angerichtet. Denn auch die Augen essen mit: Bon appétit!



Schöne Bescherung

Generell sind sämtliche Episoden der Reihe »National Lampoon Holiday« mit Chavey Chase zu empfehlen, aber diese passt halt gut zum Fest der Feste. Man will danach nicht nur die elchkopfförmigen Egg-Nogg-Trinkgefäße besitzen, man will dann sogar Egg-Nogg trinken.





Verliebt in eine Hexe

Wer es meta mag, wird Verliebt in eine Hexe lieben. 2018 erwarten die Zuschauer in den Kinos Remakes soweit das Auge reicht, aber diese Hollywoodkomödie parodierte den Trend schon 2005. Nicole Kidman spielt Isabel Bigelow, eine Hexe die sich nach Normalität sehnt. Jack Wyatt (gespielt von einem hysterisch komischen Will Ferrell) hat jedoch andere Pläne für sie: sie soll sein Gegenüber in einem Remake des gleichnamigen Fernsehklassikers spielen. Ausgerechnet eine Hexe! Naturtalent Bigelow verfällt dem abgehalfterten Schauspieler, bis sie entdeckt, dass er sie nicht ihres charmanten Nasenwackelns wegen anheuerte, sondern weil sie leicht zu überschatten sei. Für wen hält er sich eigentlich? Nora Ephrons Film rächt sich vielfältig an Ferrells Archetyp, am genüsslichsten aber mit Kidmans Besetzung: auch sie stiehlt ihrem Filmpartner mühelos die Schau.

Die Glücksritter

Die herrliche Komödie behandelt virtuos das Thema Bewußtseinstausch. Nicht unbedingt besser, aber dafür noch länger als dies die Stabhandpuppen Ernie und Bert in der legendären Sesamstraßenfolge versucht haben. Großes Plus freilich durch Eddie Murphy, der Stabhandpuppe in Menschengestalt aus den achtziger Jahren. Und um Weihnachten geht es obendrein auch.





Stirb Langsam

Darf an Weihnachten geschossen werden? Eigentlich nicht. In dem Klassiker mit Bruce Willis aber haben es Terroristen aus Deutschland auf ein Scherflein rechtschaffener Business People aus Los Angeles abgesehen. Unbedingt sollte man sich den Streifen im englischsprachigen Original einverleiben, denn die Fantasiesprache der angeblich deutschsprachigen Verbrecherdarsteller ist beinahe das lustigste am ganzen Spektakel.





Close-Up

Verdrehter – und brillanter! – geht es kaum. In Abbas Kiarostamis Close-Up gibt sich ein junger Filmfanatiker für den berühmten iranischen Regisseur Mohsen Makhmalbaf aus, bis er schließlich für Betrug verhaftet wird. Die Geschichte beruht nicht nur auf wahren Gegebenheiten, nein, die Betroffen spielen auch noch sich selbst! Das ist kein Witz. Warten Sie auf die Originalaufnahmen aus dem Gerichtssaal. Dieser Dokumentar-Spielfilm-Hybrid ist unvergesslich. Vor allem kommt man nicht umhin sich in Hossein Sabzians verträumten, verzweifelten Schwindler zu verknallen, fast so sehr wie in diesen einfühlsamen, lustigen Film und seine klugen, nuancierten Dialoge.





Down With Love – Zum Teufel mit der Liebe!

Diese fabelhaft formelhafte romantische Komödie mit Renée Zellweger und Ewan McGregor parodiert ihre Vorlagen aus den Fünfzigern und Sechzigern. Barbara Novak (Zellweger) schreibt einen feministischen Guide für die befreite Heterofrau, die Schokolade Orgasmen (der Einfachheit halber) vorzieht. Playboy und Journalist Catcher Block (McGregor) ist davon besessen, sie durch Verführung seinerseits als Heuchlerin zu entpuppen. In ihrem stilisierten Geschlechterkampf sind die zeitlosen Kostüme von Barbara und ihrer Verlegerin-Sekretärin-Komplizin Vikki (gespielt von der zauberhaften Sarah Paulson) sowie modische Interieurs die eigentlichen Stars.

Tatsächlich…Liebe

Weihnachten, das Fest der Liebe hat auch mit Reisen zu tun, davon kann nicht nur Chris Rea ein Lied singen. Dieser mächtig romantische Film handelt unter anderem von Heimreisenden am Londoner Flughafen. Und alle, alle finden dort jemanden, der sich in sie verliebt.





Der Kleine Lord

Diese dezidiert antiimperialistische Verfilmung eines obskuren Schundromans aus dem späten 19. Jahrhunderts erfreut sich vor allem in Deutschland seit der Erstausstrahlung im Jahr 1982 einer ungebrochenen Beliebtheit. Das titelgebende Kind, dargestellt vom mittlerweile 47jährigen Ricky Schroder, der im Mannesalter zum Mitglied der National Rifle Association wurde, wird trotz adeliger Abstammung von seiner stolzen Mutter in selbstverschuldeter Armut großgezogen. Die Sache geht aber gut aus!





200 Cigarettes / Eine Nacht in New York

Dieser Ensemblefilm spielt zum mit Abstand wichtigsten Silvesterabend unserer Lebzeiten: 1999. Unsere Protagonisten, allesamt auf der Suche nach großer oder zumindest neuer Liebe, sind sich immer noch unsicher, wie und wo sie ins neue Millennium feiern. Die Uhr tickt. Unter anderem mit dabei: eine entzückend tollpatschige Kate Hudson, die kaugummikauende Christina Ricci, Paul Rudd, Courtney Love, Elvis Costello und Dave Chappelle als Liebesguru-slash-Taxifahrer. Ein Film für Singles (die keine mehr sein wollen) und zum Schreien.

Spartacus

Das üppige Essen und die ungemütliche Witterung vor der Tür macht die Weihnachtstage zur idealen Zeit für Sandalenfilme. Die gourmethaft inszenierte Leidensgeschichte des Sklaven Spartacus fährt dabei noch tiefer ein als der Ultraklassiker Ben Hur. Das liegt zum einen am Regisseur Stanley Kubrick. Und dann freilich an Kirk Douglas, der den heldenhaften Sklaven spielt.





Barry Lyndon

Noch einmal Kubrick, und schon wie bei dem von uns empfohlenen Spartacus kommt er auch in diesem Sandalenepos komplett ohne Weihnachtsbaum aus. Allerdings gibt es die legendäre Szene in der viktorianischen Taverne, die komplett bei Kerzenschein ohne Zuhilfenahme von branchenüblichen Scheinwerfern gefilmt wurde. Hardy Krüger, der in diesem Meisterwerk eine wesentliche Rolle spielt, konnte hinterher berichten, dass ihm ziemlich warm wurde während besagter Drehabeiten.





Grey Gardens

Der glamouröse Schein dieses Dokumentarfilms trügt: seine Protagonistinnen Edith Bouvier Beale, 79, und ihre gleichnamige Tochter, 56, mögen Jacqueline Kennedys Tante und Cousine sein, doch ihr 28-Zimmeranwesen mutet alles andere als präsidial an. In der Einöde Long Islands überwuchern Gräser dessen Veranda während Waschbären den Dachboden bevölkern. Big Edie und Little Edie zanken so unablässig wie charmant und halten sich zumeist in Erinnerungen an eine vergangene Zeit und Hoffnung auf ihre Rückkehr auf. Ein dysfunktionales Familienportrait wie gemacht für die Feiertage.





Fargo

Kein Film sieht so sehr nach Achtziger aus wie „Fargo“ von den Coen Brothers. Er spielt im Jahr 1987, und zwar im eingeschneiten Minneapolis, wo der daunenjackentragende Autoverkäufer Jerry Lundegaard seine Frau entführen lässt, um vom reichen Schwiegervater Lösegeld zu erpressen. Das Projekt gerät aus dem Ruder, weil die von ihm angeheuerten Kleinkriminellen im Vorbeigehen noch einen Polizisten und ein paar Zeugen umlegen. Und weil Marge Gunderson, Sheriff und hochschwanger (Frances McDormand, die für ihre Rolle den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann) einfach einen Tick schlauer ist als alle anderen.





Heathers

Die Highschool, sie ist ein Haifischbecken. Vor allem die Westerburg-Schule in Sherwood, Ohio. Sie wird regiert von einer elitären Gruppe Mädchen, die der Einfachheit halber alle Heather heißen. Irgendwie hat es auch Veronica in die Clique geschafft, obwohl sie offenkundig nicht Heather heißt, nicht blond ist und deutlich weniger Pastellfarben trägt. Langsam dämmert ihr deswegen, dass die simple Sippe nicht zu ihrem Stil passt, was auch an Highschool-Neuzugang J.D. liegen mag, der einen Hang zu Lederjacken, Nihilismus und Schusswaffen hat. Das frischverliebte Paar ergreift entsprechend rigorose Maßnahmen. Heather Nummer eins verschluckt sich tödlich an Abflussreihiger, und nach und nach fallen die bösen popular kids wie die Fliegen. Dieser tolle, böse File machte Winona Ryder und Christian Slater zu den Teenagerstars der späten Achtziger (und für kurze Zeit zu Hollywoods coolstem Paar).

Inherent Vice

Ganz anders episch, trotzdem ein Sandalenfilm in zwiefacher Hinsicht: die einzige Verfilmung eines Romans von Thomas Pynchon. Joaquin Pheonix verkörpert Doc Sportello, einen alle nur möglichen Drogen inklusive tiefgefrorener Schokoladenbananen und Lachgas konsumierenden Privatdetektiv der allerscheckigsten Art. Eingefleischter Sandalenträger zudem. Der Film wurde mit einem Academy Award für die besten Kostüme ausgestattet. Völlig zu Recht! Spielt in den siebziger Jahren in Los Angeles. Und einmal, das ist die schönste Szene, regnet es sogar.





Only Lovers Left Alive

Es überrascht wenig, dass Vampire nicht zu den sonnigsten Gemütern gehören, doch der lang verstorbene Adam (Tom Hiddleston) hat einen besonders ausgeprägten Hang zum Weltschmerz. In einer heruntergekommenen Villa im heruntergekommenen Detroit leckt der schwermütige Vampir seine Wunden, ist aber nebenbei auch der Star der lokalen Underground-Musikszene. Weil das mit der Depression doch ernster zu werden droht und Adam kurz davor ist, sich eine Silberkugel ins kalte Herz zu schießen, reist seine Jahrhundert-Geliebte Eve (Tilda Swinton) aus Tanger an. Der kontrolliert exekutierter Blutrausch droht aus dem Ruder zu laufen, als auch Eves Schwester Ava (Mia Wasikowska) in Detroit auftaucht. Jim Jarmuschs bester Film, mit der grandios entrückten Musik von Jozef van Wissen.





Buffalo 66

Billy saß im Gefängnis, was seine Eltern nicht wissen. Denen soll er nach Jahren der Abwesenheit jetzt eine Ehefrau vorstellen. Das Problem: Er hat keine. Also entführt Billy kurzerhand in einem Tanzstudio die junge Layla, die es ihm nicht krumm nimmt, sondern ganz gerne wirklich zu Billys Frau gemacht würde. Der jedoch scheint nur bedingt mit dem Konzept Emotion und menschliche Bindung vertraut und ist außerdem damit beschäftigt, den Mord an einem Footballspieler zu planen. Americana und Familienzusammenführung der sehr seltsamen Art, mit Vincent Gallo, Christina Ricci, Mickey Rourke und Anjelica Huston.

Stadt der Frauen

In diesem wunderschön gedachten und gemachten Film des verstorbenen Frederico Fellini spielt der verstorbene Marcello Mastroianni die Hauptrolle. Wie der Titel nur wenig subtil andeutet, sind die übrigen Rollen mit weiblichen Darstellern besetzt. Und zwar, wie es so schön heißt: sämtlicher Couleur. Als Höhepunkt gilt Kennern wahlweise der Showdown auf der Rollschuhbahn, beziehungsweise die tönenende Ahnengalerie der Verflossenen.





Verschwörung der Frauen

Weihnachtszeit ist Peter Greenaway-Zeit. Im Original heißt dieser herrliche Film »Drowning by Numbers« und damit ist die Handlung bereits sehr gut zusammengefasst. Mit dem Deutschen Titel aber auch.





Tampopo

Dieser Film hat alles: Essen, Sex, Action und Humor. Sein Held Goro ist auf der Jagd nach der perfekten Nudelsuppe, und kann sie beim besten Willen nicht finden. Die junge Köchin Tampopo soll in ihrem Imbiss das Rezept nach seinen Vorstellungen perfektionieren. Dabei mutet der Film wie ein Eastwood Spaghetti-Western an und erzählt in weiteren, nur lose mit der Handlung verbundenen Strängen von Sinnlichkeit, Menschlichkeit und dem Lächerlichen. Schauen Sie diesen Film lieber nach als vor dem Einkauf und auf keinen Fall mit leerem Magen.





Vollmondnächte

Die Frage, mit der sich unsere Protagonistin Louise die Nächte (unter anderem) um die Ohren schlägt, ist ein Klassiker im Beziehungs-Bingo sowie in Regisseur Éric Rohmers Volkabular: Ist das schon alles? Sie liebt ihren Freund Rémi, aber ihr gemeinsames Leben in einem Pariser Vorort weniger. Und von Monogamie ist sie auch nur bedingt überzeugt. Vollmondnächte ist so chic, dass man vom Schauen nicht nur Herzflattern wegen all der Betrügerei bekommt sondern auch Lust im neuen Jahr das eigene pied-à-terre komplett neuzugestalten.

Clouds of Sils Maria

Ach, die Schweizer Berge, Ort der Ruhe und Einkehr. Oder aber auch, wie in Olivier Assayas „Clouds of Sils Maria“, Schauplatz für Intrigen, Egotrips und Paparazzi-Verfolgungsjagden. Weltstar Maria Enders (Juliette Binoche) reist in die Schweiz, um im Namen des Regisseurs Wilhelm Melchior einen Award entgegenzunehmen. Melchior hatte sie einst mit dem Theaterstück „Maloja Snake“ berühmt gemacht: als rücksichtslose Sigrid, die die ältere Geliebte Helena in den Tod treibt. Weil Melchior vor der Preisverleihung Selbstmord begeht, zieht sich Enders mit ihrer Assistentin (Kristen Stewart) auf die Alm zurück. Gleichzeitig bittet sie der Regisseur Klaus Diesterweg (Lars Eidinger), erneut eine Rolle in „Maloja Snake“ zu übernehmen – diesmal soll sie die ältere Helena spielen. Ihre Konkurrentin ist 19jährige Hollywoodschauspielerin Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz), die Marias frühere Rolle übernimmt und außerdem ein paar YouTube-würdige Skandale zu produzieren weiß.





Magnolia

Im Grunde ist jeder Film von Paul Thomas Anderson geeignet, um sich die Zeit zwischen den Jahren zu versüßen, doch ist und bleibt dieser sein Meisterwerk: grandioses Drehbuch, herrlicher Soundtrack von Amie Mann, superbe Ausstattung und last but not least: Juliane Moore, Philip Seymour Hoffman, Tom Cruise, William H. Macy und John C. Reilly zusammen in einem einzigen Film.





Personal Shopper

Ihr verstorbener Zwillingsbruder bringt eine sensationelle Kristen Stewart in Personal Shopper an den Rand des Wahnsinns. Schickt er ihr Signale aus dem Jenseits oder verliert sie in ihrer Trauer den Boden unter den Füßen? Die Lage ist düster, aber das Setting bestechend. Als Personal Shopper einer gesichtslosen Berühmtheit fährt Stewarts Maureen einsam auf dem Moped durch Paris und probiert heimlich die maßgeschneiderten Chanel-Abendkleider ihrer Chefin an. Der Glamour des Films ist bewusst unrealistisch und darin unterhaltsam – einzig der unnötige Freund, dessen einziger Auftritt ein Streit über Skype ist, enttäuscht, weil man ihn der herrlich butchen Celesbian Stewart nun mal nicht abnimmt. Alles andere steht Lagerfelds Muse ausgezeichnet.





Orlando

Wenige Film haben je besser ausgesehen. Tilda Swinton spielt Virginia Woolfs Gender-Bender „Orlando“, der sich als junger Adeliger im elisabethanischen England von der sterbenden Königin (gespielt von Schwulen-Legende Quentin Crisp) das Versprechen abnehmen lässt, niemals zu altern. Fortan gleitet Orlando durch Jahrhunderte und Geschlechter, ist mal Botschafter in Konstantinopel, mal eine durch englische Heckenlabyrinthe eilende Lady und am Ende, angekommen im Jahr 1992, eine motorradfahrende Schriftstellerin mit Großgrundbesitz. Der Film, für den Regisseurin Sally Potter ein monumentales Set aus historischen Kostümen, Pferdewagen und Statisten zum Dreh ins postsowjetische Russland karrte, weil man dort besser auf zugefrorenen Seen drehen konnte, machte Tilda Swinton zum Star. Ebenfalls empfehlenswert: der wunderbare Soundtrack aus klampfender Renaissancemusik und New Romantic.





In the Mood For Love

Im Hongkong der frühen 1960er bekommt Nachbarschaftsnähe eine ganz neue Bedeutung: In den Mietshäusern der Millionenstadt lebt man Tür an Tür in winzigen Zimmern, gegessen wird im Gemeinschaftsraum. So eng, so umglamourös. Die Sekretärin Su Li-zhen sieht trotzdem stets wunderbar aus, wenn sie in hochgeschlossenen Kleidern ihr Mini-Zimmer verlässt, um sich auf der Straße eine Nudelsuppe zu kaufen. Den Journalist Chow Mo-Wan lernt sie kennen, als beide am gleichen Tag in die Mietskaserne einziehen. Fortan leben die beiden Wand an Wand – und hegen bald den Verdacht, dass ihre ewig abwesenden Ehepartner eine Affäre miteinander unterhalten. Auch Chow Mo-Wan und Su Li-zhen beginnen, sich in einem Hotel zu treffen, ohne dass je klar wird, ob sie es tun oder nicht. Wunderschöne Kleider, wunderschöne Bilder, wunderschöne Musik.





I Am Love

Ist man die Ehefrau eines italienischen Industriellen sind die Handlungsspielräume überraschend eng gesteckt: Dinnereinladungen ausrichten, die Mailänder Villa repräsentativ dekorieren, die Familie zusammenhalten. Gut möglich also, dass in diesem Vakuum mal etwas aus den Fugen gerät. Tilda Swinton spielt die Russin Emma, die einst in eine traditionsreiche und schwerreiche Familie eingeheiratet hat und sich nun in den besten Freund ihres Sohnes verliebt. Regie dieses wunderschönen und wunderschön ausgestatteten Film (Swinton trägt ausschließlich von Raf Simons entworfene Jil-Sander-Kleider) führte der Italiener Luca Guadagnino, der anschließend mit Swinton das „Swimmingpool“-Remake „A Bigger Splash“ drehte. Und mit „Call Me By Your Name“ den wahrscheinlich wichtigsten Film des Jahres 2018.

Bei Netzkino gibt es den Film hier komplett zu sehen (auf deutsch):

8 Frauen

Technisch gesehen ist Francois Ozons starbesetztes, flamboyantes Musical ein Weihnachtsfilm. Doch den titelgebenden acht Frauen, eingeschneit in einer von der Außenwelt isolierten Hütte, ist weniger feierlich als entsetzt zu mute: Marcel, der Herr des Hauses, liegt tot mit einem Messer im Rücken im Bett. Der Symbolik seines tragischen Endes treu wird jede seiner Vertrauten – Familienmitglied, Geliebte, Angestellte – zur Verdächtigen. Unter dem Deckmantel der Tataufklärung werden ihre Geheimnisse gelüftet und von stetigen Handlungswendungen gejagt. Die ikonischen Schauspielerinnen des französischen Originals (Huppert, Deneuve, Ardant und mehr) wurden für die deutsche Fassung von ebenso hochkarätigen Schauspielerinnen synchronisiert, darunter Senta Berger, Hannelore Elsner, Cosma Shiva Hagen, Nina Hoss, Katja Riemann und Jasmin Tabatabai.





Unzipped

Neben allen Supermodels von Amber Valetta bis Naomi Campbell und spektakulärem Backstage-Footage aus einer sagenumwobenen Ära der Mode hat dieser Dokumentarfilm, was keiner vor oder nach ihm je hatte: Isaac Mizrahi. Die letzte Kollektion des New Yorker Designers war ein entsetzlicher Flop; nun hängt seine Karriere am seidenen Faden. Der junge Mizrahi, geplagt von seinen eigenen Komplexen und den Verrissen, die nicht helfen, steht unter enormem Druck. Zu seinem Glück sind seine Neurosen unfassbar charmant. Man könnte ihm ewig beim Jammern zuschauen. Eingefangen wurde es von Regisseur Douglas Keeves, der drei Jahre später für Naomi Conquers Africa ebenjene Miss Campbell nach Südafrika begleitete, wo sie für Nelson Mandelas Children’s Fund eine Benefizmodenschau mit Kate & Co. auf die Beine stellte. Unzipped jedoch gewährt beispiellosen Einblick in das glamouröse Leben Mizrahis vor seiner (man muss es leider sagen) traurigen QVC-Karriere.





Paris is Burning

Paris Is Burning sollte man eigentlich wöchentlich schauen, aber zu den Feiertagen trägt der Dokumentarfilm über New Yorks mythenumwobene Ballroom-Szene der 1980er eine besondere Bedeutung. Die Performer und Gäste der Events teilen ihre gesellschaftliche Unterdrückung, sie sind fast alle schwarz und/oder Latinx, schwul und/oder trans, verstoßen von ihren Familien und/oder ohne finanzielle Mittel. Aber sie teilen auch ihre Leidenschaft für Schönheit, Fantasie, Mode, Theater und Musik –das Fundament auf dem die Drag-Wettkämpfe, die als Balls bekannt sind, erbaut wurden. Die Performer gehören zu verschiedenen Häusern, eines legendärer als das andere, deren etabliertere Queens sich als Drag-Mütter rührend um ihre aus dem Nest geschmissenen Zöglinge kümmern. Paris is Burning erzählt nicht nur von einer berauschenden Zeit im New Yorker Nachtleben sondern auch von der queeren Notwendigkeit eine unterstützende Wahlfamilie zu finden. Den unfassbaren Menschen, die dieser atemberaubende Film vorstellt, ist das meiste dessen zu verdanken, was wir heute Kultur nennen. Sie zu ehren ist Weltbürgerpflicht.





Strike A Pose

Als Madonna 1990 ihre „Blonde Ambition“-Tour antrat, war das ein großes Skandal-Projekt mit Spitztüten-BH und Masturbationssimulation. Anschließend erschien die Dokumentation „In Bed With Madonna“, die zeigte, wie die Pop-Queen in Montreal um ein Haar verhaftet wird oder backstage ihren Freund Warren Beatty abkanzelt. Der Film wurde eine der erfolgreichsten Dokumentationen aller Zeiten. Seine heimlichen Stars sind Madonnas Background-Tänzer, die damals kaum zwanzig waren, subkulturell versiert und mehr oder weniger offen schwul, was den Film für Teenager auf der ganzen Welt zu einer Art Erweckungserlebnis machte. Doch anders als „In Bed With Madonna“ vermuten lässt, war die Stimmung hinter den Kulissen getrübt. Nicht alle wollten sich tatsächlich vor der Kamera outen, andere kämpften einsam mit dem Wissen, sich mit HIV infiziert zu haben. Einige Tänzer zogen später gegen Madonna vor Gericht. Diese Geschichten erzählt „Strike A Pose“, sozusagen der Dokumentarfilm zum Dokumentarfilm. Für ihn haben die holländischen Regisseure Ester Gould und Reijer Zwaan 25 Jahre nach „Blonde Ambition“ die Männer getroffen, die Madonna das Voguen beibrachten, aber nie mehr an den frühen Ruhm im Windschatten des Superstars anknüpfen konnten.
„Strike A Pose“ ist auf Netflix verfügbar.





Partygirl

Die Subkultur-Version von Clueless, minus das Anwaltstochtertaschengeld: Parker Posey, die Indie-Queen der Neunziger, spielt ein New Yorker Club Kid mit Geldproblemen und Aspirationen im Bibliothekensektor. Farbig gemusterte Strumpfhosen und gegelte Haarsträhnen treffen auf Existenzkrise, die Dewey-Dezimalklassifikation und Popmusik anno 1995.

Den gesamten Film gibt es in zwei Teilen bei YouTube:





Designing Woman

Vincente Minnellis Film über eine freigeistige New Yorker Modedesignerin, die im Urlaub an der Westküste einen etwas konservativeren Sportjournalisten kennenlernt und heiratet, lädt ein zwischen den Zeilen zu lesen. Über Minnellis Sexualität wird bis heute spekuliert, nicht zuletzt dank seiner raffinierten Filme, in denen er unter dem Radar des homophoben Hays Codes Analogien zu queerem Leben herstellte. In Designing Woman wird so aus dem ungleichen Paar, das die schöne Lauren Bacall und der charismatische Gregory Peck leidenschaftlich spielen, eine Erzählung von knospender gesellschaftlicher Akzeptanz inklusive symbolhaftem Ohrläppchengeknabber. Dazu serviert Minelli bedrohliche Gangster, die Peck aus der Stadt jagen, den hinreißenden Ex-Boxer Maxie, dessen Erzählersolo einen ganz eigenen Höhepunkt bietet, und – wie könnte es anders sein – fabelhafte Kostüme.

22.12.2017 | Kategorie Film | Tags , , , ,