HELGE SCHNEIDER
im Interview!

Vergangenen Sonntag feierte Helge Schneider seinen 60. Geburtstag. Mit Ruhestand hat das allerdings so gar nichts zu tun: Jetzt erschien nicht nur sein Buch Orang Utan Klaus – Helges Geschichten, sondern auch sein Kinofilm Lass knacken Helge! Helge, der Film! Helge, Life! auf DVD. Wir haben mit dem Katzeklo-Meister über abgebrochene Ausbildungen, Drogen und Liebe gesprochen!

INTERVIEW: Herr Schneider, Sie melden sich zu Ihrem 60. Geburtstag mit einem Konzertfilm und einem neuen Buch aus der Künstlerrente zurück. Ist Ihnen das Altenteil schon zu langweilig geworden?

HELGE SCHNEIDER: Mit 60 Jahren bin ich noch zu jung für die Rente. Ich habe beim Garageaufräumen gemerkt, dass mir die Bühne fehlt. Anscheinend muss ich immer weitermachen.

INTERVIEW: Sie pendeln zwischen Mülheim, Berlin und Spanien. Warum gerade Spanien?

SCHNEIDER: Weil dort keiner Selfies mit mir machen will. Manchmal zieht es mich einfach raus in die Wildnis. Doch langsam hat es mir in Spanien gefehlt, in der Heimatsprache lachen zu können. Wenn man längere Zeit im Ausland ist, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man anfängt, in der fremden Sprache zu träumen. Im Grunde nichts Schlechtes, aber es sind umständlichere Träume.

INTERVIEW: Besitzen Sie deutsche Tugenden?

SCHNEIDER: Ich glaube, meine so genannten „deutschen Tugenden“ reichen bis in die Zeit zurück, in der Beethoven gelebt hat. Beethoven, Bach, Händel, Gretel, Engelbert Humperdinck…

INTERVIEW: Sie sind Musiker, Buchautor, Schauspieler, Regisseur und malen sogar die Zeichnungen in Ihren CD-Booklets selbst. Helge Schneider – ein wandelndes Gesamtkunstwerk?

SCHNEIER: Das wäre zuviel gesagt. Im Grunde bin ich eigentlich unheimlich faul. Ich übe nie und liefere alles auf den letzten Drücker ab. Und selbst dann versuche ich noch, die Leute um eine Woche zu vertrösten. Trotzdem sieht es so aus, als wäre ich unheimlich aktiv. Ich mache alles so schnell. Wenn ich eine Platte aufnehme, habe ich keine Lust, mehr als zwei Tage im Studio zu verbringen. Für mein neues Buch habe ich einzig und alleine veranlasst, dass Leute alte Videobänder aufschreiben und die besten Sachen raussuchen, die ich damals erzählt habe. Fauler geht es gar nicht. Meine Faulheit hat schon vielen Menschen Arbeit verschafft.

 

Helge Schneider: “Meine Faulheit hat schon vielen Menschen Arbeit verschafft.”
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INTERVIEW: Haben Sie genaue Pläne, wie lange Sie noch auf der Bühne stehen wollen?

SCHNEIDER: So eine Art Agenda? Agenda 2020? Nein. Überhaupt nicht. Ich glaube, in zwei Jahren drehe ich mal wieder einen Film. Und ich wollte schon immer ein paar Ölbilder malen. Das habe ich mir fürs nächste Jahr vorgenommen. Außerdem gehe ich nächstes Jahr auf Solotour. Nur mit einem Flügel. Wie damals, als ich angefangen habe und mich noch keiner kannte.

INTERVIEW: Warum zurück zu den Wurzeln?

SCHNEIDER: Ich wollte nicht mehr mit einer Band arbeiten. Meine Arbeit auf der Bühne besteht viel aus Improvisation. Alleine kann ich einfach am besten improvisieren.

INTERVIEW: Haben Sie keine Angst, dass Ihnen bei so viel Improvisation in einem Moment nichts Skurriles einfällt?

SCHNEIDER: Ich betrachte es eher als Spiel. Man darf das alles nicht so ernst nehmen. Wenn ich eine Show habe, dann freue ich mich, dass ich auftreten darf. Ich hatte niemals Lampenfieber. Es gibt Künstler, die vor dem Auftritt kotzen müssen, Durchfall kriegen oder nicht auf die Bühne gehen wollen. Das ist mir noch nie passiert. Ich bin Perfektionist darin, unvorhergesehene Situationen zu meistern. Das ganze Leben ist in meinen Augen eine Improvisation. Deshalb ist das, was ich mache, auch so lebensnah.

INTERVIEW: Sie haben sich vor ein paar Jahren öffentlich gewundert, dass das Publikum überhaupt Ihren Humor versteht. Haben Sie sich mittlerweile daran gewöhnt?

SCHNEIDER: Nein. Obwohl ich weiß, woran es liegt. Musik und Humor zu verbinden, ist eine schwierige Sache, die man nicht lernen kann. Viele Leute sind der Meinung, ich würde mit Unsinn Geld verdienen. Dabei ist meine Arbeit absolut nicht unsinnig, sie ist nur nicht wirklich zu fassen.

INTERVIEW: Ihre erste Lehre haben Sie geschmissen, weil Sie sich die Haare schneiden mussten.

SCHNEIDER: Das geht natürlich nicht. Als Langhaariger kann man sich nicht die Haare schneiden lassen. Also habe ich aufgehört. Später habe ich eine Lehre als Bauzeichner gemacht, von der ich abgehauen bin. Zu der Zeit bin ich auch von Zuhause abgehauen. Mit 20 habe ich eine Lehre als Landschaftsgärtner gemacht, die ich wegen der Musik geschmissen habe.

 

Helge Schneider: “Ich bin Perfektionist darin, unvorhergesehene Situationen zu meistern”
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INTERVIEW: Nicht wenige Leute fragen sich angesichts Ihrer grotesken Auftritte, welche Drogen Sie wohl nehmen.

SCHNEIDER: Ich habe mit 23 aufgehört zu kiffen und seitdem nichts mehr angerührt. Wenn ich den Kram heute auch nur rieche, bekomme ich sofort einen Flashback. Ich trinke Tee oder Cappuccino mit Sojamilch.

INTERVIEW: Viele Ihrer Songs handeln im Grunde von Liebe. Ob nun „Katzeklo“ oder „Meisenmann“. Sind Sie ein Romantiker?

SCHNEIDER: Die Liebe ist im Leben nun mal ein wiederkehrendes Motiv. Die Liebe zum Fahrrad, zur Frau. Zum Hund. In gewisser Weise bin ich sicher ein Romantiker: Was Möbel angeht.

INTERVIEW: Wissen Sie beim Songwriting von Anfang an, wie ein Song endet?

SCHNEIDER: Nein. Meistens ist es eine phonetische Sache, bei der es nur um Worte geht, mit denen ich kleine Themen beschreibe. Ich könnte niemals ein Lied wie PURs „Abenteuerland“ schreiben. Ich finde einfach keinen Zugang zu diesen ehrlichen Texten, die aber irgendwie doch nicht stimmen. Ich kann dies nur in sehr, sehr übertriebener Form. Außerdem tue ich mich sehr schwer mit Reimen. Meine Songs sind auch nie fertig, sondern verändern sich live ständig. Das ist für mich so eine Art Gehirnjogging.

INTERVIEW: Der Gegenentwurf zu PUR?

SCHNEIDER: Meine Prioritäten sind anders: In erster Linie muss es auf der Bühne gut aussehen. Mit einem tollen Anzug zum Beispiel. Wobei es sehr schwer ist, einen guten Anzug zu finden, der nicht von mir ablenkt. Kein Kostümbildner oder Stylist könnte mich so gut anziehen, wie ich dies tue.

INTERVIEW: Sie haben also keinen persönlichen Stylisten?

SCHNEIDER: Nein. Den hat vielleicht Harald Glööckler. Ich nicht.

INTERVIEW: Auf welchen Konzerten trifft man Sie eigentlich privat?

SCHNEIDER: Ich habe einen ziemlich großen range, wie man so schön sagt. Bei AC/DC habe ich kürzlich in Hamburg im Orchestergraben gestanden. Ohne Ohrenschützer. Sammy Davis habe gesehen, Sonny Rollins und auch andere Leute. Und Britney Spears. Die hat sich wie Udo (Lindenberg, Anm. d. Verf.) neulich am Drahtseil abseilen lassen. Das fand ich gut.

Helge Schneider: “Ich habe beim Garageaufräumen gemerkt, dass mir die Bühne fehlt. Anscheinend muss ich immer weitermachen.”
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Von: THOMAS CLAUSEN

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