Im Interview:
Claudia Eisinger

Claudia Eisinger spielt die Hauptrolle in Mängelexemplar, der Verfilmung von Sarah Kuttners Debütroman. Wir trafen die Schauspielerin und sprachen mit ihr über ihre Heimatstadt, ihre Rolle als depressiver Twentysomething und Undercover-Therapiestunden.

INTERVIEW: Sie sind in Berlin geboren und aufgewachsen. Wie würden Sie ihre Kindheit beschreiben?

EISINGER: Ich bin in Mitte geboren und in Lichtenberg aufgewachsen. Als die Mauer fiel, war ich fünf.

INTERVIEW: Können Sie sich daran noch bewusst erinnern?

EISINGER: Nein, bewusst nicht, dafür aber an Sachen, die mich emotional berührt haben oder an gewisse Stimmungen. An die Mauer erinnere ich mich aber nicht.

INTERVIEW: Wie sind Sie eigentlich zur Schauspielerei gekommen?

EISINGER: Eigentlich gab es nie den großen Traum, Schauspielerin zu werden. Ich habe kurz vor meinem Abi in einem Off-Theater gespielt und das hat mir total Spaß gemacht. Danach habe ich an der Schauspielschule vorgesprochen. Ich wollte das schon, aber da war nicht so ein Ernst und Druck dahinter. Irgendwie hat das dann geklappt, ohne, dass ich viel darüber nachgedacht habe.

INTERVIEW: Und wenn es nicht funktioniert hätte? Hatten Sie alternative Karriere-Pläne?

EISINGER: Ich hätte wahrscheinlich etwas mit Sprachen oder Kunst studiert, vielleicht auch mit Journalismus und Schreiben.

INTERVIEW: Sie hatten später verschiedene Engagements an Theatern außerhalb von Berlin.

EISINGER: Ich war ein Jahr in Dresden und ein Jahr in Düsseldorf.

INTERVIEW: Hatten Sie nie das Gefühl, dass sie mal für längere Zeit aus Berlin raus müssen?

EISINGER: Doch, das wollte ich immer, allerdings hat sich nie ernsthaft etwas ergeben. Ich muss nicht unbedingt mein ganzes Leben in Berlin verbringen, ich kann mir auch vorstellen, ins Ausland zu gehen. Bisher hat mein Weg jedoch immer wieder hierher geführt.

INTERVIEW: Was nervt Sie an Berlin?

EISINGER: Mir ist es manchmal viel zu viel. Da kriege ich Stadtflucht. Zu laut, zu bunt, zu schrill, zu schnell.

INTERVIEW: Und was lieben Sie an Berlin?

EISINGER: Genau das. (lacht)

Claudia Eisinger: “Berlin ist mir manchmal viel zu viel. Da kriege ich Stadtflucht. Zu laut, zu bunt, zu schrill, zu schnell.”
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INTERVIEW: Ihre Figur in Mängelexemplar, Hauptrolle Karo, entspricht in gewisser Weise einem stereotypischen Berliner Klischee: Ein orientierungsloser Twentysomething, der in der „ach so hippen Lila-Laune-Medienbranche“ arbeitet und viel feiert. Dann bekommt Sie die Kündigung, wird von ihrem Freund verlassen und gerät ein wenig aus der Spur. Hat das etwas mit dem Leben in dieser Blase zu tun?

EISINGER: Ja, definitiv. Karo kommt an einen Punkt in ihrem Leben, an dem bestimmte Säulen einfach wegbrechen. Auf diesen hat sie aber ihre Identität aufgebaut. Plötzlich ist der Job weg und die Beziehung auch – vor ihr liegt der Trümmerhaufen ihres Lebens. Sie muss sich das erste Mal mit sich selbst, ihrer Leere und den Abgründen in ihrem Inneren auseinandersetzen. Und dann kommen eben diese großen Lebensfragen: Wer bin ich? Was mache ich hier eigentlich? Das stürzt sie in eine riesige Orientierungslosigkeit. Wir leben eigentlich permanent im Außen und zwar in einer rasanten Geschwindigkeit. Wenn man an einen Punkt kommt, an dem Stillstand ist und man mit sich allein ist, dann wird’s interessant.

INTERVIEW: Der Film thematisiert die Krankheit Depression. Finden Sie, dass dieser Begriff heutzutage manchmal zu inflationär gebraucht wird?

EISINGER: Ich finde eher, dass er komisch abgegrenzt benutzt wird. Ich würde das Wort Depression viel lieber mal beiseite rücken und das Feld weiter öffnen. Es geht hier um eine Thematik, die viel weiter geht als das, was wir als klassische klinische Depression bezeichnen. Das ist aus meiner Sicht nur ein Teil des Ganzen. Wir sprechen nicht frei darüber, sondern drücken der Krankheit immer ein Label auf. Eigentlich beschäftigen sich nämlich ganz viele Menschen mit grundlegenden Lebensfragen, geraten damit vielleicht in eine gewisse Verlorenheit und weisen depressive Züge auf. Eine Depression fängt nicht hier an und hört da auf. Es gibt so viele Graustufen und Zwischentöne, unter denen letztlich große Lebensfragen und existenzielle Gefühle liegen.

INTERVIEW: Karo ist keine typische Heldin, aber eine absolute Sympathieträgerin. Was macht sie so liebenswert?

EISINGER: Karo ist ein übervolles Fass an Emotionen und lässt diese ziemlich ungefiltert heraus. Ich liebe sie für ihre Direktheit und Schrägheit und für ihr permanentes Anecken und Nicht-ins-Bild-Passen, denn hinter all dem steckt eben eigentlich eine große Not.

INTERVIEW: Gibt es etwas, das Sie an der Figur Karo nicht ausstehen können?

EISINGER: Ich liebe sie einfach, weil ich sie so verstehe. Sie kreiselt natürlich wahnsinnig um sich selbst. Man könnte sagen, sie ist die ganze Zeit in ihrem Ego gefangen. Sie ist auf jeden Fall eine Person, die den Leuten unglaublich auf die Nerven geht und sich zum Teil auch echt daneben benimmt. Aber sie tut das nicht, weil sie gerne ihre Umwelt traktiert, sondern einfach, weil sie nicht anders kann. Ich weiß einfach, wie es sich in ihr drin anfühlt und verstehe, warum sie so ist. Aber was sie liebenswert und zum Sympathieträger macht, ist ist die Not dahinter, die wir versucht haben spürbar zu machen.

INTERVIEW: Stimmt es, dass Sie im Vorfeld der Dreharbeiten eine Undercover-Therapie gemacht haben?

EISINGER: Das ist richtig.

INTERVIEW: Wie müssen wir uns das vorstellen?

EISINGER: Ich wollte gern als Karo ein paar Therapie-Stunden nehmen und habe daher einfach eine Psycho-Therapeutin bei mir in der Nähe gefragt, ob sie sich darauf einlassen würde. Die Therapeutin war total professionell, für sie war ich in den paar Sitzungen wirklich Karo. Das war noch ziemlich am Anfang meiner Vorbereitung auf die Rolle. Es war total erstaunlich für mich, welche Informationen über Karo ich unterbewusst schon gespeichert hatte. Wir haben zum Beispiel über ihre früheste Kindheit gesprochen und da kamen auf einmal Dinge hoch, von denen mein Kopf noch gar nichts wusste.

INTERVIEW: Um ihre Kolleginnen und Kollegen besser kennenzulernen, hat die Regisseurin Laura Lackmann sie zuvor auf Blind-Dates geschickt, richtig?

EISINGER: Ja, das war tatsächlich so. Mit Max habe ich einen Tanzkurs gemacht, bei Barbara Schöne habe ich einen Kuchen gebacken. Laura Tonke und ich waren Heidelbeeren sammeln, woraus Laura anschließend sogar Marmelade gekocht hat. Die gab’ s dann am Set. Das war ganz toll, weil man auf diese Weise einfach in Kontakt gekommen ist.

INTERVIEW: Ist es Ihnen sehr wichtig, dass Sie sich mit ihren Kollegen gut verstehen?

EISINGER: Ja klar, das ist total wichtig. Ich war in diesem Fall von Anfang an am Casting-Prozess beteiligt, weil meine Figur die erste war, die fest stand. Der restliche Cast wurde mehr oder weniger nach mir ausgerichtet. Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit war, dass wir alle unglaublich herzverbunden miteinander waren.

Claudia Eisinger: “Klar, logisch bin ich auch eitel. Eitel, was heißt denn das jetzt genau?”
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INTERVIEW: Würden Sie sich als eitel bezeichnen?

EISINGER: Klar, logisch bin ich auch eitel. Eitel, was heißt denn das jetzt genau?

INTERVIEW: Das ist leider oft so negativ behaftet.

EISINGER: Ja, oder? Ich achte gern auf mich. Vielleicht kann man das so sagen. Eitel im positiven Sinne, weil ich mich wertschätze. Entschuldigung übrigens, dass ich die ganze Zeit esse. (lacht)

INTERVIEW: Kein Problem. Essen Sie gern?

EISINGER: Jaaa, wie man sieht.

INTERVIEW: Welche Hobbys haben Sie noch?

EISINGER: Ich tanze sehr gern zum Beispiel.

INTERVIEW: Welche Richtung?

EISINGER: Ach, alles eigentlich. Ich liebe Musik und ich liebe es zu tanzen. Und dann habe ich gerade etwas Neues für mich entdeckt, das nennt sich Acro-Yoga.

INTERVIEW: Das müssen Sie erklären.

EISINGER: Das ist eine Mischung aus Akrobatik und Yoga.

INTERVIEW: Sie sind zur Zeit mit mehren Filmen unterwegs, jetzt kommt Mängelexemplar in die Kinos. Es ist davon auszugehen, dass der Film, ebenso wie die Romanvorlage, sehr erfolgreich wird. Wie gehen Sie damit um, bekannter zu werden?

EISINGER: Ich merke es jetzt ganz praktisch, weil ich sehr viele Interviews gebe. Ich sage zum Beispiel gerade Sachen, die aufgenommen und dann irgendwo gedruckt werden. Ich versuche sehr bewusst und klar zu sein mit dem, was ich sage und an Informationen in die Welt bringe. Sichtbar zu sein, heißt einfach auch Verantwortung übernehmen, denn das, was ich sage, lesen anschließend ja auch ein paar Leute.

INTERVIEW: Fühlen Sie sich wohl damit?

EISINGER: Ja, denn es gibt durchaus Dinge, die gesagt werden sollten.

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Von: Insa Grüning