Yann Arthus-Bertrand: "Ich liebe Emotionen"

Die neue, bewegende Dokumentation von Yann Arthus-Bertrand heißt Human und kommt am 20. Oktober 2016 in die deutschen Kinos. Wir haben den Regisseur in Berlin zum Interview getroffen.

© Getty Images | Charles Platiau

Das jüngste Werk von Regisseur, Fotograf und Aktivist Yann Arthus-Bertrand weckt Gefühle und Gedanken. Über Glück und Liebe, den Sinn des Lebens, Ungerechtigkeit, den Tod und Krieg. Die Dokumentation Human ist bereits 2015 das erste Mal erschienen, kommt aber am 20. Oktober 2016 in einer neuen Fassung in die deutschen Kinos. Sie besteht aus berührenden Gesprächen mit Menschen aus aller Welt und unglaublichen Landschaftsbildern, mit denen Yann Arthus-Bertrand als Fotograf berühmt geworden ist. Und obwohl es die Dokumentation auch auf YouTube zu sehen gibt, lohnt es sich, das Werk des 70-Jährigen auf der großen Leinwand zu genießen.

Interview: Wann wussten Sie, dass es Zeit für einen Film wie Human ist?

Yann Arthus-Bertrand: Ich war mal in Afrika. Der Helikopter war kaputt, wir landeten in einem kleinen Dorf in Mali und konnten nicht weiterreisen. Also unterhielt ich mich mit einem Bauern, der dort lebte. Ich merkte, wie unterschiedlich unsere Leben waren: Ich war da, um irgendein Cover für irgendein Magazin zu schießen, er versuchte, seine Familie zu versorgen. Wir haben uns lange unterhalten, er öffnete sein Herz und ich öffnete meines. Und so kam mir diese Idee: Ich wollte herausfinden, was die unterschiedlichsten Menschen mir über das Leben beibringen können.

Interview: Und, was war das?

Yann Arthus-Bertrand: Im Großen und Ganzen sind wir alle verschieden und doch alle gleich. Human zeigt, was es heutzutage bedeutet, ein Mensch zu sein. Der Film ist wie ein Spiegel, der ein Gefühl der Menschlichkeit einfängt.

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Interview: Vor Ihrer Kamera sitzen Menschen aus aller Welt. Wie ist der Film entstanden?

Yann Arthus-Bertrand: Wir sind in Länder wie Kambodscha, die Ukraine, Uganda und Südafrika gereist, wir waren im Irak und in Syrien, in Palästina und Israel, haben Kriegsveteranen in Amerika besucht und Flüchtlinge auf Sizilien interviewt, in Calais, in Marokko. Wir stellten den Menschen immer die gleichen 40 Fragen. Dabei herausgekommen sind mehr als 2000 Interviews.

Interview: Human besteht aus drei Elementen: Wunderschönen Landschaftsbildern, Musik und eben jenen Gesprächen. Was sind Ihre Ideen hinter der Gestaltung des Films? Es gibt ja beispielsweise keinen Erzähler, außerdem sind die Menschen vor der Kamera nicht mit ihrem Namen oder Herkunftsland beschrieben.

Yann Arthus-Bertrand: Richtig, das waren einfach zu viele Informationen. Ich habe entschieden, dass es echter ist, einfach den Stimmen der Menschen zuzuhören. Denn es ist eigentlich nicht wichtig, wer da vor der Kamera sitzt. Und einen Erzähler gibt es nicht, weil der Film keine Kommentare braucht. Er braucht niemanden, der erklärt, ob Homophobie gut oder schlecht ist. Ich möchte, dass jeder für sich Entscheidungen trifft und etwas aus dem Film mitnimmt. Das macht den Film so stark.

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Interview: Wer von den vielen Menschen, die in Human aus ihrem Leben erzählen, hat Sie am meisten berührt?

Yann Arthus-Bertrand: Da war dieser Russe, der über seinen autistischen Sohn spricht. Ich habe meiner Frau das Interview mit ihm auf meinem Laptop gezeigt und habe so sehr geweint, dass ich ihr gar nicht erklären konnte, was los war. Ich liebe Emotionen.

Interview: Human kann man sich auf YouTube – und damit umsonst – ansehen. Warum?

Yann Arthus-Bertrand: Weil ich den Film nicht gemacht habe, um Geld zu verdienen. Er soll Bewusstsein und Menschlichkeit hervorrufen, kein Geld einbringen. Ich will einfach so viele Menschen wie möglich erreichen.

Interview: Haben Sie eigentlich eine Lieblingsdokumentation?

Yann Arthus-Bertrand: Ich liebe die Qatsi-Trilogie mit der tollen Musik von Philip Glass. Davon wurde ich stark inspiriert. Und ich war sehr beeindruckt von Al Gores Dokumentation Eine unbequeme Wahrheit. Nicht unbedingt, weil sie so gut gemacht ist, sondern weil sie so wichtig und informativ ist.

Interview: Was lieben Sie am meisten an ihrem Job als Regisseur?

Yann Arthus-Bertrand: Die Arbeit im Team. Ein Film wie dieser ist nichts, was man alleine auf die Beine stellt. Jeder ist wichtig. Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als wir den fertigen Film im Kino sahen. Am Ende haben wir alle zusammen geweint. Wir wussten, wir haben etwas Großes geschaffen, das bedeutsamer ist als wir.

Von: Sarah-Denise Neven

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