JESSICA CHASTAIN

In „Molly’s Game“ spielt Jessica Chastain eine Poker-Prinzessin im Glitzerfummel. Sie sagt: „Es ist ein Film über das Patriarchat“

Von: FRAUKE FENTLOH

Jessica Chastain hat sich erkältet, obendrein drücken die Schuhe. Beides leuchtet ein, denn draußen zeigt sich Berlin matschig, und die Pumps, die Jessica Chastain trägt, sind turmhoch und aus Lackleder. Also von der bequemeren Sorte. Drinnen, auf einem Ecksofa aus dunkelblauem Flausch, schenkt sie Tee ein. Chastain, eine der wichtigsten Schauspielerinnen Hollywoods (und eine der entschlossensten Kämpferinnen gegen Hollywood-Machismo), streift die polierten Schuhe ab, faltet die Füße aufs Sofa und sich selbst unter eine blaue Hä- keldecke. In ihrem neuen Film „Molly’s Game“ spielt Chastain Molly Bloom, die einst als „Poker-Prinzessin“ die Titelseiten der Klatschmagazine füllte. Bloom betrieb erst in Los Angeles, später in New York eine der exklusivsten Pokerrunden der Welt. Man könnte sie auch einen Spielplatz für mächtige Männer nennen. An Blooms Tisch saßen Hollywoodstars, Spitzensportler, Konzernchefs und andere Herren mit dem nötigen Kleingeld. Der Ersteinsatz pro Spieler lag bei einer viertel Million Dollar.

„Ich wusste erst überhaupt nichts über Molly“, sagt Jessica Chastain. Dann googelte sie los. Es poppten Bilder auf, die zeigen, wie Bloom aus einem New Yorker Gericht kommt. „Die Fotos von Molly sind sehr stark. Sie war sehr stylisch – ihr ganzes Auftreten.“ Eine Umschreibung dafür, dass Bloom wenig dezent auftrat: viel Make-up, viel Pelzkragen. Deswegen habe sie sie falsch eingeschätzt, sagt Chastain. „Als wir uns trafen, war ich regelrecht schockiert, wie schüchtern sie war.“

Den Film hat Aaron Sorkin gedreht, Autor von „The West Wing“ und „The Social Network“. Weil Molly Bloom als Jugendliche eine olympiareife Skifahrerin war, sieht man Chastain zu Beginn im Schnee. Sie prüft die Spur, fährt ab, bleibt mit der Bindung an einem Zweig hängen, überschlägt sich und knallt hart auf. So ist der Sturz eigentlich nicht passiert. Im Film aber wird die Bruchlandung zum Leitmotiv: Molly Bloom ist die, die immer wieder aufsteht. Auch wenn Männer mit zarten Männer-Egos ihr aus purer Bosheit das Geschäft dichtmachen oder Mafiaschläger ihr das Gesicht blau hauen. „Wissen Sie, was mir dabei hilft, mit dem Verlieren klarzukommen?“, sagt Bloom im Film. „Gewinnen.“

Kevin Costner spielt den Professorenvater und Freudianer, der Molly in allen Lebensbereichen zu Höchstformen treibt. Spitzensport, Elite-Uni und gepflegtes Tischgespräch sind Pflicht. Ir- gendwie legitim, dass sie nach dem College eine Auszeit in Los Angeles einlegt, weil sie mal eine Weile in schönem Wetter jung sein möchte. Doch der Ehrgeiz hat sie fest im Griff. Innerhalb kürzester Zeit befördert sich Molly von der Cocktailkellnerin zur Organisatorin einer elitären Pokerrunde im Keller des Viper Room, jenes Clubs, der einmal Johnny Depp gehörte und der vor allem dadurch berühmt wurde, dass River Phoenix dort 1993 praktisch auf der Türschwelle an einer Überdosis starb. Anfang der 2000er setzten Hollywoodstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck und Tobey Maguire hier sehr viel Geld auf Karten. Es muss ein nervenzehrendes Hobby gewesen sein.

Auf Fotos dieser Nächte am Sunset Strip tropft Maguire der Schweiß von der Stirn, Affleck rauft sich die Haare. Der Film handelt jedenfalls von Menschen, die Chastain gewissermaßen als Kollegen kennt. Vielleicht auch privat, DiCaprio soll ein guter Freund ihres Mannes sein. Gestört habe sie das nicht, sagt sie. „Ich wusste, dass Aaron Sorkin keinen Film drehen würde, der die Geheimnisse anderer Menschen ausplaudert. Er hat mit einigen gesprochen, über die es hieß, sie hätten mit Molly gespielt, und einige Szenen geändert, um ihre Identitäten zu verschleiern. Wir wollten keine schlüpfrige Klatschgeschichte erzählen.“ In dem Buch, das die echte Molly Bloom geschrieben hat, steht, Tobey Maguire habe ihr 1000 Dollar Trinkgeld dafür geboten, dass sie wie ein Seehund für ihn heule. Als Bloom ablehnte, stürmte Maguire wütend davon. „Molly’s Game“ ist auch ein Film über Männer und Frauen. Und über eine Welt, in der Hostessen in paillettenbesetzten Minis zur Stelle sind, während Männer ihre Beverly-Hills- Villen in Hanglage aufs Spiel setzen.

Jessica Chastain dreht den Ring am Finger, es ist ein Brillant. Im Sommer hat sie den Italiener Gian Luca Passi de Preposulo geheiratet. Der war mal PR-Chef bei Armani und arbeitet heute für Moncler. Obendrein ist er der Spross einer italienischen Adelsfamilie, weswegen sich Chastain eigentlich mit Adelstitel ansprechen lassen könnte. Wenn sie denn wollte. Auf dem Sofa wird Tee umgerührt. Chastain trägt einen grauen Rock, ein Oberteil mit Hahnentrittmuster, Strickjacke. Das konservative Aussehen täuscht. Chastain, zierlich und porzellanhäutig, ist keine, die mit ihren Ansichten hinterm Berg hält. Am wenigsten, wenn es sich um den berühmtesten Hügel der Unterhaltungsindustrie handelt. Sie war eine der Ersten, die in Hollywood dafür kämpften, dass Schauspielerinnen jetzt doch bitte endlich mal das Gleiche verdienen könnten wie ihre männlichen Kollegen. Folgerichtig lehnte sie die Angebote großer Studios ab, die ihr nur einen Bruchteil der Männergagen zu bieten hatten. In Cannes machte sie Schlagzeilen, weil sie sich als Jurymitglied vor laufender Kamera beschwerte, dass Frauen an der Croisette bloß Opfer oder Sidekicks verkörpern sollten.

“Harvey Weinstein war hinter meiner besten Freundin her. Und ich sollte ihm helfen, sie herumzubekommen”
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Ein paar Monate später ging die Bombe Harvey Weinstein hoch. Weinstein, der eine derart erfolgreiche Produktionsfirma betrieb, dass seine Filme mit eingebauter Oscar-Nominierung ge- dreht wurden, betrieb zwei Jahrzehnte lang ein kriminelles System sexueller Ausbeutung. Gern nahm er junge Schauspielerinnen im Bademantel oder gleich unter der Dusche in Empfang. Reichlich Filmstars waren betroffen: Ashley Judd, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow. Plötzich und mit einiger Verspätung (schließlich hatte es zuvor Bill Cosby und viele andere gegeben) avancierte Sexismus in Hollywood zum filmreifen Thema. Eine #MeToo-Kampagne später hingen auch Kevin Spacey, Lars von Trier, Dieter Wedel und James Franco in den Seilen. „Ich denke, es ist ein großer Fehler, diese Debatte bloß auf Hollywood zu beziehen“, sagt Chastain. „Hollywood steht natürlich im Schlaglicht, weil die Medien ihm gern Aufmerksamkeit schenken. Doch Machtmissbrauch gibt es in jeder Industrie, in der eine Elite über das Auskommen aller anderen entscheidet. Man hat es an der Wall Street, im Weißen Haus, unter Farmarbeitern. In jeder Branche, die es nicht erlaubt, dass auch Frauen den Ton angeben.“ Mit anderen Worten: in praktisch jeder. Chastain grinst. „Willkommen im Patriarchat.“

Man kann nicht sagen, dass der Weinstein- Skandal sie überrascht hätte. Als Chastains Film „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“ vor einigen Jahren an seine Firma verkauft werden sollte, versuchte sie noch, das zu verhindern. „Es gab definitiv Geschichten über Harvey Weinstein“, sagt sie. Weinstein hatte damals nicht nur Interesse an ihrem Film, sondern auch an Chastains Kollegin Jess Weixler. „Sie ist meine beste Freundin. Und er war aktiv hinter ihr her. Er bat sie immer wieder um Treffen, er wollte sie zu Dates ausführen.“ Als Weixler nicht anbiss, versuchte Weinstein, Chastain einzuspannen. „Ich sollte ihm helfen, sie herumzubekommen.“ Selbstverständlich überredete Chastain ihre Freundin nicht zum Rendezvous. Stattdessen sprach sie mit dem Regisseur von „Eleanor Rigby“. „Ich sagte ihm, dass ich den Film nicht an die Weinstein Company verkaufen wolle. Doch letztendlich war es nicht meine Entscheidung.“ Weinstein bekam den Film. Später sagte er einmal, wenn er die Wahl hätte, mit Muhammad Ali oder Jessica Chastain in den Boxring zu steigen, würde er Ali wählen.

Vielleicht hängt Chastains Kampfgeist damit zusammen, dass ihr Leben nicht immer glatt verlaufen ist. Sie wuchs im Sonoma Valley in Nordkalifornien auf. Die Familie war arm und ihre Mutter erst 16, als Jessica geboren wurde. Manchmal mussten die Dinge des täglichen Bedarfs auf nicht ganz legale Weise organisiert werden. Chastain brach die Highschool ab, war aber trotzdem die Erste in der Familie, die aufs College ging. Finanziert wurde ihr Studium an der New Yorker Über-Schauspielschule Juilliard mit einem Stipendium, das Robin Williams bezahlte. Obwohl Al Pacino sie danach für ein Theaterstück engagierte, passierte erst mal nichts. Bis irgendwann richtig viel passierte.

2011 war das Jahr der Jessica Chastain. Im Kino liefen sechs Filme mit ihr an, sie müssen sich irgendwie angesammelt haben. Das Bürgerrechtsdrama „The Help“ brachte ihr eine Oscar-Nominierung. Chastain spielte eine konstant angeschickerte Südstaatenfrau, die sich mit ihrer Haushaltshilfe anfreundet, was im Alabama des Jahres 1963 glatt revolutionär war. In Terrence Malicks „The Tree of Life“ gab sie die Frau von Brad Pitt (und Mutter von Sean Penn), in „Take Shelter“ versuchte sie, Michael Shannon vor Wahnsinn und Hamsterkäufen zu bewahren. Plötzlich war Jessica Chastain überall. Sie suchte den in einer Parallelwelt verschollenen Matthew McConaughey in „Interstellar“, den auf dem Mars abhandengekommenen Matt Damon in „Der Marsianer“ und jagte Osama bin Laden in „Zero Dark Thirty“. In „A Most Violent Year“ trug sie als Frau eines Tankwagenunternehmers fantastische Kaschmirmäntel. Sie waren von Armani. „Denn wer war 1981 der beliebteste Designer in New York City? Mr. Armani. Ich rief Roberta Armani an und fragte sie, ob sie mich für den Film einkleiden würde.“ Sie tat’s.

Molly Bloom, die Chastain nun in einer Art One-Woman-Show spielt, landete irgendwann ebenfalls in New York. Nach außen hatte sie es gut getroffen (teure Garderobe, Privatchauffeur, Penthouse), drinnen sah es schlechter aus (Nächte, die sich über mehrere Tage zogen, Drogen jeglicher Couleur und Stofflichkeit). Irgendwann brach das Geschäft zusammen: Weil sie für die Millioneneinsätze an ihrem Tisch haften musste, hatte Bloom begonnen, sich selbst einen Anteil auszuzahlen, und damit das Gesetz gebrochen. Ungemütlicherweise hatten sich auch noch ein paar Mitglieder der russischen Mafia an ihren Spieltisch verirrt, was sich vor Gericht nicht gut machte. Trotzdem weigerte sie sich, ihre (unbelasteten, aber klatschpressewürdigen) Kontakte an die Staatsanwaltschaft zu geben. Eine Tatsache, die ihren Anwalt, gespielt von Idris Elba, schier in den Wahnsinn treibt. „Molly’s Game“ ist nicht nur ein Film über Männer und Frauen, sondern auch über Klamotten, wobei das eine mit dem anderen zusammenhängt. Zu Beginn des Films kommentiert Mollys Chef ihr Aussehen: hässliche Schuhe, hässliches Kleid. Sofort geht sie in den Laden und stattet sich neu aus. Raus kommt weniger Kleid, mehr Haut. „Der Wert einer Frau hängt von ihrer sexuellen Attraktivität ab“, sagt Chastain.

Das resultierte für Chastain in hautengem Hervé-Léger-Stretch und anderen Outfits der Mikrosorte. „Manchmal gab mir Aaron Regieanweisungen, und ich musste ihm sagen: ,Geht leider nicht! Mein Top ist so tief ausgeschnitten, dass ich mich nicht mal schnell über den Tisch beugen kann.‘“ High Heels sind ihr trotzdem ein Anliegen. Zumindest solange ihr keiner vorschreibt, sie zu tragen.

„MOLLY’S GAME“ läuft ab dem 8. März im Kino.

08.03.2018 | Kategorien Film, Magazin | Tags , , ,