Die Klasse von 2017

Ihre größten Erfolge liegen noch in der Zukunft, doch für uns sind sie die wichtigsten Newcomer des deutschsprachigen Films und Theaters. Demnächst zu sehen in den Lichtspielhäusern und auf den Bühnen Ihres Vertrauens. Wir stellen Ihnen die aufregendsten Nachwuchsschauspieler des Jahres vor.

Martina Schöne-Radunski

Aufhören, um anzufangen: Vor zehn Jahren beschließt Martina Schöne-Radunski, Schauspielerin zu werden, bekommt sofort Engagements, dreht viel, hört aber schnell wieder auf, weil die Rollen sie langweilen. Stattdessen studiert sie Kunst, Kunstgeschichte und Film, gründet eine Noisepunkband namens Cuntroaches. Jetzt, wo man ihr interessantere Rollen anbietet, liegt der Fokus wieder auf der Schauspielerei. Seit Ende Januar ist ihr Film Luca tanzt leise in den Kinos, So was von da von Jakob Lass wurde gerade abgedreht. Demnächst wird sie mit Leonard Kunz in dem Dokumusikdrama Fake (Hier geht’s zum Trailer) von Maja Classen vor der Kamera stehen.

Marie Meinzenbach

Gelobt sei die Initiativbewerbung! Mit zwölf Jahren bewirbt sich Meinzenbach bei ihrer Lieblingsserie „Schloss Einstein“ und wird vier Jahre später prompt zum Casting eingeladen, wo man sich kurz wundert, dass die Zwölfjährige inzwischen 16 ist, und ihr dann die Rolle der Bella Rückert gibt. Inzwischen studiert Meinzenbach an der Internationalen Akademie für Schauspiel in Köln, ist seit dem 2. März an der Seite von August Diehl in Der junge Karl Marx als Kindermädchen des Titelhelden zu sehen und neben Laura Tonke und Marc Hosemann in dem Film Eine sachliche Romanze von Laura Lackmann spielen, der im Frühjahr startet.

Mercedes Müller

Sie steht schon so lange vor der Kamera, dass sie sich eigentlich gar nichts anderes mehr vorstellen kann. Sie ist vier, als sie zusammen mit ihrem Bruder 4 Freunde & 4 Pfoten dreht, seither sind etwa 30 Filme hinzugekommen. Die Vorteile des Berufs liegen auf der Hand: Es wird nie langweilig. Was Mercedes Müller jedoch nicht davon abhält, sich zusätzlich ein aufregendes Hobby zuzulegen: Kickboxen. Von 2010 bis 2012 ist sie Internationale Deutsche Meisterin und gewinnt 2012 bei der Weltmeisterschaft die Bronzemedaille. Zuletzt war Müller in Fatih Akins Tschick zu erleben und wird demnächst in dem TV-Film Ein Herz für Inder zu sehen sein. 

Enno Trebs

Es lebe der Zufall: Während Enno Trebs’ Mutter im Netz nach einem Film sucht, in dem Ennos Vater als Teenager mitgespielt hat, findet sie einen Castingaufruf zu Detlev Bucks Hände weg von Mississippi. Enno, der damals zehn ist, sein Bruder Theo und seine Schwester Nele sprechen vor, werden aber nicht genommen, was sie nicht davon abhält, sich in den Folgejahren in erster Generation zu einer Art Schauspielerdynastie zu entwickeln. Enno Trebs studiert inzwischen an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch – und seine Filmografie kann sich schon jetzt sehen lassen: Das weiße Band, Picco, Poll, Freistatt sowie Tiger Girl von Jakob Lass, der am 6. April in die Kinos kommt.

Stephanie Amarell

Talentscout Michael Haneke! Auch Amarells Weg führt über dessen Das weiße Band. Als in ihrer Schule in Templin für Hanekes deutsche Kindergeschichte blonde Kinder gesucht werden, fasst Amarell sich ins Haar und bewirbt sich. Sie ist elf Jahre alt, wird genommen und hat mit dem Spielen seither nicht wieder aufgehört, auch wenn sie nebenbei Geschichte und Theaterwissenschaft studiert. Sie hat gerade Der Schneemann von Oskar Sulowski abgedreht und wird auch in der ersten deutschen Netflix-Serie Dark mitspielen.

Paul Boche

Als er in die USA ging, hatte er keinen Plan, aber eine Arbeitserlaubnis, was nicht die schlechteste Voraussetzung ist. Sieben Jahre blieb Paul Boche in New York, wobei es gewiss nicht geschadet hat, dass er schon vor seiner Abreise ein gefragtes Model war. Nachdem er mit 16 in Berlin entdeckt wurde, hat er im Grunde für jedes Modehaus gearbeitet – allen voran Rick Owens, Dries Van Noten, Paul Smith und Dior Homme. Aber weil Modeln nicht alles ist, absolvierte er außerdem ein Schauspielstudium am Lee Strasberg Institute. Derart ausgerüstet, kam er zurück nach Berlin, hatte kleinere Rollen in Uns geht es gut und Fucking Berlin und wird ab Ende März in seiner ersten Hauptrolle zu sehen sein. In dem Drama Zazy spielt er einen Erpresser, der derart psychopathisch daherkommt, dass Boche nach Sichtung des Films kurz den Drang verspürte, sich von seiner Filmfigur zu distanzieren. Weil er im wirklichen Leben einfach viel netter und umgänglicher ist. 

Svenja Jung

Sie ist die Lichtschwertkämpferin in dem beliebten Star Wars -Fan-Film Darth Maul: Apprentice (zwölf Millionen Klicks), die Hauptfigur in Fucking Berlin und die unkonventionelle Freundin mit dem gefärbten Haar in dem wunderbaren Coming-of-Age-Drama Die Mitte der Welt. Für einen Moment war Svenja Jung auch in der Seifenoper Unter uns zu sehen, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Es war ihr erstes Engagement, das mittlerweile auch schon wieder zwei Jahre her ist. Nach 14 Episoden hat sie sich für einen Richtungswechsel entschieden und ist von Köln nach Berlin gezogen. 2017 wird man sie neben Christiane Paul und Barnaby Metschurat in der Krimiverfilmung Ostfriesenkiller sehen können.

Leonard Kunz

Die einen bekommen ihre Rollen über Castings, Leonard Kunz bekommt sie durch soziale Medien. Seinen Auftritt als fieser Nazi-Henker in Terrence Malicks Radegund hat er jedenfalls einer Facebook-Nachricht zu verdanken, die ihm jemand schickte, den er beim Dreh von Gore Verbinskis A Cure for Wellness kennengelernt hatte. Dass er für den neuen Film des Fluch der Karibik -Regisseurs von der Schauspielschule geflogen ist, hat sich sicher auch gelohnt. Dabei wollte Leonard Kunz nicht immer Schauspieler werden. Auf der Liste der möglichen Berufe standen unter anderem Trompeter und Immobilienkaufmann, bis seine Eltern ihm die Flausen austrieben und die Schauspielerei vorschlugen, das sei wenigstens etwas Reelles. Man kann sagen, dass Kunz seither ununterbrochen dreht. Für Jenny wurde er gerade für den Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsschauspieler nominiert, A Cure for Wellness mit der wunderbaren Mia Goth startet am 23. Februar.

Emilio Sakraya

Er war vier, als er inspiriert von Brad Pitt als Berufswunsch die Schauspielerei nannte. Wir wissen nicht, welcher von Brad Pitts Kinderfilmen Emilio so beeindrucken konnte – Fight Club oder Snatch? –, aber seine Mutter traf in jedem Fall die richtige Entscheidung und besorgte ihm eine Agentur. Speed Racer war 2008 sein erster Kinofilm, die erste größere Kinorolle hatte er zwei Jahre später in dem Biopic Zeiten ändern dich, in dem er den jungen Bushido spielt, der mit einer gerappten Version von Goethes Erlkönig Streetcredibility erwirbt. Seither konnte man Sakraya in Die Opfer sehen, dem zweiten Teil der NSU-Trilogie Mitten in Deutschland, in der Bibi & Tina-Reihe als Freund von Bibi sowie in Philipp Stölzls Winnetou-Trilogie, was alles in allem unterstreicht, dass Sakraya sehr wandelbar ist. Ab März geht Sakraya dann unter die Kriminellen, um mit Frederick Lau, Kida Khodr Ramadan sowie echten Berliner Clan-Mitgliedern in der TNT-Serie 4 Blocks die Straßen Neuköllns unter sich aufzuteilen. 

Jonas Friedrich Leonhardi

Sein Herz schlägt fürs Theater – wegen der Körperlichkeit, weil die Arbeit nicht so fragmentiert ist wie beim Film und weil man mit einem Saal voller Menschen den Moment teilen kann. Den Weg auf die Bühne verdankt er seiner Mutter, die dachte, durch die Schauspielerei könne er seine Schüchternheit überwinden. Die Rechnung ging auf. Nach der Jugendtheatergruppe studierte er in Leipzig Schauspiel, wurde anschließend vom Staatsschauspiel Dresden übernommen, wo man ihn 2015 mit dem Erich-Ponto-Preis für herausragende künstlerische Leistungen auszeichnete. Natürlich steht Leonhardi auch vor der Kamera. Für Christian Schwochow im ersten Teil der NSU-Trilogie Mitten in Deutschland: Die Täter wie auch für dessen Biopic Paula, in dem er den Maler, Designer, Pädagogen, Schriftsteller und Sozialisten Heinrich Vogeler spielt.

Alle Fotos: Mathilde Agius | Redaktion: Harald Peters

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