Komakino

… mit einem interplanetarischen Freiheitskampf, einem Modedesigner beim Braten eines Rinderfilets, einem essayistischen Musikfilm, dem neuen Werk von Sofia Coppola, einer schwulen Kreuzfahrt und einer Verbeugung vor dem legendären Jazztrompeter Chet Baker

Valerian

„… und die Stadt der tausend Planeten“ ist nicht nur ein besonders schöner Titel, sondern auch einer, der Interesse weckt, vor allem wenn man sich für Fragen des Städtebaus interessiert. Tausend Planeten, wie soll das gehen? Handelt es sich dabei um kleinere Planeten? Wie viele Leute wohnen da? Gibt es genug Parkplätze? Schnell wird dem Zuschauer vermittelt, dass man in Alpha, jener planetenreichen Mega-City, nicht in herkömmlichen stadtplanerischen Mustern denken darf. Vielmehr handelt es sich um ein kostbares Konstrukt. Über Hunderte von Jahren haben dort unterschiedliche Spezies ihr Wissen miteinander geteilt, um zum Vorteil aller in Harmonie und Frieden miteinander zu leben. Grob vereinfacht könnte man sagen, Alpha sei so etwas wie eine intergalaktische EU. Dummerweise wird Alpha nun aber von finsteren Mächten bedroht, die sowohl Alpha als auch den Rest des Universums ins Chaos stürzen wollen. Wie schön, dass gerade die sympathischen Spezialagenten Valérian und Laureline in der Nähe sind, um sich der Sache anzunehmen. In Luc Bessons neuem Film werden sie von Dane DeHaan und Cara Delevingne gespielt, die gut gelaunt und bis an die Zähne bewaffnet gegen allerhand Finsterlinge ins Feld ziehen, während Luc Besson das Leben im 28. Jahrhundert als bonbonbunten Fiebertraum zeigt, in dem man sich trotz des Fortschritts immer noch mit den gleichen Problemen auseinandersetzen muss wie heute.

Ab 20. Juli im Kino

Dries

Dries van Noten, das erfährt man gleich, ist kein Mann für Spontaneität. Dass der große belgische Modedesigner seine Kollektionen, anders als seine Kollegen, schon Tage vor den Schauen tragebereit auf den Kleiderbügeln hängen hat, wusste man. Doch auch im Privaten muss alles seinen geordneten Gang gehen. Wenn van Noten und sein Partner Patrick Vangheluwe, seit fast 30 Jahren ein Paar, einen ihrer seltenen Urlaube antreten, wollen diese sorgfältig geplant sein. Van Noten berechnet dann mithilfe von Google Maps eine ausgeklügelte Sightseeing-Route, inklusive minutengenau geplantem Besichtigungsablauf. „Wenn du das so erzählst, klingt das ganz schön schrecklich“, sagt Vangheluwe dazu. Ach, na ja. Ein ganzes Jahr lang hat der deutsche Dokumentar lmer Reiner Holzemer Dries van Noten mit der Kamera begleitet. Der Modedesigner, der in den 80-Jahren als Teil der Antwerp Six bekannt und zu einem der wichtigsten Designer unserer Zeit wurde, hat in Paris gerade seine 100. Kollektion präsentiert. Sein Rezept: eine außerordentliche Liebe für Muster und Materialien (für belgische Standards sind seine Entwürfe fast romantisch) und äußerste Diskretion (keine Werbung). Der Film Dries zeigt die Entstehung verschiedener Kollektionen, wirft aber hin und wieder auch einen Blick ins Privatleben des sonst eher zugeknöpften van Noten. Was schön ist, denn besonders bezaubernd kommt sein leicht neurotischer Perfektionismus zur Geltung, wenn der Designer im Garten Blumen pflückt oder sich ein Rinderfilet brät.

Ab 29. Juni im Kino

Song to Song

Terrence Malick hat vor langer Zeit in Harvard Philosophie studiert und summa cum laude abgeschlossen, weswegen er in seinen Filmen gern die ganz großen Fragen anpackt. Da darf die Handlung ruhig mal hinten anstehen, Drehbücher gibt es bei ihm ohnehin nicht. In Hollywood ist diese Art der Selbsteinkehr sehr beliebt, jedenfalls schafft es Malick für seine Filme stets, ein fast absurd hochkarätiges Schauspieler-Ensemble zu versammeln. Wer Pech hat, ist am Ende trotzdem nicht im Film – eine Erfahrung, die im Zuge der Dreharbeiten zu Der schmale Grat fast alle mittelalten Hollywood-Männer machen mussten, als Malick unter anderem Billy Bob Thornton, Mickey Rourke, Gary Oldman, Viggo Mortensen und Martin Sheen aus dem Film schnitt. In Song to Song umkreist der Regisseur nun großräumig das Thema emotionale Einsamkeit in der Musikszene von Austin, Texas. Es geht um Faye (Rooney Mara), eine eher antriebslose Gitarristin, die sich in den begabteren Musiker BV (Ryan Gosling) verliebt, aber nur ein bisschen, denn sie hat noch amouröse Altlasten mit einem Produzenten (Michael Fassbender), der viel Geld und ein schönes Haus hat, aber auch ein egozentrisches Ekelpaket ist. Und außerdem mit der Kellnerin Rhonda (Natalie Portman) anbändelt. Cate Blanchett taucht auch noch kurz auf. Viel genauer lässt sich die Handlung nicht umreißen. Alle Protagonisten tollen gerne wie junge Welpen miteinander herum und verbringen viel Zeit auf Musikfestivals, wo Patti Smith, Iggy Pop, die Red Hot Chili Peppers und Lykke Li auch noch ein paar Szenen bekommen.

Seit dem 25. Mai im Kino

Die Verführten

Wir habenSofia Coppolas neuen Film The Beguiled noch nicht gesehen, aber wir haben Anhaltspunkte. Es handelt sich dabei um ein Remake von Don Siegels gleichnamigem Film aus dem Jahre 1971, der unter dem Namen Betrogen in den deutschen Kinos lief. Bei Coppolas Version entschied sich der deutsche Verleih nun für den Titel Die Verführten, der vielleicht nicht ganz so verführerisch klingt wie gewiss beabsichtigt. Inhaltlich geht es damals wie heute um den Amerikanischen Bürgerkrieg. Ein schwer verletzter Soldat der Nordstaaten wird auf feindlichem Gebiet von einer zwölfjährigen Pensionatsschülerin gefunden, woraufhin der feindliche Soldat im örtlichen Mädchenpensionat unterkommt und dort eine erotische Kettenreaktion auslöst: Alle wollen mit ihm schlafen, was, wie man sich denken kann, kein gutes Ende nimmt. Im Original wurde der Soldat von Clint Eastwood gespielt, der ausnahmsweise mal nicht in einer Actionrolle zu sehen war, im Remake erlebt man Colin Farrell, was allenthalben für Unmut sorgt, weil sein irisch gefärbtes Englisch nicht ganz so amerikanisch klingt, wie man es gewohnt ist. Die Sorge zeugt allerdings von erheblicher Geschichtsvergessenheit, weil der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 direkt im Anschluss auf die Große Hungersnot von 1845 bis 1852 folgte, die viele Iren nach Amerika flüchten ließ, weswegen die irische Mundart im Nordamerika jener Zeit gewiss keinen Ausnahmefall darstellte. Außerdem ist bemerkenswert, dass man im Mädchenpensionat des Originals Kleider in Brauntönen bevorzugt, was in Ermangelung von Vollwaschautomaten ausgesprochen nachvollziehbar ist. Nicht ganz leuchtet jedoch ein, warum alle Frauen und Mädchen im Film stets barfüßig sind. Das dürfte auch Sofia Coppola aufgefallen sein, denn soweit wir das von dieser Stelle aus überblicken können, sind bei ihr Nicole Kidman, Kirsten Dunst und Elle Fanning fußtechnisch tadellos gekleidet. Dass sie den kompletten Film über auch blütenweiße Kleider tragen wie jene selbstmörderischen Schwestern in Coppolas Debüt The Virgin Suicides, werten wir als eine Rückkehr zu alter Form.

Ab 29. Juni im Kino

Dream Boat

„Ein Schiff wird kommen / Und das bringt mir den Einen / Den ich so lieb wie keinen / Und der mich glücklich macht / Ein Schiff wird kommen / Und meinen Traum erfüllen / Und meine Sehnsucht stillen / Die Sehnsucht mancher Nacht“, sang bereits Lale Andersen, und auch Dipankar, Ramzi, Philippe, Marek, Martin und die anderen, die in Tristan Ferland Milewskis wunderbarem Dokumentarfilm Dream Boat zu Wort kommen, würden wohl in das Lied mit einstimmen, wenn sie nicht längst selbst an Bord wären. Es handelt sich dabei um ein Kreuzfahrtschiff, das zu einer Gay Cruise entlang der spanischen Küste durchs Mittelmeer schippert. Konkret muss man sich das Ganze wie eine siebentägige CSD-Sause ohne politischen Anspruch, aber dafür mit besserem Wetter vorstellen. Alle orientieren sich am Körperideal handelsüblicher Pornostars – rasierte Brust, gezupfte Brauen, Sixpack, Bizeps, solariumbraune Haut, ausgesprochen jung, auch wenn man nicht jung ist. Allerdings kommen nur wenige an das Ideal heran, was an der offensiv knappen Kleidung jedoch nichts ändert. Bevorzugt werden Speedos und Jockstraps getragen, wie auch Schulterpolster, die vom American Football inspiriert sind, auch wenn an Bord natürlich keiner Football spielt. Als schwuler Mann kann man diese streng monokulturelle Veranstaltungje nach Perspektive wahlweise entsetzlich oder wahnsinnig befreiend finden, wahrscheinlich hängt es ganz davon ab, wie man sonst so seinen Alltag verbringt. Dipankar ist etwa ein Inder mit Wohnsitz Dubai, während Ramzi als Schwuler in Palästina verfolgt wurde und Marek sein Heimatland Polen lieber Richtung England verließ. Die große Liebe findet Marek auf dem Kreuzfahrtschiff allerdings nicht. Wie auch? Selbst an Bord eines Traumschiffs wäre diese Wendung zu unrealistisch.

Ab 13. Juli im Kino

© Gebrueder Beetz Filmproduktion

Born to Be Blue

Man kann nicht sagen, dass Chet Baker prädestiniert dafür gewesen wäre, ein weltberühmter Jazz-Musiker zu werden. Aufgewachsen auf einer Farm im mittelwestlichen Oklahoma (und dementsprechend weiß), spielte er zwar begnadet Trompete, hatte aber auch ein ausgewachsenes Problem mit der Selbstdisziplin. „Ich bin einfach gerne high“, erläutert er in Born to Be Blue, dem Film zum Mann. Darin wird Baker gespielt von Ethan Hawke, der mindestens so gut aussieht wie das Original, dem seinerzeit das hübsche Etikett „James Dean des Jazz“ angeklebt wurde, auch wenn er natürlich deutlich länger lebte. Der Film zeigt Baker auf seinem Tiefpunkt: Vorbei sind die Zeiten, in denen er mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie den Westküsten-Jazz erfand und er im Glanz des Ruhms erstrahlte. Nach allerlei Drogeneskapaden sitzt er Anfang der Sechziger in einem italienischen Gefängnis. Zurück in den USA, schlägt ihm sein Dealer auch noch die Zähne aus, was für einen Trompeter keine sonderlich gute Grundlage für ein dringend benötigtes Comeback darstellt. Doch natürlich wäre die Geschichte den Film nicht wert, wenn er es nicht trotzdem noch mal schaffen würde, und zwar mit der tatkräftigen Unterstützung einer schönen Frau. Eine lebenslange Romanze hatte er allerdings nur mit dem Heroin.

Ab 8. Juni im Kino