Lars

Lars Eidinger, einer der wohl talentiertesten Film- und Bühnendarsteller des Landes, sorgt in der Berlinale-Jury 2016 für fachkundige Expertise. Der Schauspieler im Interview.

Die französische Schauspielerin Adèle Haenel sprach mit Eidinger während des Festivals von Avignon.

ADÈLE HAENEL: In den vergangenen Wochen habe ich so wenig Deutsch geredet, dass ich mich gerade ein bisschen unsicher fühle.

LARS EIDINGER: Das klingt aber ganz gut. Du schreibst nur total schlecht.

HAENEL: Oh Mann!

EIDINGER: Da stimmt eigentlich gar nichts (lacht).

HAENEL: Schade! Was ich schreibe, bedeutet nichts?

EIDINGER: Doch, es bedeutet schon etwas, aber die Worte sind komplett falsch geschrieben. „Funktioniert“ zum Beispiel. Das schreibst du, glaube ich, „fonctionniert“ – man kann es zwar verstehen, aber richtig ist es nicht, obwohl, der Rest geht eigentlich. So schlecht schreibst du gar nicht.

HAENEL: Genau. Ich war auch ziemlich stolz auf meine Weise, deutsch zu schreiben. Deswegen ist das jetzt keine gute Entdeckung.

EIDINGER: Wahrscheinlich schreibst du auch sehr schnell. Du bist ja keine Legasthenikerin.

HAENEL: Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt noch etwas Intelligentes zu sagen habe.

EIDINGER: Ich hoffe, du bist vorbereitet.

HAENEL: Na ja, eigentlich gar nicht. Ich wollte mich vorbereiten, aber dann habe ich gedacht, ich weiß nicht, keine Ahnung. Ich fang einfach mal an. Wenn du einen Theatertext, also ein Stück liest, wie ist das dann bei dir? Hast du dann gleich eine Idee?

EIDINGER: Ja, aber nur ganz grob. Ich verstehe ein Stück erst bei den Proben, nicht beim Lesen.

HAENEL: Okay!

EIDINGER: Ich habe vielleicht eine Idee, mehr aber auch nicht. Bei Hamlet hatte ich nur die Idee, dass er Tourette hat, das war’s.

HAENEL: (lacht) Hast du dir dazu zusätzlichen Text ausgedacht oder mit dem Text Tourette gemacht?

EIDINGER: Nee, zusätzlich. Das passt zum Stück einfach gut. Denn Tourette spiegelt das Unterbewusstsein, und das Unterbewusstsein sagt die Wahrheit. Wenn man mit einer Frau zusammen ist, sagt das Unterbewusstsein immer: „Ficken, ficken!“ Wenn du mit einem Schwarzen zusammen bist, sagt es: „Neger, Neger!“ Und wenn du mit einem Deutschen zusammen bist: „Heil Hitler! Heil Hitler!“

HAENEL: Ach, so funktioniert also Tourette?

EIDINGER: Ja. Wenn du mit Tourette ein Messer in der Hand hältst, dann geht es immer zum Auge. Und mit der Hand haust du dir immer an den Kopf. Das finde ich total faszinierend. Und weil Hamlet sein Tourette als eine Art Maske benutzt, kann er überprüfen, wie seine Umwelt auf die Wahrheit reagiert – und dann sagen, das war ja nicht ich, das war das Tourette. Ich fand das sehr passend für das Stück.

HAENEL: Und bei Richard?

EIDINGER: Ja, bei Richard hatte ich die Idee, ihn als Clown zu spielen.

HAENEL: Das war sehr gut.

EIDINGER: Aber eigentlich sieht man das gar nicht mehr so richtig, finde ich.

HAENEL: Das mit dem Clown?

EIDINGER: Ja.

HAENEL: Doch, das funktioniert. Die Zuschauer lachen doch die ganze Zeit. Und das ist etwas, was ich besonders gut finde an eurem Richard. Wenn es im Theater um Gut und Böse geht, wird der Zuschauer oft wie ein Kind behandelt, wie eine unkorrumpierte Person. Warum sollte er also das Gute wählen? Aber bei euch, dadurch, dass der Zuschauer lacht, findet der Kampf zwischen Gut und Böse nicht nur vor ihm auf der Bühne statt, sondern in ihm und mit ihm.

EIDINGER: Stimmt. Aber hast du dabei an einen Clown gedacht?

HAENEL: Äh – non!

EIDINGER: Ja, manchmal ist es so, dass man die Anfangsidee zum Schluss nicht mehr sieht.

HAENEL: Wie lange habt ihr für das Stück geprobt?

EIDINGER: Zweieinhalb Monate.

HAENEL: Nicht schlecht.

EIDINGER: Ja, das ist ziemlich lang im Vergleich zu euch. Wie viel Zeit habt ihr?

HAENEL: Einen Monat für drei Stücke. Das ist nicht viel.

EIDINGER: Ja, die Deutschen proben immer total lang. Aber ich glaube, ohne die vielen Proben wären Hamlet und Richard auch nicht so gut geworden. Bis man an den Punkt kommt, an dem es richtig gut wird, braucht man einfach Zeit. Ich habe mich am Anfang zum Beispiel total geschämt, so behindert wie Richard zu laufen. Ich dachte, da lachen mich alle aus: „Aha, so willst du also den Richard spielen? Alles klar!“ Ich finde, das muss man sich erst mal trauen vor den Kollegen. Bei der ersten Probe bin ich deswegen ganz normal gelaufen.

Lars Eidinger: “Theater ist wie der Abgrund bei Indiana Jones, über den keine Brücke führt”
Tweet this

HAENEL: Ich kenne das auch von mir, dass ich auf der Bühne den Drang habe, mich so zu bewegen, als würde mir das Spielen leichtfallen. Was bedeutet, dass ich das Spielen überspiele beziehungsweise mich verschließe.

EIDINGER: Okay, interessant. Aber dann kann man beim Spielen doch gar nicht emotional sein. Und du bist doch total emotional.

HAENEL: Ja, schon.

EIDINGER: Zum Beispiel, wenn man vor der Kamera weinen muss: Der Körper sagt die ganze Zeit: „Nein“, und auch der Kopf sagt: „Nein.“ Man will ja nicht weinen, man will sich nicht schämen. Deswegen muss man den Körper, das Gehirn und die eigene Emotionalität überlisten, und erst dann funktioniert es. Deswegen ist es gerade auf der Theaterbühne so schwer, weil man ein Stück ja so oft spielt, dass der Körper irgendwann genau weiß, dass jetzt die Stelle kommt, an der Tränen fließen sollen. Und davor versucht er sich zu schützen, mich zu schützen. Und dann kann ich es eigentlich nicht mehr. Also muss ich mich austricksen, muss schneller sein, bevor ich mich davor schützen kann. Ich muss mich selber überwältigen. Aber im Theater ist das irre schwierig, finde ich. Nach den vielen Vorstellungen ist das irgendwann so abgenutzt, dass ich nichts mehr erlebe. Bei Richard habe ich zum Beispiel in der Premiere am Ende so total geweint …

HAENEL: Ich erinnere mich, du hast mir davon erzählt.

EIDINGER: … Ja, und das ist mir danach nie wieder passiert. Ich war so angestrengt und so nervös, weil es ja die Premiere war. Und dann, am Ende des Stücks, war die Nervosität plötzlich weg und ich so davon gerührt, dass der Raum plötzlich von Shakespeares Sprache erfüllt war, weil der letzte Text ja auf Englisch gesprochen wird. Plötzlich war man ganz direkt beim Autor, und dann ging es wie von selbst.

HAENEL: Macht total Sinn.

EIDINGER: Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich habe noch eine Erinnerung daran, aber es ist schwer, das immer wieder zu erleben. Bei dem Stück, das wir hier gerade eben gesehen haben, da wurde gar nichts erlebt. Die haben nicht einmal versucht, etwas zu erleben.

HAENEL: Nein, von Risiko war da nichts zu spüren.

EIDINGER: Und ich kann es auch nicht verstehen, wie die Schauspieler auf der Bühne ignorieren konnten, dass während des Stücks die Zuschauer abhauen. Das kapier ich nicht.

HAENEL: Aber als ihr Hamlet hier im Cour d’honneur gespielt habt, ist doch keiner abgehauen, oder?

EIDINGER: Das weiß ich nicht. Aber wenn jemand gegangen ist, hab ich gesagt: „Wo wollt ihr denn hin?“ Ich kann mich erinnern, dass ich in Helsingør mal ganz lange mit einer Zuschauerin gesprochen habe, die gehen wollte. Sie meinte, sie müsse den letzten Zug kriegen.

HAENEL: Das hat sie gesagt?

EIDINGER: Ja. Und ich meinte: „Nein, du kannst doch jetzt noch nicht gehen! Du musst doch sehen, wie es ausgeht! Du musst dir das Ende noch anschauen.“ Und wenn ich so etwas sage, lachen die Zuschauer immer. Manchmal bleiben die Leute dann auch, manchmal werden sie auch aggressiv.

HAENEL: Verstehe.

EIDINGER: Aber nichts zu sagen, fände ich komisch. Auf der Bühne steht man als Schauspieler in einer Verbindung zum Publikum. Und plötzlich steht jemand im Publikum auf und geht – dann kann man das doch nicht ignorieren. Als Schauspieler kann man sich ja nicht auf einen Teil des Publikums beziehen und den anderen Teil ignorieren, also, das funktioniert für mich nicht. Und wenn es nur ein Blick ist, mit dem man als Schauspieler reagiert. Man muss ja nicht immer sagen: „Ey, bleib hier!“, man kann ja auch gucken oder irritiert sein. Aber was man nicht kann, ist, einfach so weiterspielen und tun, als ob nichts wäre. Man ist ja keine Maschine, es handelt sich auch um keine Aufnahme. Es ist etwas, was in dem Moment passiert.

HAENEL: Ja klar.

EIDINGER: Und eine andere Sache, die ich nicht verstehe: Die Franzosen, die lieben doch das Theater aus Deutschland. Aber aus irgendeinem Grund färbt das nicht auf ihr eigenes Theater ab. Die Franzosen haben doch das gleiche Potenzial, die können doch auch so spielen wie wir. Wir sind ja nicht von einem anderen Stern.

HAENEL: Klar könnten die das.

EIDINGER: Aber warum machen die das dann nicht einfach? Warum spielen die so, wie sie spielen? Das kapiere ich nicht. Die können doch auch so spielen, da bin ich mir sicher. Es ist ja nicht so, dass wir eine andere Art zu spielen üben würden. Wie man spielt, ist ja auch eine Entscheidung, und dann entscheiden sie sich für das, was man auch hier in Avignon sieht. Das versteh ich nicht.

HAENEL: Es liegt am System. Die Theatermacher bekommen öffentliche Gelder, und die, die das Geld bekommen, sind immer die Gleichen. Und die Leute, die sich ein neueres, anderes Theater wünschen, gehen leer aus.

EIDINGER: Es kommt mir immer ein bisschen wie Straßentheater vor: „Mesdames et Messieurs, écoutez moi! Je vous raconter une histoire! Il était une fois il y a bien longtemps!“ Als würden sie die ganze Zeit rufen. Das muss ja nicht sein. Da kann man sich doch irgendwas anderes ausdenken als dieses Klischee von Theater. Und dann diese Art, sich auf der Bühne zu bewegen, total bescheuert und unglaubwürdig.

HAENEL: Hahaha!

EIDINGER: Ich habe mal ein Stück von Richard Dresser gespielt, Goldene Zeiten hieß das, da war ich so ein Cowboy und hatte mir mit Stift einen Bart aufgemalt. Und dann kam ein Tänzer des Choreografen Alain Platel auf mich zu und meinte: „Ey, jemand, der so einen Bart hat, der bewegt sich nicht so, wie du dich bewegst. Jemand, der so einen Bart trägt, ist ein ganz anderer Mensch als der, den du spielst. Du kannst dir doch nicht einfach irgendeinen Bart anmalen.“ Das hat mich zwar getroffen, aber er hatte natürlich recht. Und so ist es auch, wenn man einen Fatsuit trägt, wie der Typ eben bei der Vorstellung. Wenn man so ein Ding anhat, kann man sich doch nicht so bewegen, als wäre man dünn. Warst du davon überzeugt?

HAENEL: Ich habe nicht so sehr darauf geachtet. Ich habe mich eher gefragt, wer eigentlich wer war. Das hat mich so ein bisschen verwirrt.

EIDINGER: Waren das nicht alles Brüder?

HAENEL: Jedenfalls waren sie Geschwister, glaube ich. Keine Ahnung.

EIDINGER: Für mich wird Theater immer dann interessant, wenn es ums Ungewisse geht. Deswegen finde ich auch deinen Vergleich von Theater mit Indiana Jones ganz gut.

HAENEL: Okay.

EIDINGER: Ja, du hast ja mal gesagt, dass Theater wie der Abgrund bei Indiana Jones ist, über den keine Brücke führt. Man muss darübergehen, in dem Glauben, es gäbe eine, und dann trägt sie einen auch. Und bei der Improvisation, wenn man sie ernst nimmt, weiß man ja auch nicht, wohin sie führt. Aber wenn ich weiß, was das Ziel ist, handelt es sich ja nicht mehr um reine Improvisation. Bei der Improvisation lässt man sich nur von seiner Intuition leiten. Das ist wie der Schritt ins Ungewisse. Vor dem hat man natürlich Angst, weil man fürchtet, in ein Loch zu fallen.

HAENEL: Das könnte ja auch passieren.

EIDINGER: Wenn es nicht passieren könnte, wäre es nicht interessant.

HAENEL: Und ohne ist Theater nicht interessant?

EIDINGER: Stimmt. Es gibt zum Beispiel Abende, an denen es mir schwerfällt, mich zu motivieren. Da denke ich: „Ich habe schon soundso viele intensive Vorstellungen gespielt, was kann da jetzt noch kommen? Da kann nichts mehr passieren.“ Aber dann stelle ich mir vor, dass ich auf die Bühne gehe und alles machen darf. Ich bin total frei, es ist die totale Anarchie. Aber ich muss es gar nicht machen. Allein zu wissen, dass ich alles könnte, reicht schon. Aber es gibt Kollegen, die sich jede Form von Anarchie verbieten, die Angst haben vor dem Ungewissen. In dem Moment, wo irgendetwas Unvorhergesehenes auf der Bühne passiert, versuchen sie sofort wieder, alles unter Kontrolle zu bringen. Wenn ich zu jemandem im Publikum sage, er möge bitte mit dem Filmen aufhören, dann weiß ich ja nicht, wie der reagiert. Es kann ja auch sein, dass der etwas sagt, wodurch ich in die Defensive gerate. Das ist auch schon passiert.

HAENEL: Verstehe ich nicht.

EIDINGER: Na ja, wenn ich improvisiere, bin ich erst mal in der Offensive. Aber manchmal sagt der Zuschauer darauf etwas, worauf ich defensiv werde. Einmal hat einer zu mir gesagt: „Respekt, du Affe!“ Das hat mich total getroffen.

HAENEL: Was hast du darauf gesagt?

EIDINGER: Erst gar nichts. Und dann: „Erklär mir das! Was meinst du?“ Und er dann: „Ach komm, hör auf!“ Aber ich glaube, es hat mich so getroffen, weil ich insgeheim wusste, was er meint. Er meinte, glaube ich, dass ich respektieren soll, dass da Leute sitzen und ich mir einfach die Freiheit nehme, aus der Rolle zu fallen. Aber „Affe“ fand ich gemein.



Von: Adèle Haenel

Fotos: Rory van Millingen | Styling: Andreas Peter Krings

Interviews / Weitere Artikel