LAURA TONKE
"Ich habe überhaupt keine Angst mehr"

Einst hatte Laura Tonke die Nase voll vom Schauspielern. Sie hängte den Job an den Nagel und arbeitete in einer Videothek. Nun hat sie den Deutschen Filmpreis gewonnen – und wurde als erste Schauspielerin zugleich als beste Haupt- und Nebendarstellerin ausgezeichnet.

© Hella Wittenberg

Eigentlich wollte sie Groupie werden, Stewardess oder Schauspielerin waren auch eine Option. Als Laura Tonke auf dem Schulhof ihres Berliner Gymnasiums entdeckt wurde, erübrigten sich die Optionen eins und zwei. Stattdessen spielte sie mit fünfzehn ihre erste Rolle im Autorenkino, für das sie im Wende-Berlin krumme Dinger drehte (Ostkreuz) und ihrem Filmpartner ins Gesicht spucken musste (was sie große Überwindung kostete). Später versetzte Tonke die Bundesrepublik in Angst und Schrecken (als Gudrun Ensslin im RAF-Film Baader).

Der ganz große Durchbruch kam trotzdem nicht, weswegen sie zwischenzeitlich schon gar keine Lust mehr aufs Filmgeschäft hatte. Und nun das: Für ihre Rollen in Hedi Schneider steckt fest und Mängelexemplar ist Laura Tonke beim Deutschen Filmpreis gleichzeitig als beste Haupt- und Nebendarstellerin ausgezeichnet worden. Das hat vor ihr noch keine geschafft.

 

INTERVIEW: Frau Tonke, haben Sie in Ihrer Wohnung schon den richtigen Platz für Ihre beiden Filmpreise gefunden?

LAURA TONKE: Ich habe sie noch gar nicht! Die werden gerade erst graviert. Die Preise, die man auf der Bühne überreicht bekommt, sind nämlich leer, weil bis zum Ende nur der Notar weiß, wer gewinnt. Ich glaube, wenn ich sie erst einmal zu Hause habe, fühlt sich auch alles nicht mehr so unwirklich an. Dann werden sie wahrscheinlich eine Art Wanderpokal.

INTERVIEW: Wie viele Nachrichten hatten Sie auf dem Anrufbeantworter, als Sie letzten Freitag nach Hause kamen?

TONKE: Viele, der war voll. Eigentlich wollte ich auch ein Foto von all den Facebook-Nachrichten machen. Das hat sich gut angefühlt.

INTERVIEW: Vor Ihnen hat noch keine Schauspielerin in einem Jahr den Preis für die beste Haupt- und Nebenrolle bekommen.

TONKE: Genau, man sagte mir, ich könne mich jetzt ins Guinnessbuch der Rekorde aufnehmen lassen. (lacht) Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich gut, denn das wollte ich als Kind immer. Ich habe ständig überlegt, wie ich das schaffen könnte. Ich kann aber nicht so viel, bei mir ist alles eher unperfekt und halb.

INTERVIEW: Immerhin wurden Sie als 15-jährige vom Schulhof weg für Ihre erste Filmrolle in Michael Kliers Ostkreuz engagiert.

TONKE: Ich ging Anfang der Neunziger auf eine etwas künstlerisch angehauchte Schule, deswegen standen immer die ganzen Caster am Schulhof. Eigentlich hatte ich zu der Zeit den Plan, Groupie einer Rockband werden. Denn ich hatte gerade das Buch eines tollen Groupies von Jim Morrison und den Rolling Stones gelesen. Fand ich super. Aber als dann das Vorsprechen kam, dachte ich: Ich werde einfach selbst ein Star.

Laura Tonke: “Wenn ich kein Geld habe,
bringe ich eben Pfandflaschen zurück”
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INTERVIEW: In der Dokumentation Mädchen am Sonntag sieht man Sie dann mit Anfang zwanzig im Hotelzimmer sagen: „Ich habe mir das immer ganz anders vorgestellt. Dass ich mit 18 schon ein Superstar bin und mit 20 nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld und mit 21 überlege, ein Parfum zu kreieren. Und dann habe ich mit 21 festgestellt, dass ich über ein Jahr lang gar nichts gearbeitet habe.“ Sind Sie jetzt dort angekommen, wo Sie immer hin wollten?

TONKE: Nein, gar nicht. Das war ja damals eine überspitze Version dessen, was man sich als Vierzehnjährige vorstellt. Man wollte wie Chloë Sevigny in New York sein. Mein Leben funktioniert auch ohne diese Dinge, ich vermisse nichts. Und rückblickend ist es so, wie es gekommen ist, absolut ideal. Der rote Faden wird erst jetzt sichtbar. Natürlich gab es vorher schon Momente, in denen ich dachte: „Mann, das wäre jetzt so gut gewesen, diesen Preis zu kriegen, so eine Scheiße!“

INTERVIEW: Die Auszeichnung als Beste Hauptdarstellerin haben Sie nun für Ihre Rolle im Depressionsfilm Hedi Schneider steckt fest bekommen. Gab es bei Ihnen auch einmal eine Situation, in der Sie das Gefühl hatten, Sie fahren in eine Sackgasse?

TONKE: Ja, das war vor dreizehn Jahren, als ich schon einmal für den Deutschen Filmpreis nominiert war. Da hatte ich gerade Baader gedreht und Pigs Will Fly, echt tolle Filme. Und dann ging es trotzdem nicht so weiter, wie ich mir das erhofft hatte. Die Angebote blieben aus. Da habe ich mich ein bisschen verrannt. Ich habe gemerkt, wie passiv der Schauspielberuf ist. Man wartet auf den Anruf und lässt dann alles stehen und liegen. Man gibt im Casting alles und bekommt die Rolle nicht, weil man von irgendetwas zu viel oder zu wenig hat. Das hat mich früher die letzten Nerven gekostet. Ich wollte einfach nicht mehr. Deswegen habe ich dem Beruf für ein Jahr den Rücken gekehrt.

INTERVIEW: Was haben Sie stattdessen getan?

TONKE: In einer Videothek gearbeitet.

INTERVIEW: Sie haben Filme verliehen?

TONKE: Genau.

INTERVIEW: Immerhin sind Sie in der Branche geblieben.

TONKE: Ja, irgendwie fühlte ich mich da noch ganz gut. Außerdem durfte man die Filme umsonst mit nach Hause nehmen. (lacht)

INTERVIEW: Haben Sie jetzt Angst, dass es wieder ähnlich kommen könnte?

TONKE: Nein, ich habe überhaupt keine Angst mehr. Grundsätzlich nicht. Heute ist es mir total egal, wenn ich ein Dreivierteljahr nicht drehe. Das interessiert mich einfach nicht mehr. Wenn ich kein Geld habe, verkaufe ich eben ein paar Klamotten. Oder bringe Pfandflaschen zurück. Ich kann das nicht mehr mein Leben bestimmen lassen. Aber ich mache den Beruf ja seit 25 Jahren, es ist also ganz okay, wenn man das nach 15 Jahren merkt.

Laura Tonke: “Es ist ganz schön,
mal der Konsens zu sein”
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INTERVIEW: Beim Filmpreis sahen Sie dann, ehrlich gesagt, ein wenig schockiert aus.

TONKE: War ich auch. Der Preis für die Beste Nebenrolle hat mich wirklich richtig aus der Fassung gebracht. Barbara Sukowa war nominiert, Anneke Kim Sarnau war toll, Lina Wendel war auch der Hammer. Ich habe die Auszeichnung allen zugetraut, nur mir nicht. Detlef Buck hat dann ja in der Preisverleihung gesagt: Der Konsens gewinnt. (lacht) Aber es ist auch ganz gut, mal der Konsens zu sein. War ich ja jahrelang nicht. Es ist ein sehr schönes Gefühl, denn es hätte auch genauso kommen können wie immer: „Ah, Mist, gerade nicht. Du warst echt gut, aber die andere war noch besser. So eine Nina Hoss, da kommst du halt nicht ran.“

INTERVIEW: Sind Ihnen die Nebenrollen genau so lieb wie die Hauptrollen?

TONKE: Ich finde, dass Nebenrollen grundsätzlich eine größere Herausforderung sind. Das klingt jetzt komisch, aber: Ich eigne mich ganz gut für Hauptrollen. Ich kann mir gut den ganzen Bogen einer Hauptrolle erarbeiten, das liegt mir. Nebenrollen waren nie mein Ding. Das fing erst mit Florian Lukas in Good Bye, Lenin! an. Anschließend sind mir immer öfter tolle Nebenrollen angeboten worden. Die Stärke einer Nebenrolle ist ja, dass man in den einzelnen Szenen prägnanter sein kann und muss. Bei einer Hauptrolle hat man einen längeren Atem. Das war auch einer der Gründe, warum ich Mängelexemplar unbedingt machen wollte, abgesehen davon, dass die Regisseurin Laura Lackmann eine Freundin von mir ist.

INTERVIEW: Melden sich jetzt viele alte Bekannte bei Ihnen?

INTERVIEW: Ja, aber da freue ich mich wahnsinnig drüber. Meine Nachbarn haben mir einen Blumenstrauß vor die Tür gelegt. Und einen Hammer. Weil sie mich vorher gefragt haben: „Und, glaubst du du gewinnst?“ Und ich meinte: „Das wäre der Hammer.“ Und dann haben sie mir einen Hammer geschenkt, auf dem Lola 1 und Lola 2 steht. Diese Dinge rühren mich dann zu Tränen.

INTERVIEW: Was würden Sie der 15jährigen Laura Tonke heute sagen?

TONKE: Gut gemacht!

 

Von: Frauke Fentloh

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