LSD
Eine Droge erlebt den zweiten Frühling!

© Interview Germany, August 2012

Ein Stück Papier kann die Welt aus den Angeln heben – wenn ein Tropfen LSD drauf ist. 2012 haben wir mit Martin Witz, Regisseur des Dokumentarfilms über den Erfinder von LSD, Albert Hofmann, gesprochen. Ein Interview, das aktueller denn je ist, denn die kontroverseste Droge der Welt erlebt gerade ihren zweiten Frühling, wie die britischen Behörden für Drogenmissbrauch jetzt bestätigten.

 

Grund für den Boom von LSD seien vor allem die Darknets, in denen Dealer und Konsumenten anonym zusammenkommen – und dafür sorgen, dass LSD laut 2014 Global Drugs Survey mittlerweile die dritt populärste Droge auf dem virtuellen Schwarzmarkt Silk Road ist.

Lesen Sie hier das Interview mit Martin Witz aus unserer August 2012 Ausgabe:

 

von: INGO NIERMANN

Der Mann blickt auf eine ehrbare Karriere im Schweizer Filmgeschäft zurück, als Drehbuchautor, Tonmann, Regisseur. Jetzt drehte Martin Witz, 56, einen Dokumentarfilm über Albert Hofmann, den Entdecker von LSD. Bis zu seinem Tod haderte der Chemiker deswegen mit sich, was ihn nicht von wiederholten Selbstversuchen abhielt. The Substance zeichnet nach, wie dieser psychoaktive Stoff eine Epoche prägte und die Welt veränderte.

Interview: Ihr Film über die 60-jährige Geschichte des LSD zeigt immer wieder Nahaufnahmen von Gesichtern, die unter Einfluss der Droge strahlen, lachen und vor Glück geradezu zu vergehen scheinen. Dürfen wir annehmen, dass Sie selbst äußerst positive Erfahrungen mit LSD gemacht haben?

Martin Witz: Ich habe LSD als junger Erwachsener ausgiebig probiert. Ich habe mit Mitte 20 ziemlich viele Trips und auch Psilocybin und Meskalin genommen, weil mich diese Erfahrung auf eine unglaubliche Art fasziniert hat. Ich wollte -wissen, was das genau ist – ohne es je herausgefunden zu haben.

Interview: Was hat Sie so fasziniert?

Witz: Ihre Frage ist insofern idiotisch, als man das eben nicht genau in Worte fassen kann. Bei mir hat die Einnahme von LSD in der Regel nicht zu spektakulären optischen Farbexzessen, Euphorien oder Sex geführt, sondern zu einem unglaublich kräftigen Gefühl des Angebundenseins an die Umgebung, an die Natur. Albert Hofmann, der Schweizer Entdecker von LSD, hat es das Gefühl der Mitgeschöpfigkeit genannt – das ist ein quasireligiöser Zustand, ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit.

Interview: Sie haben LSD in der Natur genommen?

Witz: Am Waldrand, am See, einmal auch im Zoo, das war wunderbar. Das Wichtigste ist: kein Stress, vertraute Leute und Zeit. Später habe ich es dann bei einem Arzt eingenommen. Es gab Mitte der 80er-Jahre eine Phase in der Schweiz, als das im Rahmen von psychotherapeutischen Behandlungen möglich war. Ich war damals – zwischen 25 und 28 – in einer Krise und hatte mich entschlossen, eine Therapie zu machen. Und am Schluss dieses dreijährigen Prozesses hat mein Psychiater mir das angeboten. Das war damals ein reines Nischenphänomen, an der Nahtstelle zwischen Schulpsychiatrie und Spiritualität.

Filmstills aus „The Substance”

Interview: Was verspricht sich ein Therapeut von LSD?

Witz: Da muss man unterscheiden. LSD wurde nach der Entdeckung 1943 durch Albert Hofmann zuerst von der Psychiatrie aufgegriffen. Die Hoffnung war damals, man könne durch die Wirkung des LSD so etwas wie eine Modellpsychose induzieren, um dann, wie auch immer, daraus eine Heilung abzuleiten.

Interview: Ähnlich wie bei einer Impfung, bei der die Immunisierung durch die kontrollierte Einnahme eben genau des Giftstoffes erfolgt?

Witz: Man hat sich gedacht: Wenn diese Substanz an einer Stelle im Hirn psychoseähnliche Zustände erzeugt und wir gleichzeitig durch Messungen diese Stelle im Hirn finden, dann werden wir womöglich auch eine Substanz generieren können, die genau das Gegenteil bewirkt und die Psychose runterfährt. Das war, wie die Realität zeigte, zu mechanistisch gedacht. Die Hoffnung, mit LSD komplexe psychische Störungen zu heilen, hat sich in dieser ersten Phase nicht erfüllt. Aus diesem Grund wurde LSD im Laufe der 60er-Jahre aus der psychiatrischen Forschung langsam wieder ausgebettet.

Interview: Aber LSD war in der psychiatrischen Behandlung auch in dieser Ära noch ein verbreitetes Mittel. Der Hollywoodschauspieler Cary Grant etwa hat im Rahmen einer Therapie über Jahre hinweg jeden Samstagnachmittag LSD genommen.

Witz: Es gab damals in Los Angeles im Wesentlichen zwei wichtige Psychiater, die LSD sehr systematisch bei ihren Patienten angewandt haben. Cary Grant war bei Weitem nicht der einzige Schauspieler, Künstler, Intellektuelle oder Prominente, der das damals versucht hat. Die Idee war zunächst, dass man mithilfe des LSD den Zugang zum Unbewussten öffnet, um dann mit klassischen psychoanalytischen Methoden auf die Probleme, die dort eingepanzert sind, zugreifen zu können. Das ist die psycholytische Schule, die vom Prager Psychiater Stanislav Grof begründet wurde. Der nächste, psychedelisch genannte Schritt wurde von amerikanischen Ärzten gemacht, die mit viel höheren Dosen von LSD versucht haben, Patienten, die nicht mehr zugänglich waren für einen analytischen Dialog, auf eine transzendentale Ebene zu katapultieren, damit sie sich dort neu finden. Das hat zum Teil funktioniert, ist aber auch sehr gefährlich.

Interview: War das auch der Ansatz des Hippie-Gurus Timothy Leary mit seinem legendären Slogan „Turn on, tune in, drop out“?

Witz: Timothy Leary hatte in der Tat die romantische Hoffnung, dass im LSD per se eine heilende gött-liche, aber auch humanistische Potenz steckt.

Interview: Er propagierte die verwegene Idee, man könne unter Einfluss von LSD seine eigene DNA verstehen und von ihr introspektiv die gesamte Menschheitsgeschichte ablesen.

Witz: Das gehört zur großen Mythenbildung um LSD, an der Timothy Leary mit viel gutem Willen, aber auch Übertreibung mitgearbeitet hat. Das war Mitte der 50er- bis in die 60er-Jahre, nachdem der Schriftsteller Aldous Huxley einen wesentlichen Beitrag geleistet hatte zur philosophischen Legitimierung des LSD. Die Hoffnung war nicht nur, ein psychiatrisches Werkzeug zu haben, sondern eine Substanz einzunehmen, die über ihre öffnende Wirkung die Kreativität und künstlerische Potenz steigert. LSD rückte in die Rolle eines Sakraments, und man versuchte, eine Fusion herzustellen zwischen schamanistischen Heilungsversuchen und psychiatrischem Prozess.

Interview: LSD war die Initiationsdroge der Hippies, aus denen wiederum die Ökologiebewegung erwuchs. Gäbe es ohne LSD keine Grünen?

Witz: Die ganze Ökologiebewegung auf das Konto LSD zu buchen wäre falsch. Ich glaube, dass das Hippietum auch ohne LSD entstanden wäre, aber nicht diese Dimensionen angenommen hätte.

Interview: Sicher, es gab auch schon im ausgehenden 19. Jahrhundert die Lebensreformbewegungen, die das heutige Interesse an ökologischer Landwirtschaft, Vegetarismus, Naturheilkunde, Hinduismus und Yoga vorweggenommen haben. Aber es brauchte LSD, damit diese Ansätze durch die Hippies eine enorme Renaissance erfuhren.

Witz: Nur ist es verdammt schwer, zu sagen, wo die Kausalität liegt. Ich neige dazu, mir das als mehr-dimensionale Situation vorzustellen. Es war höchste Zeit, dass die rigide Gesellschaft der 1950er-Jahre aufgebrochen wurde, es gab erste Nischen der Revolte wie die Beatniks, und es gab gleichzeitig die massive Bedrohung des Kalten Krieges. Unter diesen Bedingungen entsteht eine Gegenbewegung, und deren Ferment oder Treibstoff ist LSD. Es gibt diese seltsame Parallelität, dass im Frühjahr 1943, als Albert Hofmann die Wirkung von LSD entdeckte, auch die erste Atombombe ihren Rollout in Los Alamos hatte.

 

Martin Witz: “Damals gab es zwei Psychiater, die LSD bei ihren Patienten anwandten. Cary Grant war bei weitem nicht der einzige Schauspieler, Künstler oder Intellektuelle, der es versucht hat.”
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Interview: Albert Hofmann hat gesagt: „Man könnte auf die Vermutung kommen, diese Koinzidenz sei vom Weltgeist in Szene gesetzt worden.“ Und 1960 meinte der Poet Allen Ginsberg – da hatte er zum ersten Mal LSD genommen –, mit LSD könne man den Menschen beibringen, einander nicht mehr zu hassen, und eine Friedens- und Liebesbewegung starten. Schon wenige Jahre später gab es die Hippies und massenhafte Proteste gegen den Krieg in Vietnam.

Witz: Aber das ist ja das Verrückte beim LSD: Es wurde für alle möglichen Interessen in Beschlag genommen, und nie hat es so richtig funktioniert. LSD ist regelmäßig überschätzt worden. Die Psychiatrie hat ihre Hoffnungen enttäuscht gesehen. Genauso die Geheimdienste, die LSD als Wahrheitsserum nutzen wollten – hat nicht funktioniert. Die Armeen haben in LSD eine ideale Waffe gesehen, die einen Krieg ohne Tote ermöglicht: Wir sprayen das über ganze Städte, gehen da rein, Krieg gewonnen. Die Hippies: Wenn wir alle das nehmen, haben wir einen besseren Planeten. Hat auch nicht besonders gut funktioniert. LSD wurde in komplett konträren gesellschaftlichen Zusammenhängen eingesetzt – mit riesigen Hoffnungen, die sich nie erfüllt haben. Außer jetzt vielleicht, da man im Zeichen einer schüchternen Renaissance des LSD in den USA und in der Schweiz versucht, es bei Schwerkranken einzusetzen, um ihre Depressionen und Todesängste zu mindern – da gibt es Erfolge.

Interview: Sie zeigen in Ihrem Film Bilder, wie Soldaten der US-Armee, denen man LSD verabreicht hat, kichernd durch die Gegend torkeln. An deren Kampfeinsatz ist nicht mehr zu denken. LSD wirkt da doch sehr effizient.

Witz: Selbstverständlich macht LSD Soldaten kampfuntauglich, aber das Problem ist die Applikation. Wie will man diese Substanz einem ganzen feindlichen Heer verabreichen? Wenn man es versprühen würde, wie kommt es in der richtigen Dosis an? Ganz zu schweigen davon, dass UV-Strahlung das LSD zersetzt. Die amerikanische Armee hat darum ihre Versuche nach kurzer Zeit wieder beendet.

Interview: Hat nicht Nick Sand, der Hersteller von LSD-Tabletten, seine legendären, als besonders rein geltenden „Orange Sunshines“ bei großen Open-Air-Festivals im Kalifornien der 60er-Jahre einfach über der Menge abgeworfen?

Witz: Das war die Brotherhood of Eternal Love – eine Hippie-Truppe aus Orange County, die mit dem Zeug im großen Stil gehandelt hat. Nick Sand war ihr Lieferant. Es stimmt tatsächlich, dass die bei Festivals ziemlich große Mengen LSD gratis verteilt und einmal auch aus einem Flugzeug abgeworfen haben.

Interview: Bräuchte unsere Gesellschaft neue Rituale, im Rahmen derer LSD verabreicht wird?

Witz: Es war die ganz große Utopie von Albert Hofmann, dass man sein „Sorgenkind LSD“ dereinst in eigens dafür ausgelegten psychedelischen Zentren genießen könnte. Warum nicht für interessierte, für suchende Menschen etwas anbieten, wo sie ein Wochenende lang unter kundiger Führung eine tiefe psychedelische und vielleicht auch spirituelle Erfahrung machen können?

Interview: Hatte Hofmann Vorstellungen, wie diese Zentren aussehen sollten?

Witz: So genau habe ich ihn nicht gefragt, aber ich denke mal: wie ein schönes Hotel am Comer See oder in den Bergen, wo Spezialisten und freundliche Menschen sind und wo man sich geschützt und geführt auf die Droge einlassen kann. Hofmann hat sich dabei auf ein historisches Vorbild gestützt, die Mysterien von Eleusis, wo die Athener Elite einmal im Jahr hingepilgert ist, um eine tiefe Erfahrung zu machen und komplett verändert und zufrieden wieder nach Hause zu kommen. So viel weiß man. Was man nicht weiß, ist, was in diesen Mysterien genau geschehen ist. Albert Hofmann hat das mit Kollegen unter die Lupe genommen und festgestellt, dass in der Gegend von Eleusis Getreide wuchs, auf dem das Mutterkorn vorkommt – genau der Pilz, auf dessen Basis er LSD gewonnen hatte.

Filmstills aus „The Substance”

Interview: Auch die nordamerikanischen Huichol-Indianer pilgern einmal im Jahr in die mexikanische Wüste, um dort über mehrere Tage hinweg den meskalinhaltigen Peyote-Kaktus einzunehmen.

Witz: Ja, dieser Alterswunsch von Albert Hofmann ist in anderen Kulturen und Jahrhunderten schon lange fest verankert.

Interview: Warum bietet man LSD nur Todkranken und nicht auch alten Menschen an, damit die sich ­besser auf ihr nahendes Ende vorbereiten können? Der Schriftsteller Ernst Jünger hat einmal die Freigabe von bewusstseinserweiternden Drogen für Senioren gefordert.

Witz: Ja, super! Die nehmen sowieso sehr viele Drogen in Form von Medikamenten.

Interview: Sind Sie für eine Freigabe von LSD?

Witz: Keineswegs. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man es entkriminalisiert. Man nimmt ihm das Stigma des Verbotenen und sagt: Jawohl, es ist eine interessante Substanz. Die hat ihr Potenzial, die hat ihre massiven Gefahren, aber warum sie nicht in die Hände von berufenen Leuten legen, die genau wissen, was sie tun, und LSD so zugänglich machen?

Interview: Was ist denn eigentlich so gefährlich an LSD? Obgleich für einen Trip schon ein einziger Tropfen genügt, kann man es, soweit ich weiß, nicht tödlich überdosieren.

Witz: LSD kann Menschen, die psychisch instabil sind und eine unkontrollierte Dosis einnehmen – womöglich in Zusammenhängen, die stressig sind wie etwa laute Partys –, weiter destabilisieren. Man weiß, dass LSD latente Psychosen freisetzen kann.

Interview: Der Philosophieprofessor Thomas Metzinger sagt, dass, auch wenn LSD in einzelnen Fällen Psychosen auslösen kann, man es dennoch nicht dem hohen Prozentsatz an Menschen vorenthalten dürfe, die nach klinischen Tests den LSD-Trip als das großartigste Erlebnis ihres Lebens bezeichnen.

Witz: Sicher, das ist eine Standardantwort – wenn der Trip gelingt. Aber man darf nicht verheimlichen, dass es auch die andere Erfahrung gibt: dass es das Schrecklichste, Furchterregendste ist und Menschen Todesängste ausstehen.

Interview: Auf einer Skala vom Großartigsten zum Schrecklichsten, wie würden Sie Ihre LSD-Erlebnisse einstufen?

Witz: Ich bin gegen solche Hierarchien. Es war vielleicht mein tiefstes Erlebnis – mit Ausnahme des richtigen Verliebtseins. Eine göttliche Offenbarung hatte ich leider nie.

Interview: Metzinger schlägt einen „LSD-Führerschein“ vor. Zunächst solle man sich auf neurologische Vorerkrankungen und kritische Persönlichkeitsmerkmale untersuchen lassen. Die ersten fünf Trips unternimmt man in Begleitung eines „LSD-Fahrlehrers“ und ist danach berechtigt, maximal zweimal im Jahr LSD auch alleine zu nehmen.

Witz: Zum Glück bin ich kein Gesetzgeber, aber ich halte das an sich für eine produktive Idee.

Interview: Wissen Sie, wann Albert Hofmann zum letzten Mal LSD genommen hat?

Witz: Ich glaube, er war 98.

Filmstills aus „The Substance”
Martin Witz: “Es gibt die seltsame Parallelität, dass im Frühjahr 1943, als Albert Hofmann die Wirkung von LSD entdeckte, auch die erste Atombombe ihren Rollout in Los Alamos hatte.”
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Filmstills aus „The Substance”
Albert Hofmann, Chemiker und Autor in Sorgenkind
Martin Witz, Regisseur von „The Substance”