Raffey Cassidy

Während ihre Klassenkameradinnen netflixen, dreht sie in Hollywood: Die 15-jährige Raffey Cassidy spielt in „The Killing of a Sacred Deer“ die Tochter von Nicole Kidman und Colin Farrell

Porträt: IAKOVOS KALAITZAKIS Kleid: JACQUEMUS

Von: FRAUKE FENTLOH

Es beginnt mit einer Operation am offenen Herzen. Colin Farrell hebelt auf dem OP-Tisch am blutigen Organ herum, dazu läuft Schubert. Anschließend fachsimpelt Farrell, der als Chirurg einen imposanten Vollbart freudschen Ausmaßes trägt, im Krankenhausflur über wasserfeste Luxusuhren. Noch ein wenig später sitzt ein Teenager gefesselt im Luxuskeller seiner Arztfamilie.

Wenn Yorgos Lanthimos, der griechische Regisseur mit Vorliebe für skurrile Realitätsverschiebungen, in „Dogtooth“ die Elternliebe und in „The Lobster“ die Romantik dahinmetzelte, opfert er in „The Killing of a Sacred Deer“ die Kernfamilie. Steven, der Herzspezialist, hat betrunken eine Operation versaut und einen Patienten getötet. Martin, der Teenager, der später im Keller landen wird, belegt Stevens Familie mit einem Fluch: Entweder der Chirurg tötet einen der eigenen Verwandten. Oder es rafft gleich alle auf einmal dahin: Erst tritt Lähmung ein, dann Blutung, dann Tod. In Cannes sagte Nicole Kidman, die Stevens Frau Anna spielt, ihren Kindern werde sie „The Killing of a Sacred Deer“ ganz bestimmt nicht vorspielen.

Das Ganze ist, im Wortsinn lediglich, ein Kinderfilm. Denn die, die es hier dahinraffen soll, sind die Sprößlinge des Ärztepaares. Allen voran Raffey Cassidy: Sie spielt die Teenagertochter Kim, die sich in dieser Funktion umgehend in den Eindringling Martin verliebt. Der fährt Motorrad und versucht gleich noch, Colin Farrell mit seiner verzagten Single-Mutter Alicia Silverstone zu verkuppeln.

Anders, als man angesichts dieser problematischen Beziehungsdynamik erwarten könnte, war die Stimmung am Set vergnügt. „Gerade die Tatsache, dass der Film so düster und seltsam ist, machte den Dreh irgendwie lustig“, sagt Raffey Cassidy. „Wir fanden es alle witzig, wenn einer von uns mit tonloser Stimme sagte, dass er jemand anderem den Tod wünscht.“ Der Todesfluch steht obendrein in mythologischer Tradition: In Euripides „Iphigenie“ tötet Griechen-König Agamemnon einen Hirsch im heiligen Hain. Darauf bezieht sich der Filmtitel. Als Buße soll Steven sein eigen Fleisch und Blut, gespielt von Raffey Cassidy, opfern.

Cassidy ist 15, hat aber schon mit einem ganzen Repertoire an Hollywoodstars gedreht. In „Snow White and the Huntsman“ spielte sie die junge Kristen Stewart (neben Charlize Theron) und in „Dark Shadows“ die junge Eva Green (neben Johnny Depp). Mit Brad Pitt und Marion Cotillard stand sie für den Spionagethriller „Allied“ vor der Kamera, George Clooney führte sie in „Tomorrowland“ in ein Paralleluniversum ein. Starmüdigkeit hat sich noch nicht eingestellt. „Man gewöhnt sich definitiv nicht daran. Ich bin mit diesen Schauspielern im Fernsehen aufgewachsen. Sie zu treffen ist ziemlich seltsam. Ehrlich gesagt. „Es wird sich auch in Zukunft kaum vermeiden lassen. Mit „The Killing of a Sacred Deer“ hatte Cassidy ihren ersten Film in Cannes, in Paris und London lud man sie zu Modenschauen von Louis Vuitton und Burberry ein.

Trotz aller Erfahrung ist ein Dreh mit Lanthimos ein schauspieltechnischer Ausnahmefall. Im Vorsprechen musste Cassidy bei jedem Atemzug in Ohnmacht fallen. Dann sollte sie Barry Keoghan, der Martin spielt, in den Bauch boxen. Cassidy war kurz geschockt, fand aber Spaß an der Sache. „Das hatte zwar nichts mit der Szene zu tun, aber es brachte uns in den Rhythmus, der Yorgos gefiel.“ Es war einer der Handgriffe, mit denen Lanthimos die surreale Aura seines Films heraufbeschwor, in dem alles ein wenig verrutscht erscheint, befremdlich steril und aufdringlich zugleich.

Als bei Kim schließlich die Lähmung einsetzt, musste Cassidy beim Spielen auch noch auf ihre Beine verzichten. „Man sollte meinen, das wäre einfach.“ Ihr dämmerte Gegenteiliges, als sie auf den Händen treppauf und treppab rutschte. „Ich durfte den Kopf nicht bewegen und musste natürlich mein ganzes Gewicht über den Boden schleppen. Nach fünf Takes wurde mir klar: ,Gott, das wird doch ganz schön kompliziert.‘“

 

Credits:

Fotos: Alamode Film

22.03.2018 | Kategorien Film, Magazin | Tags , ,