Unser Sunset Boulevard

Im Mai startet auf TNT die Fernsehserie „4 Blocks“. Es ist der erste Versuch, eine Geschichte im mythischen Arabermilieu von Neukölln zu erzählen. Das ist interessant, sieht auch gut aus und beantwortet vor allem die Frage, wie dort geredet werden könnte. Nämlich deutsch

Los Angeles hat seinen Sunset Boulevard, Berlin die Sonnenallee – kein wirklich stimmiger Vergleich. Im Kleinen, auf Deutschland bezogen aber stimmt es schon: Durch Erzählungen und Filme wurde diese Straße landesweit bekannt. Jetzt wird sie berühmt.

Leander Haußmann hatte damit angefangen, Bücher, Blogs und Reportagen folgten. Im Vorabendprogramm und in der bürgerlichen Presse ist der vom Reporter beschriebene Gang über die Neuköllner Meile, die in Wirklichkeit über viereinhalb Kilometer lang ist, zu einem beliebten Gradmesser geworden für die Stimmung in Deutschland hinsichtlich der Integration von Mitbürgern mit Migrationshintergrund. Mal aniert dann eine Korrespondentin der „FAZ“ über „die Sonni“ und beschreibt die orientalischen Düfte und fremdländischen Speisen, die sie dort wahrgenommen hat, neulich begleitete ein Team der „Zeit“ einen orthodox aussehenden Rabbi über die Sonnenallee. Der Konflikt schien programmiert, eskalierte aber nicht, obwohl dort und entlang dieser Straße, das weiß man auch als Nichtberliner dank der konzentrierten Berichterstattung, die sogenannten Araberclans zu Hause sind.

Zum legendären Ruf der Sonnenallee in der Wirklichkeit hat vor allem der Rapper Bushido beigetragen. Kurze Zeit nachdem er vom Burda-Verlag mit dem Integrationsbambi ausgezeichnet wurde, hatte der „Stern“ seine Versklavung an den Abou-Chaker-Clan bekannt gemacht. Was so ein Clan ganz genau macht, womit seine Mitglieder Geld verdienen, man weiß es nicht: Schutzgeld, Drogen, Prostitution – Kriminalität ist gut für das Geschäft der Serienproduzenten. Von daher wurde es höchste Zeit, dass aus diesem Stoff der Wirklichkeit, der alle fasziniert, etwas Fiktives wird. Zeit für eine Fernsehserie, die auf der Sonnenallee unter kriminellen Arabern spielt.

„Fette Beats. Die Sommernacht ist warm. Studenten und Touristen flanieren mit Späti-Bieren durch Neukölln, zur nächsten Party. Toni, Vince und Kemal cruisen mit einem Mercedes die Sonnenallee runter, das ist ihr Sunset Boulevard. Die Laune ist bestens“, heißt es in der Regieanweisung für die 24. Einstellung der ersten Folge von 4 Blocks.

Eine Regieanweisung ist von der Textsorte her eine Gebrauchsanweisung für die Bebilderung der Szene. Der österreichische Regisseur Marvin Kren (Blutgletscher, Rammbock, diverse Folgen Tatort) übersetzt solche Sätze in einen schnittigen Look, der die real existierende Sonnenallee, eine triste Hauptverkehrsstraße, vergessen lässt. Der real existierende Sunset Boulevard ist ja auch wenig spektakulär. Bei den Dialogen können nur die Schauspieler selbst helfen. Die Drehbuchautoren der Serie stoßen hier an die Grenze ihres Einfühlungsvermögens: Wie reden eigentlich diese arabischen Clanmitglieder untereinander – wie Mafiagangster in amerikanischen Filmen? Wie die Dealer in Breaking Bad?

Arabischstämmige, oder wie es auf den Sedcards der Schauspielagenten heißt: arabisch wirkende Darsteller, sind in Deutschland anscheinend eine knappe Ressource. Früher wurden solche Rollen gern mit Moritz Bleibtreu besetzt. In 4 Blocks spielt der großartige Kida Khodr Ramadan die tragende Rolle des Clanchefs Toni Hamady. Herr Ramadan, ein in Berlin geborener und aufgewachsener Sohn libanesischer Eltern, hat in diversen Filmen für Kino und Fernsehen gespielt – unter anderem in 3 Türken und ein Baby, Tatort et cetera. In Interviews lässt Ramadan auch mal durchblicken, dass er sich rollenmäßig etwas festgelegt fühlt. Das geht den Deutschen in Hollywood ähnlich, zuletzt prominent Diane Kruger, Daniel Brühl und Til Schweiger in Inglourious Basterds, weil Deutsche dann vornehmlich als Nazis besetzt werden. Der deutschstämmige Immigrant Martin Kosleck etwa spielte im vergangenen Jahrhundert in mehr als 80 US-Produktionen für Kino und Fernsehen den Obernazi, darunter immer wieder auch Joseph Goebbels, dem er irgendwie ähnlich sah.

Darsteller wie die Rapper Wasim Taha (Massiv) und Veysel Gelin bringen in 4 Blocks aber vergleichsweise mehr ein als bloß ihr Aussehen, das einem Stereotyp des arabischen Clanmitgliedes entspricht. Die Schwäche der Drehbücher dieser sechsteiligen Serie, die mit angeblichen vier Millionen Dollar für deutsche Verhältnisse hohe Produktionskosten hatte, bestand in den Dialogen. Marvin Kren, der die Sonnenallee und das Pushermilieu bis dahin vor allem aus der Tagespresse kannte, zog eigens nach Neukölln und freundete sich mit Kontaktleuten an, die ihn in die Peripherie der Szene einführten.

„Ich bin in Wien aufgewachsen und habe lange in Hamburg gelebt. Ich hatte schon immer eine romantische Sehnsucht nach dem kriminellen Milieu“, sagt Marvin Kren. „Haftbefehl hat mir mit ,069‘ und ,Massaka Kokain‘ die Darkside der kriminellen Welt gezeigt. Das war eine große Inspiration. Das Pathos dort ist natürlich auch Fantasy! Man legt sich eine Rüstung an wie ein Ritter und fliegt durch die Nacht. Die Realität sieht dann anders aus. Kriminell zu sein ist ein Minusgeschäft, das zeigt 4 Blocks auch.“

Regisseur Marvin Kren: “Freilich wird dort auf der Sonnenallee anders gesprochen als in einem amerikanischen Mafiafilm

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Herr Kren ist voll des Lobes über die Ideen, die insbesondere sein Darsteller Veysel, der den Clanchef Abbas verkörpert, eingebracht hat. So kam es auch zu der Szene, in der sich Abbas in einer goldglänzenden Unterhose von Versace mit dem Videospiel „Fifa“ entspannt. Was sich auf dem Papier der Drehbücher noch etwas, nun ja: papierig liest, bekommt in der Verfilmung den nötigen Swing. Erstaunlicherweise durch ein präzises, ein schönes Deutsch, das dort von den Clanmitgliedern gepflegt wird.

Marvin Kren: „Es gibt einfach Dinge, die man sich nicht vorstellen kann. Dazu gehört der Jargon, der ganz anders ist, als wir uns das vorgestellt hatten, denn freilich wird dort auf der Sonnenallee anders gesprochen als in einem amerikanischen Mafiafilm – obwohl diese Filme eine stilistische Vorlage bilden für das Selbstverständnis der Leute in den Clans.“

Seltsamerweise wirken die Deutschen in dieser Serie weniger glaubhaft. Selbst Frederick Lau, der das spielt, was er immer spielt, also einen Underdog, der genauso viel einstecken muss, wie er austeilen kann, verblasst vom ersten Moment an neben Veysel Gelin, Sami Nasser und Kida Khodr Ramadan. Was nicht daran liegt, dass er schlecht spielt. Marc Hosemann dito. Ronald Zehrfeld als Crystal- Meth-Dealer. Oliver Masucci als Polizist. Aber die arabischen Charakterdarsteller sind ihnen in diesem Plot um Längen voraus, weil sie, wie Regisseur Kren das am Beispiel des Videoclips von Haftbefehl erklärt: von vorneherein Legende sind, Mythos. Deutsche Polizisten kennt man zur Genüge aus dem „Tatort“. Deutsche Straßenköter auch. Ihren Gegenspielern waren bislang einzig die Musikvideos zugeteilt. In einer Art Ghetto in der deutschen Kulturindustrie, um präpotente Gewaltfantasien zu bebildern. 4 Blocks wird ab dem 8. Mai in sechs Folgen auf TNT ausgestrahlt. Es ist das erste Gangsterepos aus dem Berliner Migrantenmilieu dieser Art, das diese Fantasien lebendig macht. Es war einmal in Neukölln: Die Serie erzählt dann eben nicht von Gangstern aus Leidenschaft, sondern von den Leidtragenden einer verfehlten Integrationspolitik. Das Minusgeschäft, von dem Marvin Kren spricht, will in 4 Blocks keiner länger als nötig betreiben. So träumt der Clanchef vom Kauf eines Mehrfamilienhauses an der Sonnenallee, um sich als Vermieter legal zur Ruhe zu setzen. Und seiner Frau verspricht er: „Ich werde der deutscheste Deutsche sein.“

von Joachim Bessing | Fotos: Courtesy of Turner; Instagram: Elli Ferrari